Zu Hause Jakobus, steh mir bei!

Nur wenn er gezwungen wird, reist Thomas Kapielski. Dabei widerfährt ihm stets Ungeheuerliches

So schön wie auf dem eigenen Balkon kann es nirgendwo sein

So schön wie auf dem eigenen Balkon kann es nirgendwo sein

Ich vermeide sie von jeher, die Reisen, so gut es geht, indem ich eine angeborene Feigheit vor schlechten Lagen und Zuständen in mir auf jede nur erdenkliche Weise zu stärken suche, wenn Ausfahrten anstehen. Allewege weiß ich alles ungünstig einzurichten und die jeweils anstehende Fahrt aufzuschieben oder ganz zu verhindern, zu sabotieren, zu canceln. Ängste und Mulmigkeiten sind mir hierbei der Evolution größte Rettungsboote, einen humanen Blödsinn zu hemmen. Die fatalen Garstigkeiten der weiten Welt mit all ihren stupenden Ausschmückungen deute ich als Geschenk an die Gattung um, das von ihr nur endlich gewürdigt werden muss.

Allein die Ortsnamen »Menorca«, »Nauru«, »Phuket Lastminute« oder »Malum Monschau« (vgl. Kapielski, Ortskunde, S. 61 & 121) lassen mich zusammenfahren, wenn die Frau abermals vorschlägt, wir mögen doch des ungeachtet (wes ungeachtet? – meiner ungeachtet!) zu so was auch mal zusammen fahren. »Nee, nee, lass man sein, Frau! Dafür werden wir im Alter noch genüüüg...« – »Lüüügner! Plašljivac!«, zeiht die entmutigte Frau den mutlosen Mann. – »Ach, Liebste, es sind doch nur beherzte Notlügen.«

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Denn Groblügen wie Pauschal- und Fernreisen sind mir die widerlichsten, von Touren und Trips zu schweigen. Was hast du in Venedig zu suchen, frage ich mich (und die Frau? Und sonst wen!). Willst du diese ohnehin beschädigte Stadt dir zum Schaden überdies schädigen? Italien und Florenz besucht zu haben, wozu man mich einst erpresste, gebar nichts als Narben touristischen Frevels in und an mir auf ewig. Und den Geschlechtertürmen in San Gimignano soll man meine erzwungene Anwesenheit bis heute anmerken.

Meine wenigen, belanglosen Erlebnisse auf solchen Gramreisen reichen hin, die Menschheit und mich dauerhaft zu beschämen: Wie konnte der erste Italiener, ein Menschenbruder, mir bereits am ersten Tage in Piacenza am Zugfenster ein belegtes Brot zu 32.000 Lire verkaufen? (Pantoffel- bzw. Ciabatta-Käse/Salami; damals, 1980, über 40 Deutsche Mark.) Und indes Weltkluge im Zug noch »Bist du doof?« eruierten, rollten wir längst zu den Florentiner Spitzbuben hin.

Reise meines Lebens
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Ich hätte Italiens Türme und Kirchen in Jacob Burckhardts Buch lassen und »L’Italia farà da se« beherzigen sollen. Italien wird allein klarkommen! Und ich zu Hause sowieso! Den in Züge und Flugzeuge Gepferchten und den in dumpfen Tavernen fliegenumtost Verzagenden sei es als Labsal gesagt: In einem Zimmer sitzen, das man durch Reisebeschreibungen recht groß und weit machen kann, und allein im Kopfe reisen ist angenehmer, da weder Staub, Zeitraub noch Unbill und Zoll und Visitationswesen den Reisenden inkommodieren! Wer trotzdem packt, soll packen – und sich schämen! Jemals auch nur einmal »auf Urlaub in Griechenland« gewesen zu sein, schäme ich mich einzugestehen. Monschau allerdings gebe ich zu. Auch Bam- und Nürnberg, auch Ham-, Ratze- und Lüneburg, ferner Tokyo, Zürich und Nenndorf, nächsthin Hildesheim und Friedrichshain – gebe ich alles zu! Das aber waren Dienstreisen, Notwendigkeiten und – gottlob! – auch stets Kurzreisen und lukrative Knappfahrten.

Hier gilt der Ausnahmezustand: Stuttgart ist Stuttgart, und Dienstfahrt ist Dienstfahrt! Also: Hin, Arbeit erledigen, nach Dienstschluss ist »Schnaps ist Schnaps« (bzw. »Bier Eintopf«) und das Hotel schon längst einerlei. Anderntags: »Auf, auf! Rasch heim!« Allein, auch dies, das Dienstreisen, ist und bleibt, zunehmend, inkommod. Immerhin ist es einträglich; man trägt mehr Geld ins Haus als hinaus.

Auffälliges, möglicherweise sogar Beachtliches oder Denkwürdiges zu berichten bleibt mir allein von unglücklich verhinderten Pauschal- oder glücklich gebremsten Fernreisen; »bedeutende« aber oder gar »lebensprägende« Reisen, im positiv-emphatischen Sinne (von denen hier zu berichten mich Auftrag ereilte), waren mir niemals vergönnt. Die folgenden zwei exemplarischen Ausfahrten waren obschon keinesfalls lebensprägend, so doch auffällig vom Leben geprägt, also fatal gleich wie banal. Und das muss zureichen:

Leser-Kommentare
  1. Mein Opa, ein weiser Mann, seufzte bei jedem ersten Halt bei einem Ausflug: "ach hät ich doch die Geistesgegenwart besessen und wär zuhaus geblieben!"

  2. "Nebenbei: Die Bekanntschaft eines alten Menschen, der, sei er wortkarg oder beredt, sein tapferes, eigentümliches Leben erzählt, ist mir welterschließender und kostbarer als jede Reise!"

    Es muss nicht immer ein alter Mensch sein, die Menschen sind unterschiedlichst, und mit diesen Menschen in Kontakt treten zu duerfen, macht die Reise schon lohnenswert.
    Es sei denn man zaehlt ( noch ) zu der Kategorei Touristsen, die nur auf Sonne, Strand und Sehenswuerdigkeiten aus sind.

  3. ich bin ganz hingerissen zu entdecken, dass ich mit meiner reiseunlust nicht allein dastehe.

    • Guido3
    • 24.03.2010 um 13:07 Uhr

    Abgesehen von meinem kleinen Sohn verschafft mir nichts so viele Glücksgefühle wie das Reisen.

    Reisen gehört zu den ganz, ganz wenigen Dingen, die man für Geld kaufen kann und die das Leben - im Gegensatz zu iPhone, Plasmafernseher, Sportwagen und Haus - wirklich bereichern.

    Nachts ganz einsam in der Kalahari campen. Löwen brüllen in der Umgebung. Einfach nur das pure Glück des menschlichen Daseins spüren - ohne die ganzen Zwänge und die Reizüberflutung des Alltags in Deutschland. Lernen wie reich das Leben von Menschen teilweise ist, die nach unseren (primär materiellen) Maßstäben bettelarm sind. Durch den Blick von außen begreifen, auf was für einem Level wir - trotz aller kritikwürdigen Mißstände - in Deutschland leben. Unbezahlbar.

  4. "Nebenbei: Die Bekanntschaft eines alten Menschen, der, sei er wortkarg oder beredt, sein tapferes, eigentümliches Leben erzählt, ist mir welterschließender und kostbarer als jede Reise!"

    Wenn einen solches Erfahrungabgreifen aus zweiter Hand zum schrulligen Schreiberling gerinnen lässt: was spricht dagegen.

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