Thomas Mann Krieg veredelt den Menschen
Alles nur ein Spiel mit Worten? Thomas Manns berüchtigte "Betrachtungen eines Unpolitischen" in einer Neuausgabe
© A. Pfister/AFP/Getty Images

Thomas Mann, 1952 in Zürich
Zu den bedrückendsten Lese-Erfahrungen, die das vergangene Jahrhundert bereithält, gehören die Begeisterungsschreie, mit denen die Schleppenträger des deutschen Geistes den Ausbruch des Ersten Weltkriegs begrüßt haben. Inständig beteten Dichter und Denker zu Gott, damit er den Feind im deutschen Kugelhagel verrecken lasse. In anderthalb Jahren, bis Ende 1915, entstanden 235 Bände mit Kriegslyrik, anderthalb Millionen Kriegsgedichte, 800 Bände Kriegsliteratur und tausend veröffentlichte Kirchenpredigten, in denen Christenmenschen aller Glaubensrichtungen dem »großen Krieg« in nomine christi den Segen gaben.
Unter den Großdichtern, die vom Schreibtisch aus zu den Waffen riefen, gehörte auch der für seine Empfindsamkeit gerühmte Thomas Mann. Noch ehe der erste Schuss gefallen war, stand sein »Herz in Flammen« und triumphierte über den Zusammenbruch der verhassten, von den »Zersetzungsstoffen der Zivilisation« stinkenden »Friedenswelt«. Gedanken im Kriege hieß der Aufsatz, in dem Thomas Mann 1914 den militärischen Kampf der deutschen Kultur gegen die barbarische Flachheit des Westens rühmte, den bewaffneten Widerstand gegen den »anti-heroischen« und »anti-genialen« Geist der »wölfisch-merkantilen Bourgeoisie-Republiken«. Das »heute wichtigste Volk Europas« sträube sich, den »zivilen Geist als letztes und menschenwürdigstes Ideal anzuerkennen«.
Die Propagandaschrift löst bei den Freunden Bestürzung aus und verschärfte den erbitterten »Bruderkrieg« mit Heinrich, der ihm vorwarf, er nehme für seine geistigen Liebhabereien »Elend und Tod der Völker in Kauf«. Thomas Mann geriet unter Rechtfertigungsdruck, unterbrach seine Arbeit am Zauberberg und schrieb die berüchtigten Betrachtungen eines Unpolitischen, eine 600 Seiten lange Selbsterklärungsschrift, die, je aussichtsloser der Kriegsverlauf für Deutschland wird, eine immer windungsreichere Gestalt annimmt. Der Autor nimmt darin nichts zurück, im Gegenteil. Für Thomas Mann bleibt der Weltkrieg ein »Entscheidungskampf« zwischen der metaphysischen deutschen Nation und dem ihr wesensfremden Westen. »Fort also mit dem landfremden und abstoßenden Schlagwort ›demokratisch‹! Nie wird der mechanisch-demokratische Staat des Westens Heimatrecht bei uns erlangen.«
Es ist schwer zu fassen: Auch nach dem Gemetzel von Verdun, an der Somme und an der Marne, auch nach Millionen von Toten, Halbtoten, Verstümmelten, Vergifteten, Traumatisierten – unbeirrt schreibt der bürgerliche Kulturträger Thomas Mann weiter, und er tut es auch dann noch, als Mitstreiter wie Ernst Troeltsch längst Abbitte leisten und zur »Demobilisierung des Geistes« aufrufen. Zeitgleich mit der deutschen Generalität befällt ihn die Ahnung, die Demokratie werde nicht mehr aufzuhalten sein, und dann wünscht er sich eine Art Volksherrschaft, aber bitte ohne Parlamentarismus und Parteienstreit. Nach dem Waffenstillstand im September 1918 gibt Thomas Mann nach kurzem Zögern die Betrachtungen zum Druck frei , die Rechten und Rechtsradikalen applaudieren ihm artig. Nur vier Jahre später geschieht die spektakuläre Wende: In seiner Rede Von deutscher Republik bekennt sich Thomas zur Weimarer Demokratie. Fortan steht für ihn der Feind nicht mehr im Westen, sondern im eigenen, im deutschen Lager. Deutschlands Feinde – das sind die Faschisten.
