Pop von den Gorillaz Nimm mich mit, Kapitän
Damon Albarn, der Weltreisende des Pop, geht mit seiner Band Gorillaz auf große Fahrt.
© Jamie Hewlett/EMI Music

Die Gorillaz sind smarte Phantome der Popkultur; sie zeigen sich ihren Fans nur in der Erscheinung von Comicfiguren
Wenn gar nichts mehr geht, geht vielleicht noch Pop. Wenn die Welt über dir zusammenkracht, kannst du durch den Raum fallen und den Verstand verlieren, singt Damon Albarn in einem Song des neuen Gorillaz-Albums Plastic Beach. Aber nimm mich bitte mit. Das ist eine gute Beschreibung für das, was der Musterknabe des Britpop seit gut einem Jahrzehnt mit seiner Cartoon-Combo Gorillaz betreibt: Eskapismus auf massenkompatiblem Niveau. Der Künstler versteckt sich hinter einer fiktiven Band, die fiktive Band flüchtet vor den Mühen des Pop-Alltags ins Wolkenkuckucksheim der Sounds. Es ist ein bisschen wie in der Commedia dell’ arte: Erst hinter der Maske findet Albarn zu sich selbst.
Im Universum der messbaren Erfolge trumpft der 41-jährige Brite schon seit den frühen Tagen seiner alten Band Blur auf. Albarn gilt als Britpopkönig und Weltmusikversteher, er reüssierte als Opernautor und agiert als Finanzier eines Londoner Spezialistenlabels, das sich der Durchdringung der Archive des kriselnden Giganten EMI verschrieben hat. Nicht zu vergessen das gefeierte Stadionrockrevival im ewigen Jungsbund Blur. Auf seinen Platten laufen die weit verzweigten Fäden zusammen – zu einer Musik, die aus Vielgestaltigkeit und Mehrdeutigkeit erwächst.
Wer mehr wissen möchte, wird von Damon Albarn gerne enttäuscht. Die Gorillaz arbeiten daran, eines der letzten Geheimnisse des Pop zu wahren. Sie spielen in einer anderen Dimension, die unter dem Logo Phase 3 firmiert. Was Sie wissen müssen: Die Comic-Band hat am Plastic Beach anlanden können, einem aus Müll erschaffenen Kunst-Atoll, das, so die Bandbiografie, selbst Google nicht kennt. Hinter der Kulisse lauert zarte Zivilisationskritik: Ein Plastik-Eiland als allegorische Müllkippe der Menschheit, die aufs Armageddon zutreibt.
Am Anfang waren die Gorillaz ein Experiment aus den Laboren der Pop-Kommunikation. Als der Musiker Albarn und der Zeichner Jamie Hewlett vor über zehn Jahren die Combo aus der Taufe hoben, versuchten sie das Publikum abseits traditioneller Band-Erzählungen abzuholen. Braucht die Welt noch echte Popstars? An deren Stelle schickten sie virtuelle Zombies ins Rennen, die dem alten Pop-Betrieb eine Fratze schnitten: keine Konzerte, keine Interviews, keine Paparazzi. Doch Pop ohne Stars ist so leicht nicht zu haben. Die Manga-Figuren nachempfundenen Gorillaz entwickelten bald eine Eigendynamik, sie verkauften nicht nur sechs Millionen Exemplare ihres Debüt-Albums, sie wollten auch mit Geschichten und Hits gefüttert werden.
Zur Ironie der Geschichte gehört auch, dass sich die virtuelle Band eines immer größeren Prominentenauftriebs bedient, um ihre Songs in neue Umlaufbahnen zu schicken. Auf dem Plastic Beach-Cover finden sich mehr »featuring« -Zeilen als auf jeder Kommerz-Hip-Hop-Platte der letzten Jahre. Bobby Womack und Lou Reed und Snoop Dogg und Mos Def und De La Soul leihen den Gorillaz ihre Stimmen; Mick Jones und Paul Simonon sind erstmals seit dem Ende von The Clash gemeinsam an Bord einer Projekts. Auch im Marketing zwischen den Generationen kommen die Gorillaz ihrer Bestimmung nach. Die Hip-Hop-, Soul- und Rock-Granden nutzen die Comic-Band als Werbeplattform für ein junges Publikum, der Damon hinter den Gorillaz erhält von seinen alten Helden den finalen Ritterschlag.
