Hartz IV Schema F passt nie
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Vermischung der Probleme

Herr K. machte bei uns eine Weiterbildung in SAP für Finanzen und Controlling – und verkündete gleich, ein Beratungsunternehmen wolle ihn, damit er in London eine Marktstudie durchführe. Zudem behauptete er, demnächst würde er ein 1,5-Millionen-Euro-Projekt leiten. Wenn er telefonierte, sprach er lautstark auf Englisch, wirbelte mit Begriffen wie forecast oder break-even herum. Alles bloß Fassade. Herr K. ist 35 Jahre alt, Diplom-Kaufmann mit glänzenden Zeugnissen, aber seit einem Jahr arbeitslos. Seit die Beratung, für die er tätig war, insolvent wurde. Er erscheint wie ein aufstrebender Betriebswirt, smart, stilvoll gekleidet, mit einem Laptop als ständigem Begleiter. Dass er jetzt langzeitarbeitslos ist, versucht Herr K. verzweifelt zu verdrängen. Er gehört bei uns zur Kategorie I. Will arbeiten, ist bestens qualifiziert und bekommt trotzdem keine adäquate Stelle. Nach einem Jahr ohne Job sinken die Chancen stark.

Die Beispiele zeigen schon: Die Aussagen von Guido Westerwelle über mangelnde Motivation der Hartz-IV-Empfänger sind nicht zu verallgemeinern. Dafür sind reale Fälle zu unterschiedlich. Arbeitswillige und Arbeitsverweigerer, Jung und Alt, Arm und Reich, Akademiker und Menschen ohne Schulabschluss – sie alle stecken in Hartz IV. Auf die erwähnten Kategorien entfällt bei uns je etwa ein Drittel der Kursteilnehmer. Doch auch das ist zu schematisch. Oft vermischen sich die Probleme.

Etwa 50 bis 60 Prozent unserer Kursteilnehmer finden anschließend einen Job. Trotzdem bleiben drei Probleme: Erstens lohnt sich Arbeit für einen großen Teil tatsächlich nicht mehr. Für einen minimalen Mehrverdienst morgens aufzustehen, anstatt auszuschlafen und nebenbei schwarzzuarbeiten, erscheint nicht erstrebenswert. Deshalb kann man die Hartz-Sätze nicht senken. Sinnvoller wäre ein Mindestlohn. Zweitens: Viele Menschen sind den heutigen Anforderungen nicht gewachsen – aufgrund von Krankheit, Alter oder mangelnder Qualifikation. Ihnen müsste der Staat eine öffentlich geförderte Beschäftigung anbieten. Drittens fehlt es auch an Stellen für Fachkräfte. Es könnte helfen, Jobs zu teilen – auch wenn das bei Hochqualifizierten besonders schwer ist.

Darüber würde sich eine Debatte lohnen.

Frank Fischer ist Dozent bei einem bundesweit tätigen Bildungsträger

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn ich ihren Artikel lese, fällt mir spontan dieser Slogan der Anarchistischen Pogopartei APPD in Berlin zur Wahl von 1992 ein. Sie selbst und ein großer Teil ihrer Kollegen in dieser Branche, leben zweifellos ganz gut von den Erwerbslosen.
    Ich erlaube mir ihren Job, mit dem der Flaschensammler zu vergleichen, die seit der Einführung des Flaschenpfands die Mülleimer in den Städten durchsuchen, um sich ein paar Cent dazu zu verdienen.
    Der Unterschied scheint nur der zu sein, dass sie und ihre Branche offenbar versucht, die in den leeren Flaschen verbliebenen Reste zu trinken. Kein Wunder, dass sie damit keinen Rauschzustand erreichen.

    Ich bin der festen Überzeugung, dass sie und die Protagonisten der These:"Arbeit um jeden Preis", damit niemals den notwendigen Erfolg haben werden. Wenn sie diese Zeitung aufmerksam lesen, werden sie auf der letzten Seite den Artikel: "Wem gehört die Erde" finden. Darin steht, ein für das Thema Arbeit wichtiger Satz zur Nachhaltigkeit: "etwas nicht zu tun, obwohl man es könnte".
    Ich bin dafür ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen, um so das Elend der Erwerbslosigkeit von Zwangsmaßnahmen jeglicher Art zu befreien. Dazu gehört auch, dass vielfältige Angebot der Beschäftigungs und Qualifizierungsindustrie. Denn, schon Karl Marx hat erkannt: "Wenn die Arbeit als Frohn ausgedient hat, wird sie zum Bedürfnis".

  2. wer ist für wen da ?

    die Arbeit für den Menschen oder der Mensch für die Arbeit ?

    Sicherlich wird man, wenn man Arbeit hat, die man mag oder sogar liebt, voll darin aufgehen. Dabei ist es sogar fast egal viel geld man dafür erhält !

    Beruf kommt von Berufung ...

    Kann man sich frei verwirklichen, wird es allen zu gute kommen. Fragen Sie sich einmal mal, wenn ein BGE (nach Götz Werner) eingeführt werden würde, würde Sie aufhören zu arbeiten ?..

    Zweifels ohne NEIN .. vielleicht ändert sich ihre Tätigkeit da Sie vielleicht zu denen gehören, die schon seit Jahren innerlich gekündigt haben in ihrem job.

    ein Blick nach Afrika ein ZDF bericht

    http://www.youtube.com/wa...

    oder auch ein Blick nach Brasilien

    http://www.grundeinkommen...

    Wir sind die Zukunft!

    http://www.unternimm-die-...

    • keox
    • 10.03.2010 um 16:36 Uhr

    "Nicht alle Menschen ohne Job sind einfach nur faul oder wollen nicht arbeiten".

    Das hört man so immer, gilt als emphatisch, ist aber eine noch gößere Unverschämtheit als die völlige Pauschalierung.

    Zu den so genannte Bildungsträgern:

    Ich habe die Szene von beiden Seiten kennengelernt, und nach meinen Erfahrungen sind die Bildungsträger (BT) in der Regel keinen Pfifferling wert, die Lehrinhalte schon gar nicht.

    Die so genannten Dozenten sind meist kurzfristig engagierte Hilfskräfte - für die Dauer einer Maßnahme eingestellt - mit mangelhafter Qualifikation und selten motiviert. Oft sitzen sie nach Ende der Maßnahme wieder auf der anderen Seite, als Teilnehmer.

    Halbwegs krisenfest ist lediglich der 'Maßnahmenverkäufer', der sich schlau macht, welche 'Problemgruppe' von den argen ARGEN gerade gefördert werden soll, und sich auf die Schnelle ein passendes Konzept, ein Maßnahmebündel, aus den Fingern saugt.

    • keox
    • 10.03.2010 um 16:38 Uhr

    Eine Evaluierung der Maßnahme findet kaum statt, ein Blick auf den realen Arbeitsmarkt auch nicht.

    So kommt es dann, daß Frauen zwischen 40 und 50 Jahren - vorher tätig in der Damenoberbekleidung, als Kassiererin oder in der Matrazenfertigung - sich wiederfinden in einer Maßnahme, in der sie in der edlen Kunst des Bootsbauers unterrichtet werden. Und das auf dem plattesten Land.

    • keox
    • 10.03.2010 um 17:02 Uhr

    Nebenbei: die BT kassieren - für acht Std Unterricht/Betreuung der Ein-€-Sklaven pro Woche - im Monat mehr, als der Sklave in drei Monaten an 'Zusatzverdienst' hat.

    Die Qualität ist unterirdisch, gefördert wird hier lediglich der BT.

    Es ginge auch anders:

    Man könnte die Förderung konzentrieren auf freiwillige, motivierte, qualifizierte Teilnehmer, denen man dann aber auch eine qualitativ hochwertige Möglichkeit zu bieten hätte, die auch einen Blick auf den realen Arbeitsmarkt beinhaltete.

    Sehr optimistisch gesehen könnte man das Negativmerkmal "Teilnehmer an eine ARGEN-Maßnahme" zu einer Art Gütesiegel machen.

    Sanktionen gegen Arbeitslose, die aus welchen Gründen auch immer, nicht in eine solche Förderung gingen wären ersatzlos zu streichen.

    Das alles würde die Zahl der offenen Stellen nicht erhöhen, würde aber den zynischen Druck auf Arbeitslose mindern.

    Aber, darum geht es ja leider nicht.

    Deshalb: /sanktionsmoratorium.de/

    • exi2
    • 11.03.2010 um 0:36 Uhr

    wenn man anstelle des Hartzmurkses noch das alte zweigeteilte System hätte. Dann gäbe es die Gefahr, daß im Sozialfälle zugewiesen werden gar nicht.
    Der Forderung nach Mindestlohn kann man sich nur anschließen.
    Anstelle der sinnlosen Verwalterei, sei es Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe oder Hartzmurks, wäre auch ein bedingungsloses Grundeinkommen sinnvoll.
    Nur die dritte Klage weckt verwunderung. Hr. Fischer bedauert, daß es nicht genug Arbeitsplätze für Fachleute gibt. Und die Wirtschaftsvertreter jammern, weil es nicht genug Fachleute für die überreichlichen Arbeitsplätze gibt. Hier geht etwas mächtig durch einander. Oder es lügt jemand. (Hm, wohl die Arbeitgeber, denn Fachleute passend einzuarbeiten, wäre wohl kein Problem.)

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