Stasi-Bespitzelung Günter Grass II Der Butt im Intershop

Aus den Stasi-Akten II: Zwischen 1974 und 1980 reiste Grass häufig nach Ost-Berlin, um Lesungen in Privatwohnungen abzuhalten. 1978 traf er sich mit 14 Ärzten, um seinen jüngsten Roman zu diskutieren

Dokument 37, Hauptabteilung XX/2 Berlin, den 20.06.1978, Bericht über ein Treffen des Schriftstellers Günter GRASS mit Bürgern der DDR:

Am 16.06.1978 in der Zeit von 19.00 – 23.30 Uhr fand in der Wohnung von

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Dr. Hartwig [Hartmut] HANSEN wohnh. Berlin, Wilhelm-Pieck-Str. ## tätig als Anästhesist im ###-Krankenhaus Berlin, ####, ein Treffen zwischen dem Schriftsteller Günter GRASS und 14 DDR-Bürgern statt. Bei den Teilnehmern des Treffens handelt es sich um folgende Personen:

Dr. ### und Ehefrau, Arzt im Klinikum Buch
Dr. ###, Ärztin im Klinikum Buch
Dr. ###, Arzt im Klinikum Buch
Dr. ### und Ehemann, Ärztin im Klinikum Buch
Dr. ###, Ärztin im Krankenhaus Herzberge
Dr. ### und Ehefrau, Arzt in Neuruppin
### (Ehefrau von Dr. ###), Med.-techn. Assistentin, Charité Berlin
ein namentlich nicht bekanntes Ehepaar aus Neuruppin [Helga und Wolf-Dieter Wuttke]
ein IM der HA XX/2 [Karlheinz Schädlich].

Anlaß der Zusammenkunft war das Interesse der Teilnehmer, mit GRASS über dessen neuestes Buch Der Butt zu diskutieren. Zu Beginn des Treffens las GRASS kurze Passagen aus seinem Buch vor, über das im Anschluß daran eine längere Diskussion geführt wurde.

Dabei wurden keinerlei politische Probleme behandelt. GRASS zeigte sich »sehr erfreut« über das Interesse an seinem Buch und signierte die von einigen Teilnehmern mitgebrachten Exemplare. Die Diskussion zu dem Buch von GRASS wurde vor allem von Dr. ### und Dr. ### geführt.

Im zweiten Teil der Zusammenkunft wurden folgende politische Fragen diskutiert:

– GRASS wurde die Frage gestellt, wie er die gegenwärtige Situation in der BRD und in der DDR beurteilt. GRASS äußerte dazu, daß der Widerspruch zwischen dem Staat und den gesellschaftlichen Kräften, insbesondere der Jugend, sowohl in der BRD als auch in der DDR immer größer wird. In der BRD zeige sich das in der Zunahme terroristischer Handlungen, die es jedoch auch in der DDR geben würde, wenn der Jugend ein größerer »Freiraum« zugestanden würde. Das Jugendproblem in der BRD wäre dagegen leicht lösbar, wenn die Konzerne die vorhandenen Möglichkeiten nutzten und den arbeitslosen Jugendlichen Arbeitsplätze zur Verfügung stellen würden. Das für ihn bessere System sei das der BRD. Leider seien bestimmte freiheitliche Ideale durch Arbeitslosigkeit, das Bildungssystem und andere Ding getrübt. Er persönlich sei auch gegen den Radikalenerlaß, über den es zwischen ihm und Willi [Willy] Brandt widersprüchliche Auffassungen gebe. Nach seiner Meinung könne man die politischen Verhältnisse in der BRD durch Reformen im positiven Sinne verändern, ohne von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Grundlagen in der BRD abzurücken.

Im Zusammenhang mit der Äußerung von GRASS zur Situation in der DDR wurde von Dr. ### hervorgehoben, daß für ihn »die einzig richtige Einschätzung der gegenwärtigen Situation in der DDR von BAHRO vorgenommen wurde«. Auf diese Bemerkung wurde von keinem Teilnehmer des Treffens reagiert.

– GRASS stimmte der Auffassung von Dr. ### uneingeschränkt zu, daß die Intershop-Läden in der DDR, die Einfuhr der VOLVO’s und der GOLF-PKW eine »Kapitulation des Sozialismus vor seinem Todfeind, dem Kapitalismus sei«.

– Insgesamt wurde von GRASS über die politischen Verhältnisse in der DDR und in der BRD mit einer herablassenden Überheblichkeit gesprochen. Beide Seiten »hätten ihre Probleme«, wobei jedoch das westliche das bessere sei. Die DDR habe nach seiner Meinung Schwierigkeiten, mit ihrer eigenen Geschichte fertig zu werden. Diesen Auffassungen und Einschätzungen von GRASS wurde von den Teilnehmern an der Diskussion nicht widersprochen.

