Literaturverfilmung "Alice" "Dies ist mein Traum!"

Ein Hauch von Laterna Magica: Tim Burton verfilmt den Kinderbuch-Klassiker "Alice im Wunderland" – natürlich mit Johnny Depp.

Es ist zwingend, dass der große Fantast des amerikanischen Kinos, Tim Burton, sich eines Tages an Alice im Wunderland versuchen musste. Seine Welt waren immer schon die bizarren Alb- und Tagträume, die Freaks und Misfits. Und sein großes Thema ist die Würde der Außenseiter – von den Gespenstern in dem frühen Film Beetlejuice über seine beiden Batman -Variationen bis zu dem unvergesslichen Edward mit den Scherenhänden. Wer nun Burtons Alice sieht, erkennt, was vor allem der wunderbare Edward bereits Lewis Carroll verdankt. Denn der Gothic-Punk-Frankenstein erlebte ja eine Umkehrung des Schicksals von Alice: Ein Wesen aus einer Märchenwelt fand sich plötzlich in der bizarr überspitzten amerikanischen Vorstadtnormalität wieder, zwischen fein gestutzten Hecken und hochtoupierten Föhnfrisuren. Und siehe da, der Freak war im Herzen normaler als die Bürger. Immer schon war das Burtons Obsession: Das Monströse im Normalen und das Normale im Monströsen zu suchen.

Kein Wunder also, dass er nun Alice um eine Lesart bereichert: Sie ist bei ihm nicht das gelangweilte, überschlaue kleine Mädchen, das mit merkwürdigen sprechenden Tieren durch die Unterwelt streift. Alice ist eine junge Frau um die 20, die der viktorianischen Vermählung mit einem reichen, aber langweiligen Bräutigam entflieht und sich nach dem Sturz durchs Kaninchenloch in einer Traumwelt voller Bewährungsproben wiederfindet. Die schöne Mia Wasikowska gibt dem erwachenden Eigensinn mit blonden Wallehaaren und mürrischem Blick ein neues Gesicht. "Dies hier ist mein Traum", insistiert sie, als die Bewohner des Wunderlandes infrage stellen, ob sie überhaupt die "richtige Alice" sei. Sie war schon einmal hier, als junges Mädchen. Nun, an der Schwelle zur Erwachsenenwelt, ist sie wiedergekommen, um den Drachen Jabberwocky zu erschlagen, der roten Königin (Helena Bonham Carter) und dem Herzbuben (Crispin Glover) Paroli zu bieten, den Märzhasen und den verrückten Hutmacher (Johnny Depp) immer wieder auf den Teppich zu holen, wenn diese beiden völlig durchzudrehen drohen.

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Es ist wohl der Drehbuchautorin Linda Woolverton zu verdanken, dass das Märchen bei aller anarchistisch-surrealen Treue zu Carrols Fantasie eine feministische Ertüchtigungsmoral bekommen hat: Am Ende, zurückgekehrt aus den Prüfungen des Wunderlands, steigt Alice gar ins Geschäft des Vaters ein, in den Ostasienhandel. Nach China zieht es sie, in ein reales Wunderland also. Linda Woolverton war schon an Disneys Girlpower-Drama Mulan beteiligt. Alice gerät ihr zur geistigen Schwester der säbelschwingenden Chinesin.

Tim Burton hat diesen Film zwar nicht mit speziellen 3-D-Kameras gedreht wie Cameron seinen Avatar. Alice wurde für die 3-D-Vorführung nachträglich aufbereitet. Das mag die merkwürdige Flachheit mancher Aufnahmen erklären, in denen die Figuren scherenschnitthaft vor den Hintergründen erscheinen. Aber das ist kein Unglück: Es gibt dem Film einen Hauch von Laterna magica, der wunderbar zum Stoff passt. Sich die 3-D-Kassengestellbrille aufzusetzen bedeutet ein Einverständnis damit, dass das Kino wieder ein Stück weit zur Jahrmarktattraktion wird, die es einmal gewesen ist.