Was war geschehen? Warum verteidigte Thomas Mann plötzlich einen demokratischen Verfassungsstaat, von dem er in seinen Betrachtungen noch behauptet hatte, er sei dem Deutschen »wesensfremd«? Meinte er es ernst – oder war er tief im Herzen, unter seinem vernunftdemokratischen Federkleid, doch ein Kulturnationaler geblieben? Oder, zweite Möglichkeit: Sind die Betrachtungen eines Unpolitischen gar kein antidemokratisches Pamphlet, sondern eine für damalige Zeiten durchaus handelsübliche Kulturkritik, die wir heute zur geistigen Mobilmachung der Neuen Bürgerlichkeit beruhigt aus der rechten Schmuddelecke herausziehen und stolz wieder ins Furnierholz-Regal stellen dürfen? Wenn ja, dann hätte Heinrich Mann seinen Bruder grandios missverstanden und ihn zu Unrecht verdächtigt, das Grauen schönzureden und dem deutschen Militarismus ein gutes Gewissen zu verschaffen. Und auch die deutsche Rechte, zum Beispiel Armin Mohler, wäre einer Fehllektüre aufgesessen, als sie Thomas Mann zu einem Gründungsvater der Konservativen Revolution ernannte.
In der Tat, genau so möchte es der Germanist Hermann Kurzke sehen. Kurzke, den einen Experten zu nennen eine Untertreibung ist, gibt im Nachwort zu seiner Neu-Edition Entwarnung und beruhigt die Leserschaft mit der Auskunft, kein Demokrat müsse bei der Lektüre der Betrachtungen rot werden. Wer die »Scheuklappen politischer Korrektheit« ablege, der werde darin keine antihumanistische Kampfschrift erkennen, sondern die virtuos geschriebene und ironisch gebrochene Herzensbeichte eines zerrissenen Intellektuellen, der innerlich längst unterwegs zur Demokratie gewesen sei (eine These, die bereits der Historiker Jens Nordalm vertreten hatte). Letzte Sicherheit liefert Kurzke die Stilanalyse. Die Betrachtungen bestünden aus polyvalenten Stimmen und Gegenstimmen, aus so vielen heterogenen rhetorischen Figuren und Oppositionsbeziehungen, dass eine eindeutige politische Stoßrichtung nicht auszumachen sei. »So haben die Betrachtungen, wenn man sie richtig liest, eine spröde Eleganz, die noch die schlimmsten Stellen erträglich macht, weil sie als Rollenspiel erscheinen. Sie sind rhetorisch, nicht wahrhaftig, sie sind ironisch, nicht pathetisch.« Entspannt könne man die Betrachtungen wieder in den »liberalen Diskurs einspeisen«. Aber was soll dieser Diskurs lernen, wenn es sich ohnehin nur um ein interpretatorisch unentscheidbares Metaphernspiel handelt? Ein Spiel, das dem Leser die Regel verschweigt, nach der es funktioniert?
Der Aufwand, mit dem Kurzke in seinem Nachwort der Mannschen Gedankenmasse ideengeschichtlich zu Leibe rückt, bleibt entsprechend moderat und für den Leser intellektuell kostensparend. Die Folge ist eine durchweg apologetische Tendenz, zu deren Verharmlosungen und Frivolitäten Edo Reents das Notwendige gesagt hat (FAZ vom 27.11.2009). Am Schluss unterbreitet Kurzke – nach einem Seitenhieb auf Klaus Harpprecht – schließlich doch noch ein verstecktes, für ein »wissenschaftliches« Nachwort überraschendes Deutungsangebot: Bei Thomas Mann könne der Leser lernen, wie peinlich der deutsche Zivilisationsliterat Günter Grass sei.
