Thomas Mann
Krieg veredelt den Menschen
Alles nur ein Spiel mit Worten? Thomas Manns berüchtigte "Betrachtungen eines Unpolitischen" in einer Neuausgabe
© A. Pfister/AFP/Getty Images

Thomas Mann, 1952 in Zürich
Zu den bedrückendsten Lese-Erfahrungen, die das vergangene Jahrhundert bereithält, gehören die Begeisterungsschreie, mit denen die Schleppenträger des deutschen Geistes den Ausbruch des Ersten Weltkriegs begrüßt haben. Inständig beteten Dichter und Denker zu Gott, damit er den Feind im deutschen Kugelhagel verrecken lasse. In anderthalb Jahren, bis Ende 1915, entstanden 235 Bände mit Kriegslyrik, anderthalb Millionen Kriegsgedichte, 800 Bände Kriegsliteratur und tausend veröffentlichte Kirchenpredigten, in denen Christenmenschen aller Glaubensrichtungen dem »großen Krieg« in nomine christi den Segen gaben.
Unter den Großdichtern, die vom Schreibtisch aus zu den Waffen riefen, gehörte auch der für seine Empfindsamkeit gerühmte Thomas Mann. Noch ehe der erste Schuss gefallen war, stand sein »Herz in Flammen« und triumphierte über den Zusammenbruch der verhassten, von den »Zersetzungsstoffen der Zivilisation« stinkenden »Friedenswelt«. Gedanken im Kriege hieß der Aufsatz, in dem Thomas Mann 1914 den militärischen Kampf der deutschen Kultur gegen die barbarische Flachheit des Westens rühmte, den bewaffneten Widerstand gegen den »anti-heroischen« und »anti-genialen« Geist der »wölfisch-merkantilen Bourgeoisie-Republiken«. Das »heute wichtigste Volk Europas« sträube sich, den »zivilen Geist als letztes und menschenwürdigstes Ideal anzuerkennen«.
Die Propagandaschrift löst bei den Freunden Bestürzung aus und verschärfte den erbitterten »Bruderkrieg« mit Heinrich, der ihm vorwarf, er nehme für seine geistigen Liebhabereien »Elend und Tod der Völker in Kauf«. Thomas Mann geriet unter Rechtfertigungsdruck, unterbrach seine Arbeit am Zauberberg und schrieb die berüchtigten Betrachtungen eines Unpolitischen, eine 600 Seiten lange Selbsterklärungsschrift, die, je aussichtsloser der Kriegsverlauf für Deutschland wird, eine immer windungsreichere Gestalt annimmt. Der Autor nimmt darin nichts zurück, im Gegenteil. Für Thomas Mann bleibt der Weltkrieg ein »Entscheidungskampf« zwischen der metaphysischen deutschen Nation und dem ihr wesensfremden Westen. »Fort also mit dem landfremden und abstoßenden Schlagwort ›demokratisch‹! Nie wird der mechanisch-demokratische Staat des Westens Heimatrecht bei uns erlangen.«
Es ist schwer zu fassen: Auch nach dem Gemetzel von Verdun, an der Somme und an der Marne, auch nach Millionen von Toten, Halbtoten, Verstümmelten, Vergifteten, Traumatisierten – unbeirrt schreibt der bürgerliche Kulturträger Thomas Mann weiter, und er tut es auch dann noch, als Mitstreiter wie Ernst Troeltsch längst Abbitte leisten und zur »Demobilisierung des Geistes« aufrufen. Zeitgleich mit der deutschen Generalität befällt ihn die Ahnung, die Demokratie werde nicht mehr aufzuhalten sein, und dann wünscht er sich eine Art Volksherrschaft, aber bitte ohne Parlamentarismus und Parteienstreit. Nach dem Waffenstillstand im September 1918 gibt Thomas Mann nach kurzem Zögern die Betrachtungen zum Druck frei , die Rechten und Rechtsradikalen applaudieren ihm artig. Nur vier Jahre später geschieht die spektakuläre Wende: In seiner Rede Von deutscher Republik bekennt sich Thomas zur Weimarer Demokratie. Fortan steht für ihn der Feind nicht mehr im Westen, sondern im eigenen, im deutschen Lager. Deutschlands Feinde – das sind die Faschisten.
