Ägypten Kairoer Aufklärung

Als Christoph Peters 1993 Ägypten besucht, hat er viele Vorurteile über den Orientalen im Gepäck. Doch in den Moscheen und am Wohnzimmertisch bekommt das Bild tiefe Risse

Das Minarett einer Moschee überragt den nächtlichen Basar

Das Minarett einer Moschee überragt den nächtlichen Basar

Nach Ägypten zu reisen war mein Traum gewesen, seit ich mich mit 15 in Nofretete verliebt hatte. In der innigen Beziehung zwischen dem alten Ägypten und mir hatte das moderne Staatswesen gleichen Namens allerdings nie eine Rolle gespielt. Dann bekam ich einen ägyptischen Schwager, der mit Frau und Kindern zurück nach Kairo zog und mich einlud, sie dort zu besuchen. In der Wohnung sei Platz genug, er habe Freunde am Institut für Ägyptologie, sodass ich auch Ausgrabungsstätten besichtigen könne, die Besuchern normalerweise verschlossen seien. Die Einladung war verlockend, auch wenn das Auswärtige Amt vor Reisen nach Ägypten warnte.

Der Süden des Landes stand 1993 kurz vor einem Bürgerkrieg. In Kairo sprengten islamistische Attentäter Cafés in die Luft. Trotzdem hatte ich keine Angst, als ich in Frankfurt die Egypt-Air-Maschine nach Kairo bestieg, schließlich reiste ich nicht als Tourist, sondern besuchte Verwandte, und mein Schwager hatte versichert, es bestehe keine Gefahr, wenn man bestimmte Viertel meide – das galt damals auch für New York.

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Der Autor

Christoph Peters, 43, wuchs in einem katholischen Dorf am Niederrhein auf. Seit seiner Schulzeit im bischöflichen Internat Collegium Augustinianum Gaesdonck beschäftigt er sich mit Fragen der Religion. Die Erfahrungen seiner Kairo-Reise liegen seinem Roman »Ein Zimmer im Haus des Krieges« (2006) zugrunde. Zuletzt schrieb er »Mitsukos Restaurant« (Luchterhand). Peters lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Veronika Peters, und der gemeinsamen Tochter in Berlin

Information Kairo

Anreise: Lufthansa (www.lufthansa.de) und Egypt Air (www.egyptair.de) fliegen täglich von Frankfurt am Main nach Kairo

Unterkunft: Das Marriott-Hotel auf der Nilinsel Gesirah wurde 1869 zur Eröffnung des Sueskanals für königliche Gäste erbaut. Heute ist es die Kombination des historischen Palastes mit zwei modernen 20stöckigen Hotelgebäuden. DZ ab 110 Euro, www.marriott.de, Reservierungstel. 0800-1/854422

Städtereise: Der Ägypten-Spezialist Oft Reisen bietet längere Städtereisen nach Kairo, zum Beispiel 4 Tage inklusive Flug, Unterkunft, Führungen (Ägyptisches Museum, Ibn-Tulun-Moschee, Alabaster-Moschee, Khan el-Khalili-Basar und ein Ausflug nach Giseh) ab 471 Euro. www.oft-reisen.de, Tel. 07156/161115

Auskunft: Ägyptisches Fremdenverkehrsamt, Tel. 069/252153, www.touregypt.net

Der Pilot sagte »Bismillah-i Rahman-i-Rahim«, bevor er Schub gab, was – wie ich seit Kurzem wusste – »Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen« heißt, und ich fragte mich, was ich dächte, wenn ein Lufthansa-Kapitän mit »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« starten würde.

Als ich in Kairo auf die Gangway trat, war es bereits dunkel. Mit Hitze vermengter Staub schlug mir ins Gesicht, die Luft schmeckte nach Sand.