Gerechterweise muss man sagen, dass die Kraftanstrengung, mit der Kurzke und seine Mitarbeiter den Kommentarband erstellt haben, schlichtweg bewundernswürdig ist. Pedantisch haben sie entlegenste Quellen und subtilste Bezüge ausfindig gemacht, und nun weiß man, wie unbekümmert sich Thomas Mann bei vielen Zitaten aus zweiter Hand bediente. Dennoch, der Einwand bleibt: Auch wer bei den Betrachtungen jeden Erdhügel und jeden geistigen Unterstand mit einem flatternden Fähnchen absteckt, kann trotzdem den Überblick verlieren.
Was also sind die Betrachtungen, welche Passion, welche zivilisatorische Angst ist ihnen eingeschrieben? Und was macht die Schrift immer noch zu einem herausragenden Dokument für den Sonderweg des deutschen Bürgertums? Die Grundidee des Buches stammt von Nietzsche, sie hält sich in allen Windungen und Wendungen durch und sichert dem Buch die polemische Konsistenz. Diese Hauptidee lautet: Das achtzehnte Jahrhundert, also das Zeitalter der Französischen Revolution (»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit??), war ein Sündenfall, ein Angriff auf die »Elementar- und Grundmächte des Lebens«. Dieser Angriff, so Thomas Mann, droht über die alte Welt zu siegen. Der mythosvergessene Westen hat das Reich der Mitte eingekreist, jenes romantisch-unpolitische Deutschland, das in der Nacht der Moderne auf dem mythischen Olymp der Wahrheit einsam Wache hält. Deutsche Helden verteidigen kulturelle »Tiefe« und stehen in Treue fest zu den vorpolitischen »Elementar- und Grundkräften«. Die westlichen Händler hingegen, der gepuderte Franzmann und der verlogene Engländer, kennen nur das oberflächlich Politische – sie haben lediglich Zivilisation, »Demokratismus« und Menschenrechte.
An einem extremen Beispiel kann man sich klarmachen, wie schutzlos Thomas Mann mit diesen Gegensatzpaaren dem Antihumanismus ins Messer läuft. Denn selbstredend gehört für ihn auch der Krieg zu jenen ewigen »Lebensmächten«, auf die es der »internationalistisch-demokratische Pazifismus« abgesehen hat. Manns Lob des Krieges geht so: Mag auch das »Zerreißen der Menschenkörper« irrsinnig und grauenhaft sein – der »Tod wird nicht schrecklicher dadurch, daß er sich für unsere Augen verzehntausendfacht«. Wir sind alle »zum bitteren Tod verurteilt«, und »es gibt Bett-Tode, so grässlich, wie nur irgend ein Feldtod«. Verglichen mit dem normalen Sterben im bürgerlichen »Sicherheits- und Regenschirmstaat« ist Krieg »exzentrische Humanität«, ein »Rausch«, eine über alle Erfahrung des zivilisierten Daseins hinausgehende Steigerung des Lebensgefühls. Krieg vitalisiert die zivilisatorisch ermattete Gesellschaft; die »jahrelang-tägliche Nähe des Todes« bringt »seelisch-geistige, religiöse Erhöhung, Vertiefung, Veredelung« im Menschen hervor. »Jedermann fühlt und weiß, dass im Krieg ein mystisches Element enthalten ist: es ist dasselbe, das allen Grundmächten des Lebens, der Zeugung und dem Tode, der Religion und der Liebe eignet.«
Diese Sätze haben Thomas Mann später selbst einen leibhaftigen Schrecken eingejagt, aber man muss sie zitieren, weil sie schlagartig den Grundirrtum der Betrachtungen beleuchten, ihren politischen Existenzialismus. Für Thomas Mann war es selbstverständlich, dass die »Elementarmächte« des Lebens die Substanz und das Maß des Politischen bilden – und nicht die bleichen Formeln von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit. Das heißt: Politik ist dann »groß«, wenn sie den dichterisch erkannten »Elementarmächten« zu ihrem Recht verhilft und sich nicht, wie die antiheroische Politik der westlichen Kretins, kampflos ins Mittelmaß davon stiehlt, ins Lotterbett von »Demokratismus« und »Sekurität«.
Kultur gegen Zivilisation, Existenz gegen Demokratie – ganz ähnlich empfand damals auch die kompakte Majorität der deutschnationalen Intelligenz, die sich unterm Baldachin einer antikisierenden »Bildungsreligion« versammelt hatte. »Religion« allerdings war ein trügerisches Wort. Die deutsche Bildungsreligion hatte nichts mit der Bibel zu tun, sie meinte stets nur »Wahrheit und Größe« des antiken Mythos, gegen den sich der Verfassungsstaat westlicher Prägung ausnahm wie ein Monstrum der Dekadenz. Dieser mythogenen Geisteslage, dem Griechenfimmel der kulturellen Leistungsträger, war auch der Autor der Betrachtungen verfallen. Im geistesgeschichtlichen Dreieck zwischen griechischem Olymp, jüdischem Sinai und christlichem Golgatha entschied sich Thomas Mann für den Olymp – für das »Elementare« und »Ewige« gegen die »blutleere« Feigheit der diskutierenden Klasse.
Das sollte man wissen, um die intellektuelle Leistung zu ermessen, mit der Thomas Mann den deutschen Sonderweg – »Kultur gegen Zivilisation« – verlassen hat. In den Josephs-Romanen entdeckt er den biblischen Monotheismus und stellt ihn kritisch gegen die Mythologisierer, gegen die Heroen Goethe, Nietzsche, Wagner. Gleichwohl behalten das »Elementare« und das »Existenzielle, der »Tod« und das »Dionysische« ihr Recht. Sie werden allerdings narrativ eingesponnen und ästhetisch entrückt, damit sie nicht noch einmal Macht über die Politik gewinnen. Thomas Mann bekämpft also nicht mehr die niedere Demokratie im Namen des höheren Mythos; der Mythos ist vielmehr der Spiegel, in dem sich die demokratische Gesellschaft betrachtet und ihre Zerbrechlichkeit erkennt – die Grenzen ihrer praktischen Vernunft.
Und was soll der »liberale Diskurs«, wie Kurzke sagt, nun lernen? Vielleicht dies: Konservative wie Thomas Mann besitzen eine unverächtliche Sehnsucht nach der homogenen Welt, nach »Traum, Musik, Gehenlassen, ziehendem Posthornklang, Fernweh, Heimweh, törichter Seligkeit«. Diese Sehnsucht schärft ihren Blick auf die »seelenlose Moderne« und lässt sie Dinge erkennen, die der moralische Optimismus der Linken progressiv übersieht. Während Heinrich Mann noch den Liberalismus verteidigt, wittert Thomas Mann schon dessen Dialektik. Der Liberalismus, so fürchtet er, werde eine »rechenhafte« Gesellschaft durchsetzen, er sage Freiheit und meine doch nur Marktfreiheit. Darin steckt schon die Angst vor einem symbolischen Kapitalismus, einer Welt, die die geliebte Kunst als Dekor des »Merkantilismus« missbraucht und nach »offizieller, uniformierter und reglementierter Geistigkeit« strebt. Der liberale Kapitalismus legt der freien Kunst Fesseln an, er verheiratet sie mit den Lümmeln aus Wirtschaft und Politik. Wer hier nach schönen Stellen sucht, der wird sie in den Betrachtungen mannigfach finden.
- Datum 12.03.2010 - 10:23 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Von Thomas Assheuers niveauvollem Artikel gefällt mir der letzte Absatz am besten. Zu Recht lobt er an den "Betrachtungen", dass sie den Leser Dinge erkennen lassen, "die der moralische Optimismus der Linken progressiv übersieht". Ja, viele Linke haben so ein optimistisches Menschenbild wie der klassische Zivilisationsliterat und Gutmensch Settembrini im "Zauberberg". Aber nicht alle! Ich erinnere an Aldous Huxley und seinen Roman "Schöne neue Welt", wo einer oberflächlichen Spaß- und Konsumgesellschaft des Westens als Ideal die wüste, mittelalterliche, fanatische Welt Shakespeares gegenübergestellt wird - Kultur versus Zivilisation wie in den "Betrachtungen". Diese Abneigung gegen die westliche Konsumzivilisation, den american way of life, teilten auch unsere 68er, die aus Protest dagegen Kaufhäuser anzündeten - war das nun links oder rechts? Jedenfalls war es sehr deutsch!
Einerseits geht es um den moralischen Optimismus der Linken, der Wichtiges übersehe, anderseits um den liberalen Kapitalismus, welcher der Kunst Fesseln anlege - ja was denn nun? Wortklauberei, um den faulen Kern nich wahrnehmen zu müssen, und der lautet allemal "abendländischer Kulturbegriff"?
Denn was ist von einer "Kultur" zu halten, die
"in anderthalb Jahren, ... 235 Bände mit Kriegslyrik, anderthalb Millionen Kriegsgedichte, 800 Bände Kriegsliteratur und tausend veröffentlichte Kirchenpredigten" hervorbringt, von der Nazibarbarbei mit Hölderlin im Tornister und Mozart im Ohr ganz zu schweigen?
Der französische Molekurbiologe Matthieu Ricard schreibt, seine Eltern hätten sich in einem großen Kreis von Intellektuellen bewegt, es
"herrschte an faszinierenden Begegnungen kein Mangel. Meine Mutter ... war mit großen Persönlichkeiten des Surrealismus und der zeitgenössischen Kunst befreundet ... Mein Vater, der unter seinem Schriftstellerpseudonym Jean-Francois Revel zu einer der Säulen des intellektuellen Lebens in Frankreich wurde, organisierte unvergessliche Abendessen mit den großen Denkern und kreativen Köpfen seiner Zeit ... Trotz ihrer künstlerischen, wissenschaftlichen und intellektuellen Fähigkeiten waren sie, was Selbstlosigkeit, Weltoffenheit, Entschlossenheit und Lebensfreude anbelangt, keinen Deut besser oder schlechter als jeder von uns. (M. Ricard: Glück. München 2007 S.14 ff.)
Wäre es nicht Zeit, ernsthafter über "Kultur" nachzudenken?
Einerseits geht es um den moralischen Optimismus der Linken, der Wichtiges übersehe, anderseits um den liberalen Kapitalismus, welcher der Kunst Fesseln anlege - ja was denn nun? Wortklauberei, um den faulen Kern nich wahrnehmen zu müssen, und der lautet allemal "abendländischer Kulturbegriff"?
Denn was ist von einer "Kultur" zu halten, die
"in anderthalb Jahren, ... 235 Bände mit Kriegslyrik, anderthalb Millionen Kriegsgedichte, 800 Bände Kriegsliteratur und tausend veröffentlichte Kirchenpredigten" hervorbringt, von der Nazibarbarbei mit Hölderlin im Tornister und Mozart im Ohr ganz zu schweigen?
Der französische Molekurbiologe Matthieu Ricard schreibt, seine Eltern hätten sich in einem großen Kreis von Intellektuellen bewegt, es
"herrschte an faszinierenden Begegnungen kein Mangel. Meine Mutter ... war mit großen Persönlichkeiten des Surrealismus und der zeitgenössischen Kunst befreundet ... Mein Vater, der unter seinem Schriftstellerpseudonym Jean-Francois Revel zu einer der Säulen des intellektuellen Lebens in Frankreich wurde, organisierte unvergessliche Abendessen mit den großen Denkern und kreativen Köpfen seiner Zeit ... Trotz ihrer künstlerischen, wissenschaftlichen und intellektuellen Fähigkeiten waren sie, was Selbstlosigkeit, Weltoffenheit, Entschlossenheit und Lebensfreude anbelangt, keinen Deut besser oder schlechter als jeder von uns. (M. Ricard: Glück. München 2007 S.14 ff.)
Wäre es nicht Zeit, ernsthafter über "Kultur" nachzudenken?
Gerade die Kernaussage: »seelisch-geistige, religiöse Erhöhung, Vertiefung, Veredelung« bringt es auf den Punkt.
Diese Aussage ist zutiefst wahr, wenn man die Nachkriegszeit und den Aufbau und die politische Neuordnung betrachtet. Ebenso die vielen heroischen Taten gegen existentielles Unrecht im Krieg. Nur haben diese Erkenntnisse und Reifungen einen enorm hohen Preis auf der anderen Seite der Moral.
Krieg ist immer auch ein Instrument gegen Verlogenheit, Anmassung und Unrecht. Im ersten Weltkrieg lagen diese Eigenschaften noch auf alle Nationen verteilt, im Zweiten Weltkrieg sahen sich die Nazis legitimiert, wegen dieser Verlogenheit und Unmoralität sich auf die selbe Stufe stellen und hemmungslos dem nachzugehen, Sie hatten den Glauben an das Positive verloren.
Diese Verteilung allerdings ist immer nur in einer ex post Betrachtung möglich, den die Zeitgenossen sehen sich durchaus anders.
Das was Thomas Mann bekämpfte war der Ungeist, den auch später die Faschisten repräsentierten und heute auch vielen selbsternannten Demokraten zu eigen ist. Vor dem ersten Weltkrieg sah er Ihn einseitig in den Schlammschlachten der westlichen Demokraten, verkennend, dass in Deutschland dieselben Kräfte am Werke waren, nur nicht so offen wie in einer Demokratie, die diesbezüglich nur mehr Transparenz schafft.
H.
Sie hatten sich für zu gut und gerecht gehalten, die guten Deutschen der wilhelminische Ära.Zu einem gewissen Teil mögen sie dafür auch Gründe gehabt haben, sonst wäre ein Geist von der Größe Thomas Manns nicht darauf hereingefallen. So hat er zwar den Dorn im Auge der "wölfisch-merkantilen Bourgeoisie-Republiken" erkannt, doch nicht den Pfahl im Auge des deutschen Militarismus. Es ist eine Entweder-Oder-Entscheidung gewesen, wie wohl - am jenseitigen Pol - bei Heinrich Mann auch.
Mal ist man geneigt, einem, dann wieder dem anderen der beiden Mann-en größere politische Weitsicht zu beglaubigen.
Fakt ist, dass die Welt sich irgendwie zyklisch ändert und dass wahrscheinlich heute Thomas Mann erneut gegen die "wölfisch-merkantilen Bourgeoisie-Republiken" gewettert hätte, zu denen aber jetzt auch die Bundesrepublik zählt.
Für Thomas Mann bleibt der Weltkrieg ein »Entscheidungskampf« zwischen der metaphysischen deutschen Nation und dem ihr wesensfremden Westen. »Fort also mit dem landfremden und abstoßenden Schlagwort ›demokratisch‹! Nie wird der mechanisch-demokratische Staat des Westens Heimatrecht bei uns erlangen.«
Recht hat er, auch heute. Die Deutschen glauben immer noch, sie hätten "Demokratie und Menschenrechte" erfunden und quasi gepachtet. Alles das, was nach 1968 bis heute in diesem Lande abgelaufen ist, entspricht nicht deutschem Wesen und ist nur als Reaktion auf Auschwitz erklärbar.
Wir sind nicht Frankreich, nicht England, nicht die USA. Dieser Menschenrechts- und Demokratiefetischismus plus naivem Pazifismus widert mich an.
Die Eliten versuchen mit allen Mitteln, uns zu pazifistischen Idioten und Gutmenschen zu erziehen. Allein, es wird ihnen nicht gelingen. Deutschland wird sich erheben und nicht länger Depp und Zahlmeister aller "befreundeten" Nationen sein.
was einen anwidert, ist viel eher diese mischung aus inferioritätsängstlichem deutschnationalismus, kryptonazistischem schollen-pathos und kleinkariertem steuerzahler-patriotismus.
ja, mann hatte recht - mit dem eingeständnis des fatalen irrtums, dem er in seinen 'betrachtungen' erlegen war.
Ich war immer der Meinung, Auschwitz hinge irgendwie mit der postulierten Überlegenheit des "deutschen Wesens" zusammen...Kann jemand diesen Begriff erläutern, ohne negativste Assoziationen extremster Art hervorzurufen?