Was war geschehen? Warum verteidigte Thomas Mann plötzlich einen demokratischen Verfassungsstaat, von dem er in seinen Betrachtungen noch behauptet hatte, er sei dem Deutschen »wesensfremd«? Meinte er es ernst – oder war er tief im Herzen, unter seinem vernunftdemokratischen Federkleid, doch ein Kulturnationaler geblieben? Oder, zweite Möglichkeit: Sind die Betrachtungen eines Unpolitischen gar kein antidemokratisches Pamphlet, sondern eine für damalige Zeiten durchaus handelsübliche Kulturkritik, die wir heute zur geistigen Mobilmachung der Neuen Bürgerlichkeit beruhigt aus der rechten Schmuddelecke herausziehen und stolz wieder ins Furnierholz-Regal stellen dürfen? Wenn ja, dann hätte Heinrich Mann seinen Bruder grandios missverstanden und ihn zu Unrecht verdächtigt, das Grauen schönzureden und dem deutschen Militarismus ein gutes Gewissen zu verschaffen. Und auch die deutsche Rechte, zum Beispiel Armin Mohler, wäre einer Fehllektüre aufgesessen, als sie Thomas Mann zu einem Gründungsvater der Konservativen Revolution ernannte.
In der Tat, genau so möchte es der Germanist Hermann Kurzke sehen. Kurzke, den einen Experten zu nennen eine Untertreibung ist, gibt im Nachwort zu seiner Neu-Edition Entwarnung und beruhigt die Leserschaft mit der Auskunft, kein Demokrat müsse bei der Lektüre der Betrachtungen rot werden. Wer die »Scheuklappen politischer Korrektheit« ablege, der werde darin keine antihumanistische Kampfschrift erkennen, sondern die virtuos geschriebene und ironisch gebrochene Herzensbeichte eines zerrissenen Intellektuellen, der innerlich längst unterwegs zur Demokratie gewesen sei (eine These, die bereits der Historiker Jens Nordalm vertreten hatte). Letzte Sicherheit liefert Kurzke die Stilanalyse. Die Betrachtungen bestünden aus polyvalenten Stimmen und Gegenstimmen, aus so vielen heterogenen rhetorischen Figuren und Oppositionsbeziehungen, dass eine eindeutige politische Stoßrichtung nicht auszumachen sei. »So haben die Betrachtungen, wenn man sie richtig liest, eine spröde Eleganz, die noch die schlimmsten Stellen erträglich macht, weil sie als Rollenspiel erscheinen. Sie sind rhetorisch, nicht wahrhaftig, sie sind ironisch, nicht pathetisch.« Entspannt könne man die Betrachtungen wieder in den »liberalen Diskurs einspeisen«. Aber was soll dieser Diskurs lernen, wenn es sich ohnehin nur um ein interpretatorisch unentscheidbares Metaphernspiel handelt? Ein Spiel, das dem Leser die Regel verschweigt, nach der es funktioniert?
Der Aufwand, mit dem Kurzke in seinem Nachwort der Mannschen Gedankenmasse ideengeschichtlich zu Leibe rückt, bleibt entsprechend moderat und für den Leser intellektuell kostensparend. Die Folge ist eine durchweg apologetische Tendenz, zu deren Verharmlosungen und Frivolitäten Edo Reents das Notwendige gesagt hat (FAZ vom 27.11.2009). Am Schluss unterbreitet Kurzke – nach einem Seitenhieb auf Klaus Harpprecht – schließlich doch noch ein verstecktes, für ein »wissenschaftliches« Nachwort überraschendes Deutungsangebot: Bei Thomas Mann könne der Leser lernen, wie peinlich der deutsche Zivilisationsliterat Günter Grass sei.
- Datum 12.3.2010 - 11:23 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
- Kommentare 11
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Von Thomas Assheuers niveauvollem Artikel gefällt mir der letzte Absatz am besten. Zu Recht lobt er an den "Betrachtungen", dass sie den Leser Dinge erkennen lassen, "die der moralische Optimismus der Linken progressiv übersieht". Ja, viele Linke haben so ein optimistisches Menschenbild wie der klassische Zivilisationsliterat und Gutmensch Settembrini im "Zauberberg". Aber nicht alle! Ich erinnere an Aldous Huxley und seinen Roman "Schöne neue Welt", wo einer oberflächlichen Spaß- und Konsumgesellschaft des Westens als Ideal die wüste, mittelalterliche, fanatische Welt Shakespeares gegenübergestellt wird - Kultur versus Zivilisation wie in den "Betrachtungen". Diese Abneigung gegen die westliche Konsumzivilisation, den american way of life, teilten auch unsere 68er, die aus Protest dagegen Kaufhäuser anzündeten - war das nun links oder rechts? Jedenfalls war es sehr deutsch!