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurden GRASS Fragen zu seinen Verbindungen zu Berufskollegen in der BRD/Westberlin und in der DDR gestellt. In diesem Zusammenhang äußerte GRASS, daß er in Westberlin und der BRD wenig Kontakte zu Berufskollegen, insbesondere zu Nachwuchsschriftstellern, unterhalte. Es gäbe jedoch in regelmäßigen Abständen (im Rhythmus von ca. 6 Wochen) Treffen zwischen Berufskollegen aus der DDR und der BRD/Westberlins, an denen er teilnimmt. Bei diesen Treffen von Schriftstellern aus »Ost und West« werden neue Texte vorgelesen und darüber diskutiert.

Es gäbe außerdem viele Treffen der »DDR-Emigranten«. Am 16.06.78 wären u. a. BRASCH und Hans-Joachim SCHÄDLICH bei ihm zu Besuch gewesen. Diese ehemaligen DDR-Bürger hätten es nach Auffassung von GRASS sehr schwer, sich mit den Verhältnissen in der BRD und Westberlins abzufinden. »Sie werden mit diesem Schritt teilweise ihr ganzes Leben nicht fertig, wie es auch seinem Freund Uwe JOHNSON geht.«

Auf eine entsprechende Frage, wie GRASS auf die Einladung reagiert habe und wie sie überhaupt zustande gekommen sei, äußerte er, daß er sehr erfreut war, von einem solchen Personenkreis zu einem Gespräch über sein Buch eingeladen worden zu sein. Die Einladung selbst sei über die gute Verbindung einiger anwesender Teilnehmer zu seinem Freund Hans-Joachim SCHÄDLICH und durch dessen Vermittlung ermöglicht worden. Allein die Tatsache der Verbindung zu Hans-Joachim SCHÄDLICH hätte für GRASS die Gewähr geboten, daß diese Sache in Ordnung wäre. Derartige Treffen beinhalten zwar immer ein gewisses Risiko, man könne jedoch nicht ständig »nur aus Angst bestehen«. In diesem Zusammenhang lobte GRASS Hans-Joachim SCHÄDLICH als Schriftsteller. (Den meisten Anwesenden war das schriftstellerische Schaffen Hans-Joachim Schädlichs nicht bekannt.) SCHÄDLICH unterscheide sich von Christa WOLF dadurch, daß er die Dinge konsequent anspricht und bis zu Ende führt. Christa WOLF höre mit dem Schreiben dort auf, wo Hans-Joachim Sch. beginnt. So sei z. B. die Darlegung des Übergangs von 1945 bis zur Gründung der DDR und ihre weitere Entwicklung in dem Buch Christa Wolfs Kindheitserinnerungen [Kindheitsmuster] in vielem inkonsequent, und es sei vieles ausgesperrt worden.

Zum Schluß des Treffens wollte GRASS wissen, wer die Gesprächspartner an diesem Abend waren, insbesondere welchen Berufsgruppen sie angehören. Er stellte weiter die Frage, was nach Meinung der Anwesenden geschehen würde, wenn sie eine gemeinsame Forderung erheben würden (»eine Art Bürgerinitiative entwickelten«), daß ein bestimmtes Buch, z. B. Der Butt, in der DDR verlegt werden solle. Auf diese Frage von GRASS gab es keine klare Reaktion der Teilnehmer. Es wurde als undurchführbar angesehen, eine derartige Forderung zu erheben. Von Dr. HANSEN wurde zynisch bemerkt, daß man höchstens die Forderung stellen könnte, »daß Der Butt im Intershop verkauft werden sollte, da die DDR für Devisen alles macht«.

Es kam zu keiner Vereinbarung über ein erneutes Zusammentreffen in diesem Kreis. Einige Teilnehmer äußerten den Wunsch, ähnliche Treffen zu wiederholen. GRASS erbot sich, bei einer weiteren Zusammenkunft einen Bericht über seine letzte Asien-Reise zu geben, was jedoch frühestens im Herbst 1978 möglich wäre.

GRASS reiste gegen 18.00 Uhr über die GÜSt Friedrichstraße in die Hauptstadt der DDR ein. Er wurde von Dr. ### und Dr. ### empfangen und begab sich auf direktem Weg zum Ort der Zusammenkunft. Gegen 23.45 Uhr verließ GRASS die Zusammenkunft und reiste gegen 00.15 Uhr über die GÜSt Friedrichstraße aus. Während seines Aufenthaltes in der Hauptstadt der DDR traf GRASS mit keinen weiteren Personen zusammen.

In Begleitung von GRASS reiste Ute GRUNERT ein, die auch an der o. g. Zusammenkunft teilnahm.

Major Salatzki

(BStU, MfS, ANS AIM 15311/89, Bd. 1, Bl. 240 – 244)

 
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