Möge sich Deutschland nie wieder "erheben" über die anderen Nationen !
was einen anwidert, ist viel eher diese mischung aus inferioritätsängstlichem deutschnationalismus, kryptonazistischem schollen-pathos und kleinkariertem steuerzahler-patriotismus.
ja, mann hatte recht - mit dem eingeständnis des fatalen irrtums, dem er in seinen 'betrachtungen' erlegen war.
Ich war immer der Meinung, Auschwitz hinge irgendwie mit der postulierten Überlegenheit des "deutschen Wesens" zusammen...Kann jemand diesen Begriff erläutern, ohne negativste Assoziationen extremster Art hervorzurufen?
Möge sich Deutschland nie wieder "erheben" über die anderen Nationen !
was einen anwidert, ist viel eher diese mischung aus inferioritätsängstlichem deutschnationalismus, kryptonazistischem schollen-pathos und kleinkariertem steuerzahler-patriotismus.
ja, mann hatte recht - mit dem eingeständnis des fatalen irrtums, dem er in seinen 'betrachtungen' erlegen war.
Ich war immer der Meinung, Auschwitz hinge irgendwie mit der postulierten Überlegenheit des "deutschen Wesens" zusammen...Kann jemand diesen Begriff erläutern, ohne negativste Assoziationen extremster Art hervorzurufen?
Möge sich Deutschland nie wieder "erheben" über die anderen Nationen !
... und dazu ein nachdenklich stimmender Beitrag von Ihnen - danke.
Wieso kommt Th. Mann "auf keinen grünen Zweig" ? Wieso ist bei ihm "keine Sexualität und wird auch keine" ? Hatte er "Angst" vor der Masse und wo ist der Zusammenhang zu "Angst vor der Sexualität"? Ist es nicht äußerst vermessen , anderen Menschen Asexualität zu unterstellen ?
Mich überzeugt Ihre Argumentation leider gar nicht.
der Userin nachgiebig, sie gehört zu den letzten verirrten Seelen auf diesem Globus, die die Freudsche Psychologie noch immer zu wörtlich nehmen und seine Schriften noch pedantischer lesen, als es sonst nur Fundamentalisten mit ihren Glaubenszeugnissen zu tun imstande sind. Im übrigen hat das Verb: psychologisieren nicht umsonst einen immer etwas pejorativen Beigeschmack.... aber für manche Zeitgenossen ist diese Art der Argumentation sicherlich eine gute Denkschablone, um ihre wenig gehaltvollen geistigen Ergüsse in den medialen Orkus des Internets zu ergießen...
Wer sich für den Widerstreit zwischen vermeintlich deutscher Kultur und westlicher Zivilisation interessieren sollte, dem kann ich nur das Werk von dem Deutsch-Amerikaner Georg Iggers: Deutsche Geschichtswissenschaft ans Herz legen; hier wird aufgezeigt, welche inhaltlichen Prädispositionen dem deutschen Sonderweg in der Philosophie des Deutschen Idealismus und im Historismus zugrunde liegen...
der Userin nachgiebig, sie gehört zu den letzten verirrten Seelen auf diesem Globus, die die Freudsche Psychologie noch immer zu wörtlich nehmen und seine Schriften noch pedantischer lesen, als es sonst nur Fundamentalisten mit ihren Glaubenszeugnissen zu tun imstande sind. Im übrigen hat das Verb: psychologisieren nicht umsonst einen immer etwas pejorativen Beigeschmack.... aber für manche Zeitgenossen ist diese Art der Argumentation sicherlich eine gute Denkschablone, um ihre wenig gehaltvollen geistigen Ergüsse in den medialen Orkus des Internets zu ergießen...
Wer sich für den Widerstreit zwischen vermeintlich deutscher Kultur und westlicher Zivilisation interessieren sollte, dem kann ich nur das Werk von dem Deutsch-Amerikaner Georg Iggers: Deutsche Geschichtswissenschaft ans Herz legen; hier wird aufgezeigt, welche inhaltlichen Prädispositionen dem deutschen Sonderweg in der Philosophie des Deutschen Idealismus und im Historismus zugrunde liegen...
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