Reise meines Lebens
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Natürlich war die Stadt riesig, ein in orangefarbenes Laternenlicht getunkter Moloch, der Verkehr reines Chaos, Hupen, haarscharfes Ausweichen, Geschrei, Pferdefuhrwerke zwischen den Autos, Eselskarren mit Knoblauchbergen, aufgetürmten Hühnerkäfigen und an jeder Kreuzung schwer bewaffnete Polizisten, Militär. Über alldem wachte von grell erleuchteten Plakaten und Wandbildern Präsident Mubarak als General, Staatsmann, Landesvater. Irgendwann setzte das erste Allahu Akbar aus dem Lautsprecher eines Minaretts ein, dem unendliche Echos folgten, und mit leichter Verzögerung detonierte in meinem Hirn ein Schrecken, wie ich ihn weder in Andalusien noch auf dem Peloponnes gespürt hatte: »Hier bin ich vollkommen fremd.«

Gegen halb elf traf ich in der Wohnung ein, wo Großmutter, Brüder, Tanten, Enkel, Nichten, Neffen und Nachbarn warteten. Die Einrichtung unterschied sich kaum von der in deutschen Wohnzimmern, nur dass die Sessel und das Sofa handgeschnitzte, vergoldete Lehnen hatten. Auf den Tischen türmten sich Gebäck und Süßigkeiten. Es gab Tee, schwarzen arabischen Mokka und Limonade, die mein Schwager aus Limetten und Eis mixte. Ich überreichte und erhielt Geschenke. Wir sprachen ein wildes Durcheinander aus Deutsch, Englisch und Arabisch. Kinder jeden Alters tobten herum, lachten, weinten, wurden getröstet und schliefen schließlich irgendwo ein. Die Herzlichkeit überwältigte mich, doch so leicht ließ sich mein kritischer Verstand nicht einwickeln: Einige der Frauen trugen Kopftuch. Natürlich nahm ich an, dass sie dazu gezwungen wurden, selbst wenn ihre Männer überhaupt nicht dem Bild vom Orientalen entsprachen, das sich – gespeist aus Märchen, Nachrichten und überlieferten Vorurteilen – in meinem Kopf zusammengesetzt hatte: Er war explosiv emotional, archaisch gewaltbereit und wahnhaft religiös. Die Brüder meines Schwagers hingegen wirkten nett, eher schüchtern der eine, lustig der andere. Ihre Frauen waren grell geschminkt, lachten oft und laut, klapperten mit den Augen und schwenkten ihre prallen Hintern in knöchellangen, aber knallengen Kleidern so lasziv, dass ich mich fragte, woher sie dieses ungeheure erotische Selbstbewusstsein nahmen, da sie doch quasi keine Rechte hatten.

Leser-Kommentare
  1. Kaum kommt man aus dem Dunstkreis des Sauerkrauts und schaut mit offenen Augen um sich, stellt man fest, dass anderswo die Leute anders leben, aber dass entgegen der allgemeinen Vorstellung dort die Welt nicht untergeht oder dunkel ist, dass die Menschen dort nicht auf Bäumen oder in Höhlen hausen, vor allem, dort dreht sich die Erde auch, wie bei uns! Wie kann das nur funktionieren, so ganz ohne das deutsche Wesen?

    • Joe361
    • 22.03.2010 um 12:14 Uhr

    Selbst in einer pluralistischen Demokratie wie der Unseren ist es einfach nicht möglich, eine zu 100 Prozent objektive Berichterstattung zu bringen.
    Es existieren immer nationale und/oder politische Verfärbungen, die einen vom Autor so treffend bezeichneten "Wahrnehmungskäfig" beim Nachrichten-Rezipienten entstehen lassen. Der beschriebene Besuch in der Moschee und der entstandene geistige "Riss" sind eindeutige Belege dafür, dass der genannte Käfig im Kopf tatsächlich existiert.

    Der Artikel lässt erkennen, dass es trotz der bemüht multiperspektivischen Sichtweise unserer Medien trotzdem noch Miss- und Unverständnisse gibt, die unter Umständen als schwer zu überwindene Abgründe in unserem Kopf spuken. Gerade im Bezug auf die Terrorismusdebatte kann Unwissen sehr gefährlich sein.

    Ach ja: Der Artikel hat mir sehr gefallen.

  2. Ich kann den anderen Kommentaren nur zustimmen. Vielen Dank fuer Ihren Artikel!

    • Crest
    • 22.03.2010 um 20:14 Uhr

    als "zu spät geborener Altlinker" hätten Sie doch bei der Frage "Und was glauben diese Leute dann?" mit Laplace (leicht angepasst) parieren können/müssen:

    "[Sire,] ils n'ont pas eu besoin de cette hypothèse."

    Herzlichst Crest

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Aber nicht doch Cretse! Für ihre Möchtegern-Belesenheit hätten sie nicht einmal in ihren alten Schulheften kramen müssen, den Herrn Laplace unnötig bemühen! Für Typen wie sie hält man in Frankreich bestenfalls hiesiges Bonmot parat: Vas te faire foutre!

    Aber nicht doch Cretse! Für ihre Möchtegern-Belesenheit hätten sie nicht einmal in ihren alten Schulheften kramen müssen, den Herrn Laplace unnötig bemühen! Für Typen wie sie hält man in Frankreich bestenfalls hiesiges Bonmot parat: Vas te faire foutre!

  3. Aber nicht doch Cretse! Für ihre Möchtegern-Belesenheit hätten sie nicht einmal in ihren alten Schulheften kramen müssen, den Herrn Laplace unnötig bemühen! Für Typen wie sie hält man in Frankreich bestenfalls hiesiges Bonmot parat: Vas te faire foutre!

    Antwort auf "Aber Monsieur,"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Crest
    • 24.03.2010 um 17:14 Uhr

    mein Zitat ins Deutsche zu übersetzen, gibt es nicht.

    Wie siehts mit Ihrem aus? :-)

    Haben Sie den Mumm, mit Ihrer Übersetzung zu beginnen? Ich ziehe dann nach. ;-)

    Herzlichst Crest

    • Crest
    • 24.03.2010 um 17:14 Uhr

    mein Zitat ins Deutsche zu übersetzen, gibt es nicht.

    Wie siehts mit Ihrem aus? :-)

    Haben Sie den Mumm, mit Ihrer Übersetzung zu beginnen? Ich ziehe dann nach. ;-)

    Herzlichst Crest

    • Guido3
    • 23.03.2010 um 13:55 Uhr

    Er macht mal wieder deutlich, wie sehr Reisen das eigene Leben bereichert, Horizonte erweitert und zum Verständnis der Menschen weltweit beiträgt. Wohlgemerkt Reisen. Nicht zu verwechseln mit All-Inklusive-Pauschalurlaub in einem abgeschottetem Touristensilo.

    PS: Die ganze Serie "Reise meines Lebens" ist sehr fein. Wenn die Zeit jeweils mehr als ein einziges Bild für insgesamt 3-4 Seiten Text spendieren würde, wäre sie noch ein wenig feiner.

    • Jenli
    • 23.03.2010 um 14:23 Uhr

    ... dass der Berichterstatter Ägypten besucht hat, inzwischen sieht es dort anders aus. In der Zwischenzeit haben militante muslimische Kleriker viel Terrain erobert und bedrohen Intellektuelle und selbstbewußte Frauen mit Zwangsscheidungen und Geldstrafen:

    http://www.taz.de/?id=dig...

  4. Die Schilderungen des Autors sind auch nach 17 Jahren durchaus aktuell. Seine Erfahrungen sind kein Einzelfall, sondern sprechen für die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Ägypter. Dass es in Ägypten auch die Muslimbrüder gibt, wissen wir doch alle. Diese Gruppe ist jedoch kein Spiegel der Gesellschaft, sondern leider das, was im Westen überwiegend Beachtung findet. Ich hoffe Jenli, Sie entnehmen Ihre Informationen nicht ausschließlich den von Ihnen u.a. zitierten Medien, von denen sich einst der Autor ebenfalls beeinflussen ließ, bevor er sich vom Gegenteil überzeugen konnte. Eine Reise und die Bereitschaft, sich auf die Menschen vor Ort einzulassen, würde auch Ihnen sicher gut tun.

    Vielen Dank an Gerrn Peters für den Artikel und der Zeit gratuliere ich für die gelungene Serie.

    Herzlichst
    Iman

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