Burton hat einen unverklemmten Hang zu Trash, Rummelplatz und Krawall, wie er immer wieder bewiesen hat. Nicht zufällig hat er dem schlechtesten Filmemacher aller Zeiten – dem SciFi-Amateur Ed Wood – ein filmisches Denkmal gesetzt. Aber er ist eben auch ein großer Stilist, der seine visuelle Schöpferkraft hier ganz ausleben kann. Es sind die kleinen Episoden, die den Film sehenswert machen: Der verrückte Fünfuhrtee beim Hasen und Hutmacher oder die Szene, in der die eiskalte rote Königin ihre Diener in Froschgestalt verhört. Auch die alte Grinsekatze, die sich beim Reden in Luft auflöst, erfreut – besonders in der englischen Originalversion, in der die Cheshire Cat mit Stephen Frys Stimme spricht.

Hätten die streckenweise sehr dominanten Action-Elemente sein müssen? Der Jabberwocky, den Alice schließlich erlegen muss, um die Terrorherrschaft der roten Königin zu brechen, ist aus den Alien -Filmen geliehen. Bei Carroll entstammt er bekanntlich einem Nonsensgedicht. Die lange Drachentöterszene ist eine Konzession an das durchschnittliche Gewaltniveau heutiger Fantasyfilme. Und sie dient natürlich der Bebilderung von Girlpower. Wie weit ist diese Alice in der Ritterrüstung doch von dem kitschigen Mädchen entfernt, das man aus früheren Verfilmungen kennt! Gebraucht hätte man die Action aber eigentlich nicht, denn die beiden Antipoden von Alice in der Unterwelt – Depps psychotischer Hutmacher und Bonham Carters gnadenlose Königin – bringen schon genug Spannung in den Film. Sie sind bei Burton albtraumhafte Figuren des verfehlten Erwachsenseins, gegen das sich Alice stemmt in ihrem Versuch, endlich zu ihrem eigenen Leben zu erwachen. Ihr gelingt es schließlich auch – anders als seinerzeit Edward, der aus der Menschenwelt zurück in sein Märchenschloss fliehen musste, weil seine Scherenhände auch bei bestem Willen lebensgefährlich für seine Umwelt blieben.

Und wer will, kann in diesen beiden Werken von Tim Burton ein Sinnbild für die Ungleichheit der Größenfantasien erkennen, die heute beiden Geschlechtern angeboten werden: Mädchen kommen heute überall hin (wenn auch erst einmal nur in Gedanken). Jungs aber bleiben in ihren Luftschlössern gefangen.

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Leser-Kommentare
    • Pyr
    • 04.03.2010 um 13:58 Uhr
    1. Bravo!

    Sehr schöner Artikel!

  1. Ich freue mich schon auf den den Film.

  2. Ich liebe Alice in Wonderland und Through the looking glass und eigentlich liebe ich auch Tim Burton, aber seine Alice war sehr enttäuschend. Das schiebe ich aber zu großen Teilen eben jener Drehbuchautorin zu, die Sie in Ihrem Artikel so loben. Alice ist ein Utopia des Nonsense und der Fantasie. Und das lässt sich eben schlecht typisch amerikanisch verfilmen. ES SEI DENN man zerrupft das Original und setzt es zu einer 08/15-Hollywoodstory Gut-gegen-Böse-mit-finaler-Schlacht zusammen. Was die Drehbuchautorin da dem Original angetan hat, war genau das Gegenteil von Tim Burton und Lewis Carroll: fantasielos, ideenlos, lieblos. Und "die schöne Wasikowska" war eben nur das: schön. Der ganze Charme des Buches, den Disney immerhin noch umsetzen konnte, war weg. Dank Tim Burtons Geschick war der Film wenigstens schön anzusehen und das Wunderland an sich adäquat in Szene gesetzt.

  3. Ich war auch etwas enttäuscht von dem Film, aber mit den Büchern kann man ihn nicht vergleichen, da die Geschichte aus keinem der Bücher stammt. Der Film läuft nach Schema F ab, was ich Disney zuschreibe, die sehr strenge inhaltliche Richtlininen für ihre Produktionen haben. Daher wahrscheinlich auch das schale, vorhersehbare Ende.
    Die Drachentöterszene hat mich sehr an Herr der Ringe erninnert und das muss absolut nicht sein. Auch in 3 D muss das nicht sein, passt auch gar nicht, war eher anstrengend und den Jungen-Mädchen-Vergleich in Verbindung mit Edward mit den Scherenhänden finde ich etwas weit hergeholt und platt.

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