Wer sich wie Albarn erst einmal der Rock-’n’-Roll-Ochsentour durch die Clubs und Keller entledigt hat, kann hinter den Kulissen seinen Talenten nachkommen, im Verbinden und Vernetzen ist der Sohn eines TV-Produzenten und einer Bühnenbildnerin Weltspitze. Die Gorillaz dienen dem Briten als strategische Zentrale seiner globalen Pop-Feldzüge, sie erzählen vom kosmopolitischen Leben zwischen Bamako und Peking. Bei Albarn wird der frömmelnde Begriff Weltmusik mit Leben gefüllt: Es gibt einen Dialog auf Augenhöhe mit der ehemaligen Diaspora, lautet seine Botschaft. Für die Gorillaz klappert er die Stationen seiner Expeditionen noch einmal ab, um sie dem staunenden Publikum frisch kontextualisiert vorzuführen. Die Comic-Band bietet die digitalisierte Oberfläche für Albarns ambitionierte Arbeit am Patienten Pop – Melodien und Rhythmen aus den Walacheien und Wildnissen, die zu klingeltonfertigen Klangpatterns wachsen dürfen.
Herrsche, teile, tanze! So könnte Albarns Imperativ lauten. Ein Heer von Zuträgern und Mitarbeitern ist an der Rhythmisierung des Klangpuzzles beteiligt, das sich am Ende einer Qualitätskontrolle durch Chef Albarn unterziehen muss. Das Orchester Sinfonia ViVA etwa bekam 60 Songs vorgelegt, für acht Tracks fertigte Dirigent André de Ridder Arrangements an, von denen zwei für gut genug befunden wurden. Albarn möchte nicht nur die Freunde der Oper gewinnen und das Rock-Publikum behalten, er fischt in der Electronic-Gemeinde, sucht die Zustimmung der Hip-Hop-Szene und der interessierten Calypso-Kundschaft. Ja, er will nicht weniger als Mainstream und Underground versöhnen.
Das kommt der Quadratur des Pop nahe. Zu welchem Preis ist Unterhaltungsmusik zu haben, die es einer Mehrheit der Downloader Recht machen will und gleichzeitig in den Electro-Folk-Träumereien ihres Urhebers aufgehen soll? Plastic Beach hinterlässt den Eindruck eines Sammelalbums, das weniger die Handschrift eines genialen Autors als die Freuden des Nerds an der digitalen Werkbank erkennen lässt. Albarn zieht seine Fluchtlinien bis in die exotischen Streicher-Arrangements und das Schnarren der Synthesizer, die von der Endzeit künden. Mit den Beats ist der Brite wieder ganz im Hier und Jetzt, so werden die Gegensätze zum Swingen gebracht.
Am deutlichsten wird das Prinzip Gorillaz, wenn die Sounds ineinanderzulaufen lernen. Pop-Morphing für Fortgeschrittene: Aus dem wippenden Calypso White Flag schält sich ein massiver Hip-Hop-Brummer, der zum Finale in die karibische Hängematte fällt. Sekundenlang scheinen zwei Songs gleichzeitig am Ohr des verblüfften Hörers vorbeizuziehen, die melodischen Ornamente wandern von Orient zu Okzident. Stylo switcht zwischen Bee-Gees-Herrlichkeit und den Herztönen aus dem Soundlabor von Afrika Bambaataa, darüber röhrt Soul-Ikone Bobby Womack wie ein Hirsch vor dem Sprung in die ewigen Jagdgründe. Rhinestone Eyes ist nur ein paar Takte lang die leicht verpennte Blur-Ballade für die Ü40 und holpert bald auf Electro-Beats ins Globale. Das ist nicht die Neuerfindung des Pop, selten aber klang eine Bastelarbeit so sexy.
- Datum 04.03.2010 - 16:58 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren