Kein Klimamodell kann belegen, dass Orkane wie jüngst Xynthia Zeichen des Klimawandels sind, so Brasseur © Torsten Silz/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Nach dem gescheiterten Gipfel in Kopenhagen haben Affären und Fehler den Ruf des Weltklimarates IPCC angekratzt, die US-Regierung lockert ihre Klimaschutzpläne wegen der Wirtschaftskrise, wie soll das weitergehen?

Guy Brasseur: Mit hoffentlich mehr Ruhe und weniger Medienzirkus. Ich halte die wesentlichen Schlussfolgerungen des IPCC weiterhin für solide. Die Erwartungen an die Konferenz in Kopenhagen waren überzogen, so schnell konnte Obama seine neue Politik gar nicht entwickeln. Die Fehler im IPCC-Bericht, etwa die rasch schmelzenden Himalaya-Gletscher, betreffen Teilaspekte aus Tausenden Seiten an ergänzendem Material, das leider nicht sorgfältig genug begutachtet wurde.

ZEIT: In der E-Mail-Affäre gibt es den Verdacht, dass Daten frisiert wurden, um einen rasch steigenden Temperaturtrend hervorzuheben.

Brasseur: Manipulation wäre in der Tat schrecklich. Wissenschaftler, die das tun, gehören gefeuert. Zwar wurde diese Temperaturkurve, deren steiler Anstieg an die Form eines Hockeyschlägers erinnert, bereits von der US-Akademie der Wissenschaften positiv begutachtet. Dennoch wollen wir an unserem neuen Climate Service Center (CSC) hier in Hamburg hochrangige Wissenschaftler einladen, um diese Kurve im Licht neuester Daten zu prüfen. Dies soll völlig transparent geschehen, wir werden auch Skeptiker einladen.

ZEIT: Die Zunahme von schweren Stürmen und der Untergang von New Orleans galten als Menetekel für künftig wachsende Klimaschäden – zu Recht?

Brasseur: Die IPCC-Wissenschaftler sind sich einig: Es gibt nicht mehr Stürme als früher. Allenfalls ist ihre Intensität klimabedingt leicht gestiegen, doch das ist noch nicht bewiesen.

ZEIT: Dennoch werden Hurrikane oder Orkane wie Kyrill oder jüngst Xynthia und daraus resultierende Schäden gerne als klimabedingt dargestellt.

Brasseur: Die Klimamodelle belegen das nicht, eine klare Beweisführung dürfte noch zehn bis 20 Jahre auf sich warten lassen. Wichtiger als dieser Nachweis wäre es, den Verlauf von Hurrikanen besser vorhersagen und vor aufziehenden Gefahren früher und präziser warnen zu können.

ZEIT: Der Winter war diesmal besonders kalt, nicht nur in Europa, auch in den USA. Ist das eine Steilvorlage für die Verharmloser, um den Treibhauseffekt zu verneinen?

Brasseur: Auch in Indien und China war es außergewöhnlich kalt. Dennoch zeigt das Beispiel, wie fragwürdig es ist, Extremwetterereignisse mit der globalen Klimaentwicklung in Verbindung zu bringen. Der strenge Winter widerlegt keineswegs den Trend zur globalen Erwärmung.

ZEIT: Wieso nicht?

Brasseur: Wir können das Phänomen sehr gut erklären mit einer Langzeitschwankung, der Nordatlantischen Oszillation (NAO). Ihre Kennzeichen sind ein Tief über Island und ein Azorenhoch. Diese »positive« Konstellation sorgt in Europa für relativ milde und feuchte Winter. Die Druckverhältnisse können sich umkehren, dann wird unser Winter kalt und eher trocken. In den vergangenen 20 Jahren war die NAO fast nur positiv, die ausbleibende Schwankung wurde von manchen bereits als Zeichen der Klimaerwärmung gedeutet.

ZEIT: Und jetzt doch: Kälte, kein Treibhaus?