Zu den bedrückendsten Lese-Erfahrungen, die das vergangene Jahrhundert bereithält, gehören die Begeisterungsschreie, mit denen die Schleppenträger des deutschen Geistes den Ausbruch des Ersten Weltkriegs begrüßt haben. Inständig beteten Dichter und Denker zu Gott, damit er den Feind im deutschen Kugelhagel verrecken lasse. In anderthalb Jahren, bis Ende 1915, entstanden 235 Bände mit Kriegslyrik, anderthalb Millionen Kriegsgedichte, 800 Bände Kriegsliteratur und tausend veröffentlichte Kirchenpredigten, in denen Christenmenschen aller Glaubensrichtungen dem »großen Krieg« in nomine christi den Segen gaben.

Unter den Großdichtern, die vom Schreibtisch aus zu den Waffen riefen, gehörte auch der für seine Empfindsamkeit gerühmte Thomas Mann. Noch ehe der erste Schuss gefallen war, stand sein »Herz in Flammen« und triumphierte über den Zusammenbruch der verhassten, von den »Zersetzungsstoffen der Zivilisation« stinkenden »Friedenswelt«. Gedanken im Kriege hieß der Aufsatz, in dem Thomas Mann 1914 den militärischen Kampf der deutschen Kultur gegen die barbarische Flachheit des Westens rühmte, den bewaffneten Widerstand gegen den »anti-heroischen« und »anti-genialen« Geist der »wölfisch-merkantilen Bourgeoisie-Republiken«. Das »heute wichtigste Volk Europas« sträube sich, den »zivilen Geist als letztes und menschenwürdigstes Ideal anzuerkennen«.

Die Propagandaschrift löst bei den Freunden Bestürzung aus und verschärfte den erbitterten »Bruderkrieg« mit Heinrich , der ihm vorwarf, er nehme für seine geistigen Liebhabereien »Elend und Tod der Völker in Kauf«. Thomas Mann geriet unter Rechtfertigungsdruck, unterbrach seine Arbeit am Zauberberg und schrieb die berüchtigten Betrachtungen eines Unpolitischen, eine 600 Seiten lange Selbsterklärungsschrift, die, je aussichtsloser der Kriegsverlauf für Deutschland wird, eine immer windungsreichere Gestalt annimmt. Der Autor nimmt darin nichts zurück, im Gegenteil. Für Thomas Mann bleibt der Weltkrieg ein »Entscheidungskampf« zwischen der metaphysischen deutschen Nation und dem ihr wesensfremden Westen. »Fort also mit dem landfremden und abstoßenden Schlagwort ›demokratisch‹! Nie wird der mechanisch-demokratische Staat des Westens Heimatrecht bei uns erlangen.«

Es ist schwer zu fassen: Auch nach dem Gemetzel von Verdun , an der Somme und an der Marne, auch nach Millionen von Toten, Halbtoten, Verstümmelten, Vergifteten, Traumatisierten – unbeirrt schreibt der bürgerliche Kulturträger Thomas Mann weiter, und er tut es auch dann noch, als Mitstreiter wie Ernst Troeltsch längst Abbitte leisten und zur »Demobilisierung des Geistes« aufrufen. Zeitgleich mit der deutschen Generalität befällt ihn die Ahnung, die Demokratie werde nicht mehr aufzuhalten sein, und dann wünscht er sich eine Art Volksherrschaft, aber bitte ohne Parlamentarismus und Parteienstreit. Nach dem Waffenstillstand im September 1918 gibt Thomas Mann nach kurzem Zögern die Betrachtungen zum Druck frei , die Rechten und Rechtsradikalen applaudieren ihm artig. Nur vier Jahre später geschieht die spektakuläre Wende: In seiner Rede Von deutscher Republik bekennt sich Thomas zur Weimarer Demokratie. Fortan steht für ihn der Feind nicht mehr im Westen, sondern im eigenen, im deutschen Lager. Deutschlands Feinde – das sind die Faschisten.

Was war geschehen? Warum verteidigte Thomas Mann plötzlich einen demokratischen Verfassungsstaat, von dem er in seinen Betrachtungen noch behauptet hatte, er sei dem Deutschen »wesensfremd«? Meinte er es ernst – oder war er tief im Herzen, unter seinem vernunftdemokratischen Federkleid, doch ein Kulturnationaler geblieben? Oder, zweite Möglichkeit: Sind die Betrachtungen eines Unpolitischen gar kein antidemokratisches Pamphlet, sondern eine für damalige Zeiten durchaus handelsübliche Kulturkritik, die wir heute zur geistigen Mobilmachung der Neuen Bürgerlichkeit beruhigt aus der rechten Schmuddelecke herausziehen und stolz wieder ins Furnierholz-Regal stellen dürfen? Wenn ja, dann hätte Heinrich Mann seinen Bruder grandios missverstanden und ihn zu Unrecht verdächtigt, das Grauen schönzureden und dem deutschen Militarismus ein gutes Gewissen zu verschaffen. Und auch die deutsche Rechte, zum Beispiel Armin Mohler, wäre einer Fehllektüre aufgesessen, als sie Thomas Mann zu einem Gründungsvater der Konservativen Revolution ernannte.

In der Tat, genau so möchte es der Germanist Hermann Kurzke sehen. Kurzke, den einen Experten zu nennen eine Untertreibung ist, gibt im Nachwort zu seiner Neu-Edition Entwarnung und beruhigt die Leserschaft mit der Auskunft, kein Demokrat müsse bei der Lektüre der Betrachtungen rot werden. Wer die »Scheuklappen politischer Korrektheit« ablege, der werde darin keine antihumanistische Kampfschrift erkennen, sondern die virtuos geschriebene und ironisch gebrochene Herzensbeichte eines zerrissenen Intellektuellen, der innerlich längst unterwegs zur Demokratie gewesen sei (eine These, die bereits der Historiker Jens Nordalm vertreten hatte). Letzte Sicherheit liefert Kurzke die Stilanalyse. Die Betrachtungen bestünden aus polyvalenten Stimmen und Gegenstimmen, aus so vielen heterogenen rhetorischen Figuren und Oppositionsbeziehungen, dass eine eindeutige politische Stoßrichtung nicht auszumachen sei. »So haben die Betrachtungen, wenn man sie richtig liest, eine spröde Eleganz, die noch die schlimmsten Stellen erträglich macht, weil sie als Rollenspiel erscheinen. Sie sind rhetorisch, nicht wahrhaftig, sie sind ironisch, nicht pathetisch.« Entspannt könne man die Betrachtungen wieder in den »liberalen Diskurs einspeisen«. Aber was soll dieser Diskurs lernen, wenn es sich ohnehin nur um ein interpretatorisch unentscheidbares Metaphernspiel handelt? Ein Spiel, das dem Leser die Regel verschweigt, nach der es funktioniert?

Der Aufwand, mit dem Kurzke in seinem Nachwort der Mannschen Gedankenmasse ideengeschichtlich zu Leibe rückt, bleibt entsprechend moderat und für den Leser intellektuell kostensparend. Die Folge ist eine durchweg apologetische Tendenz, zu deren Verharmlosungen und Frivolitäten Edo Reents das Notwendige gesagt hat ( FAZ vom 27.11.2009). Am Schluss unterbreitet Kurzke – nach einem Seitenhieb auf Klaus Harpprecht – schließlich doch noch ein verstecktes, für ein »wissenschaftliches« Nachwort überraschendes Deutungsangebot: Bei Thomas Mann könne der Leser lernen, wie peinlich der deutsche Zivilisationsliterat Günter Grass sei.