Einerseits geht es um den moralischen Optimismus der Linken, der Wichtiges übersehe, anderseits um den liberalen Kapitalismus, welcher der Kunst Fesseln anlege - ja was denn nun? Wortklauberei, um den faulen Kern nich wahrnehmen zu müssen, und der lautet allemal "abendländischer Kulturbegriff"?
Denn was ist von einer "Kultur" zu halten, die
"in anderthalb Jahren, ... 235 Bände mit Kriegslyrik, anderthalb Millionen Kriegsgedichte, 800 Bände Kriegsliteratur und tausend veröffentlichte Kirchenpredigten" hervorbringt, von der Nazibarbarbei mit Hölderlin im Tornister und Mozart im Ohr ganz zu schweigen?
Der französische Molekurbiologe Matthieu Ricard schreibt, seine Eltern hätten sich in einem großen Kreis von Intellektuellen bewegt, es
"herrschte an faszinierenden Begegnungen kein Mangel. Meine Mutter ... war mit großen Persönlichkeiten des Surrealismus und der zeitgenössischen Kunst befreundet ... Mein Vater, der unter seinem Schriftstellerpseudonym Jean-Francois Revel zu einer der Säulen des intellektuellen Lebens in Frankreich wurde, organisierte unvergessliche Abendessen mit den großen Denkern und kreativen Köpfen seiner Zeit ... Trotz ihrer künstlerischen, wissenschaftlichen und intellektuellen Fähigkeiten waren sie, was Selbstlosigkeit, Weltoffenheit, Entschlossenheit und Lebensfreude anbelangt, keinen Deut besser oder schlechter als jeder von uns. (M. Ricard: Glück. München 2007 S.14 ff.)
Wäre es nicht Zeit, ernsthafter über "Kultur" nachzudenken?
Genau damit kommt Thomas Mann auf keinen grünen Zweig.
Natürlich siedelt seine Veredelung anderswo als "Professor Unrat", aber ihr fehlt eben Sexualität. Wo keine ist, wird auch keine und es ist nicht ganz unwichtig, ob ich sterben soll auf dem Schlachtfeld, weil die Natur Leben so überreichlich schenkt - einleuchten würde mir das nicht, erlaubt aber diese Mozart´sche "Verniedlichung" des Militärischen - oder weil das Leben so wie es ist, eigentlich tot ist. Da ist aber das Sterben auf dem Schlachtfeld nachgereicht und es entsteht kein Leben mehr.
Also für diese Menschen hat Nietzsche nicht geschrieben. Aber sie haben um ihn herum geschrieben.
Das reicht nicht für eine literarische Existenz, auch nicht für eine philosophische. Wer ihn nicht denkend weiterdenkt, hat der ihn überhaupt verstanden?
Und wer ihn verstanden hat, mag der noch denken?
Eher nicht. Es geht eher in den Bereich der Lyrik, in das Bestehen auf Anstrengung, die dann eine klare Absage wäre an lyrische Schlachtenverklärung.
Geht diese "Rechnung" auf?
Man müßte sich einmal Nietzsches Gedichte vornehmen und auf diese strukturellen Absicherungen hin überprüfen.
Ja genau, man müßte Literaturwissenschaft studieren und so vieles mehr und vor allem, so viele mehr.
Diese Angst vor der Masse ist manchmal ein ganz untrügliches Zeichen für Angst vor der Sexualität.
Ein schönes Interview mit Uta Ranke-Heinemann und ein nachdenklich stimmender Beitrag von Herrn Assheuer.
... und dazu ein nachdenklich stimmender Beitrag von Ihnen - danke.
Wieso kommt Th. Mann "auf keinen grünen Zweig" ? Wieso ist bei ihm "keine Sexualität und wird auch keine" ? Hatte er "Angst" vor der Masse und wo ist der Zusammenhang zu "Angst vor der Sexualität"? Ist es nicht äußerst vermessen , anderen Menschen Asexualität zu unterstellen ?
Mich überzeugt Ihre Argumentation leider gar nicht.
Gerade die Kernaussage: »seelisch-geistige, religiöse Erhöhung, Vertiefung, Veredelung« bringt es auf den Punkt.
Diese Aussage ist zutiefst wahr, wenn man die Nachkriegszeit und den Aufbau und die politische Neuordnung betrachtet. Ebenso die vielen heroischen Taten gegen existentielles Unrecht im Krieg. Nur haben diese Erkenntnisse und Reifungen einen enorm hohen Preis auf der anderen Seite der Moral.
