Albarns Imperativ lautet: Herrsche! Teile! Tanze!
Herrsche, teile, tanze! So könnte Albarns Imperativ lauten. Ein Heer von Zuträgern und Mitarbeitern ist an der Rhythmisierung des Klangpuzzles beteiligt, das sich am Ende einer Qualitätskontrolle durch Chef Albarn unterziehen muss. Das Orchester Sinfonia ViVA etwa bekam 60 Songs vorgelegt, für acht Tracks fertigte Dirigent André de Ridder Arrangements an, von denen zwei für gut genug befunden wurden. Albarn möchte nicht nur die Freunde der Oper gewinnen und das Rock-Publikum behalten, er fischt in der Electronic-Gemeinde, sucht die Zustimmung der Hip-Hop-Szene und der interessierten Calypso-Kundschaft. Ja, er will nicht weniger als Mainstream und Underground versöhnen.
Das kommt der Quadratur des Pop nahe. Zu welchem Preis ist Unterhaltungsmusik zu haben, die es einer Mehrheit der Downloader Recht machen will und gleichzeitig in den Electro-Folk-Träumereien ihres Urhebers aufgehen soll? Plastic Beach hinterlässt den Eindruck eines Sammelalbums, das weniger die Handschrift eines genialen Autors als die Freuden des Nerds an der digitalen Werkbank erkennen lässt. Albarn zieht seine Fluchtlinien bis in die exotischen Streicher-Arrangements und das Schnarren der Synthesizer, die von der Endzeit künden. Mit den Beats ist der Brite wieder ganz im Hier und Jetzt, so werden die Gegensätze zum Swingen gebracht.
Am deutlichsten wird das Prinzip Gorillaz, wenn die Sounds ineinanderzulaufen lernen. Pop-Morphing für Fortgeschrittene: Aus dem wippenden Calypso White Flag schält sich ein massiver Hip-Hop-Brummer, der zum Finale in die karibische Hängematte fällt. Sekundenlang scheinen zwei Songs gleichzeitig am Ohr des verblüfften Hörers vorbeizuziehen, die melodischen Ornamente wandern von Orient zu Okzident. Stylo switcht zwischen Bee-Gees-Herrlichkeit und den Herztönen aus dem Soundlabor von Afrika Bambaataa, darüber röhrt Soul-Ikone Bobby Womack wie ein Hirsch vor dem Sprung in die ewigen Jagdgründe. Rhinestone Eyes ist nur ein paar Takte lang die leicht verpennte Blur-Ballade für die Ü40 und holpert bald auf Electro-Beats ins Globale. Das ist nicht die Neuerfindung des Pop, selten aber klang eine Bastelarbeit so sexy.
- Datum 04.03.2010 - 16:58 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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