Günter Grass "Leisetreter gab es genug"
Günter Grass wurde von 1961 bis 1989 von der Stasi überwacht. Ein Gespräch mit dem Literaturnobelpreisträger über die Grenzen der Bespitzelung und die Freiheit der Kunst.
© Ch. Links Verlag/BStU

Observationsfoto von Ute und Günter Grass beim Besuch Ost-Berlins, Bahnhof Friedrichstraße am 3. Februar 1978
Die ZEIT: Herr Grass, wann haben Sie von der Existenz Ihrer Stasiakte erfahren?
Günter Grass: Ich wurde von der Gauck-Behörde informiert. Aber in den ersten Jahren nach dem Mauerfall wollte ich gar nichts wissen und auch nicht erlauben, dass irgendjemand Zugang hat. Mit einem Argument, das nach wie vor gilt: Im Gegensatz zu Schriftstellerkollegen aus der DDR habe ich keinen Schaden genommen. Ich wollte auch nicht wissen, wer mich bespitzelt hatte.
ZEIT: Warum nicht?
Grass: Weil ich schon Freunde genug verloren hatte.
ZEIT: Haben Sie sich vor Ihren Reisen in die DDR Gedanken darüber gemacht, was die Stasi wohl tun wird?
Grass: Eigentlich nicht. Der Umfang der Bespitzelung war uns, die wir meist zu mehreren aus West-Berlin einreisten, nicht bewusst. Bei unseren Besuchen bei DDR-Schriftstellerkollegen wurden wir von der Friedrichstraße ab mehr oder weniger auffällig begleitet. Unser Verdacht, dass die Wohnungen verwanzt seien, hat sich nicht bestätigt. Mitunter haben wir allerdings so gesprochen, als seien sie verwanzt, und haben eventuellen Mithörern literarische Rätsel aufgegeben.
ZEIT: War der Austausch zwischen den Schriftstellern aus Ost und West frei?
Grass: Die Gespräche standen in absolutem Gegensatz zu dieser bedrohlichen, kostenaufwendigen, bürokratischen staatlichen Fürsorge. Der Grund für diese Gespräche war das Bedürfnis, nicht den Kontakt zueinander zu verlieren. Das machte man am besten nach dem bekannten Muster der Gruppe 47: sich Texte vorzulesen aus der Werkstatt heraus. Daraus hat sich sicher das eine oder andere politische Wortspiel entwickelt. Aber alles, was da hineingeheimnisst worden ist: dass es mein dringlichstes Anliegen sei, Autoren abzuwerben, sie zu ermuntern, in den Westen zu gehen, ist frei erfunden.
ZEIT: In Ihren Akten finden sich viele falsch geschriebene Namen, inkorrekte Werktitel, nicht begriffene Zusammenhänge. Die Spitzel waren mit der Literatur und ihrem Betrieb offenbar nicht sonderlich gut vertraut.
Grass: Und das nicht nur bei den westdeutschen Autoren, sondern sogar bei ihren eigenen Leuten! Sie waren gar nicht in der Lage einzuschätzen, was uns eigentlich zusammengeführt hat: das literarische Interesse.
ZEIT: Wurde die Allwissenheit der Stasi überschätzt?
Grass: Ja. Natürlich war sie eine Bedrohung für die Bevölkerung. Aber sie hat nicht erreicht, was sie erreichen wollte, nämlich den Staat zu erhalten.
- Datum 04.03.2010 - 11:07 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Endlich äussert Günter Grass etwas, was man von einem Schriftsteller seiner Qualität (der kein Revolutionär ist) erwarten darf: Eine differenzierte Sicht auf die Welt der Bürger und Kunstschaffenden, also auf die existentiellen Probleme der Unterworfenen eines diktatorischen Regimes.
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