Krieg ist immer auch ein Instrument gegen Verlogenheit, Anmassung und Unrecht. Im ersten Weltkrieg lagen diese Eigenschaften noch auf alle Nationen verteilt, im Zweiten Weltkrieg sahen sich die Nazis legitimiert, wegen dieser Verlogenheit und Unmoralität sich auf die selbe Stufe stellen und hemmungslos dem nachzugehen, Sie hatten den Glauben an das Positive verloren.
Diese Verteilung allerdings ist immer nur in einer ex post Betrachtung möglich, den die Zeitgenossen sehen sich durchaus anders.
Das was Thomas Mann bekämpfte war der Ungeist, den auch später die Faschisten repräsentierten und heute auch vielen selbsternannten Demokraten zu eigen ist. Vor dem ersten Weltkrieg sah er Ihn einseitig in den Schlammschlachten der westlichen Demokraten, verkennend, dass in Deutschland dieselben Kräfte am Werke waren, nur nicht so offen wie in einer Demokratie, die diesbezüglich nur mehr Transparenz schafft.
H.
Sie hatten sich für zu gut und gerecht gehalten, die guten Deutschen der wilhelminische Ära.Zu einem gewissen Teil mögen sie dafür auch Gründe gehabt haben, sonst wäre ein Geist von der Größe Thomas Manns nicht darauf hereingefallen. So hat er zwar den Dorn im Auge der "wölfisch-merkantilen Bourgeoisie-Republiken" erkannt, doch nicht den Pfahl im Auge des deutschen Militarismus. Es ist eine Entweder-Oder-Entscheidung gewesen, wie wohl - am jenseitigen Pol - bei Heinrich Mann auch.
Mal ist man geneigt, einem, dann wieder dem anderen der beiden Mann-en größere politische Weitsicht zu beglaubigen.
Fakt ist, dass die Welt sich irgendwie zyklisch ändert und dass wahrscheinlich heute Thomas Mann erneut gegen die "wölfisch-merkantilen Bourgeoisie-Republiken" gewettert hätte, zu denen aber jetzt auch die Bundesrepublik zählt.
Für Thomas Mann bleibt der Weltkrieg ein »Entscheidungskampf« zwischen der metaphysischen deutschen Nation und dem ihr wesensfremden Westen. »Fort also mit dem landfremden und abstoßenden Schlagwort ›demokratisch‹! Nie wird der mechanisch-demokratische Staat des Westens Heimatrecht bei uns erlangen.«
Recht hat er, auch heute. Die Deutschen glauben immer noch, sie hätten "Demokratie und Menschenrechte" erfunden und quasi gepachtet. Alles das, was nach 1968 bis heute in diesem Lande abgelaufen ist, entspricht nicht deutschem Wesen und ist nur als Reaktion auf Auschwitz erklärbar.
Wir sind nicht Frankreich, nicht England, nicht die USA. Dieser Menschenrechts- und Demokratiefetischismus plus naivem Pazifismus widert mich an.
Die Eliten versuchen mit allen Mitteln, uns zu pazifistischen Idioten und Gutmenschen zu erziehen. Allein, es wird ihnen nicht gelingen. Deutschland wird sich erheben und nicht länger Depp und Zahlmeister aller "befreundeten" Nationen sein.
was einen anwidert, ist viel eher diese mischung aus inferioritätsängstlichem deutschnationalismus, kryptonazistischem schollen-pathos und kleinkariertem steuerzahler-patriotismus.
ja, mann hatte recht - mit dem eingeständnis des fatalen irrtums, dem er in seinen 'betrachtungen' erlegen war.
Ich war immer der Meinung, Auschwitz hinge irgendwie mit der postulierten Überlegenheit des "deutschen Wesens" zusammen...Kann jemand diesen Begriff erläutern, ohne negativste Assoziationen extremster Art hervorzurufen?
Möge sich Deutschland nie wieder "erheben" über die anderen Nationen !
was einen anwidert, ist viel eher diese mischung aus inferioritätsängstlichem deutschnationalismus, kryptonazistischem schollen-pathos und kleinkariertem steuerzahler-patriotismus.
ja, mann hatte recht - mit dem eingeständnis des fatalen irrtums, dem er in seinen 'betrachtungen' erlegen war.
Ich war immer der Meinung, Auschwitz hinge irgendwie mit der postulierten Überlegenheit des "deutschen Wesens" zusammen...Kann jemand diesen Begriff erläutern, ohne negativste Assoziationen extremster Art hervorzurufen?
Möge sich Deutschland nie wieder "erheben" über die anderen Nationen !
... und dazu ein nachdenklich stimmender Beitrag von Ihnen - danke.
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