Wäre Waltrop ein Unternehmen, dann würde es nicht mehr existieren. Dann hätte der Insolvenzverwalter die Mitarbeiter nach Hause geschickt, das Licht ausgemacht und die Tore verriegelt. Und die Gläubiger hätten ihr Geld abgeschrieben.

Doch Waltrop ist eine Stadt. Man kann sie nicht einfach schließen.

Wie konnte es zur derart hoffnungslosen Lage kommen, wer trägt die Schuld? Und: Wo liegt die Lösung? Selbst äußerste Sparsamkeit kann die Stadt im Ruhrgebiet jetzt nicht mehr retten. Die ehemalige Zechenstadt hat zu wenig Geld für das, was sie leisten muss. Weil Waltrop kein Einzelfall ist, trifft sich an diesem Donnerstag eine Kommission aus Vertretern von Bund, Ländern und Gemeinden. Sie soll nach Wegen aus dem Finanzdebakel der Kommunen suchen. Denn ganzen Regionen droht der Absturz.

Weit über die Hälfte der nordrhein-westfälischen Kommunen werden dieses Jahr nur noch mit einem Nothaushalt agieren. Weil sie dann nicht mehr in die Zukunft investieren können, rutschen sie weiter ab. Auch in Rheinland-Pfalz und im Saarland ist die Lage der Städte höchst dramatisch. Dagegen geht es vielen ostdeutschen Gemeinden, die vom Solidarpakt profitieren, noch vergleichsweise gut. Auslöser für die kommunale Massenpleite ist die Wirtschaftskrise, weil die Einnahmen aus der Gewerbesteuer einbrachen. Doch die Ursachen liegen tiefer, wie die Reise nach Waltrop offenbart.

Die öffentliche Armut bleibt auf den ersten Blick verborgen, Waltrop ist eine schmucke Stadt. Sanierte Fachwerkhäuser stehen rings um die Kirche, die Fußgängerzone ist mit roten Klinkern ausgelegt, im Feinkostgeschäft baumeln große Schinken über dem Angebot an Whiskey und Crémant.

Den schlechten Zustand der Straßen mag man auf den strengen Winter schieben. Doch die Waltroper wissen es besser. Sie mussten erleben, dass alle lokalen Steuern stiegen, von der Gewerbe- und der Grund- bis hin zur Hundesteuer. Dass das Bürgerbüro, wo man den Pass verlängert, die Öffnungszeiten radikal zusammenstrich. Dass die Bibliothek in ein kleineres Gebäude umzog und das Angebot der Musikschule schrumpfte, während der Unterricht gleichzeitig teurer wurde. Dass die Schulbusse nur noch Kinder mitnehmen, die mindestens 2,5 Kilometer entfernt wohnen. Dass das Hallenbad geschlossen wurde.

»Andere Städte bieten heute kostenlose Kitaplätze«, sagt Waltrops Kämmerer Wolfgang Brautmeier. »Wir mussten die Gebühren sogar erhöhen.«

Wann immer er Sparvorschläge formuliert, stößt er bei den Bürgern auf Widerstand. Sie sehen nicht ein, dass sie mehr zahlen und dafür weniger bekommen. Der Kommunalwissenschaftler Lars Holtkamp, der an der Fernuniversität Hagen lehrt, sieht in der Finanznot sogar Gefahren für die Demokratie. Wozu noch einen Bürgermeister oder einen Landrat wählen, wenn der keinerlei Spielraum mehr hat? Wenn er – egal, von welcher Partei er stammt – nur noch gesetzlich vorgeschriebene Aufgaben erfüllt?