Philip Roth wird am 19. März 77 Jahre alt © AFP

»Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug«, sagt Arthur Schnitzler, aber stimmt das denn? Simon Axler, in dem neuen grandiosen Roman Die Demütigung von Philip Roth, weiß, dass er nur spielt, und gerade das bringt ihn um. Der berühmte amerikanische Schauspieler, 65 Jahre alt, ein Hüne von Gestalt, war in allen großen Rollen zu sehen, aber eines Tages passiert es: »Er hatte seinen Zauber verloren. Er konnte nicht mehr spielen. Auf die Bühne zu treten wurde zur Qual. An die Stelle der Gewissheit, dass er wunderbar sein würde, trat das Wissen, dass er versagen würde.«

Mit diesen Sätzen beginnt die Geschichte, und es folgt das beklemmende Protokoll eines Niedergangs: »Jedes Wort, das er sagte, erschien ihm nicht gesprochen, sondern gespielt.« Er scheitert fürchterlich, wird ausgebuht und bricht zusammen. »Das Schlimmste war, dass er seinen Zusammenbruch ebenso durchschaute wie sein Spiel. Er konnte sich ebenso wenig davon überzeugen, verrückt zu sein, wie er sich selbst oder irgend jemanden sonst davon überzeugen konnte, Prospero oder Macbeth zu sein. Auch als Verrückter war er künstlich. Die einzige Rolle, die er spielen konnte, war die eines Mannes, der eine Rolle spielte.« Axler findet aus dem tödlichen Zirkel nicht heraus. Seine Frau verlässt ihn, er geht auf den Speicher seines Landhauses und schiebt sich den Lauf des Gewehrs in den Mund. Auch jetzt weicht der Fluch der Selbstbeobachtung nicht von ihm. Er sieht, dass er den Selbstmörder nur spielt, und zwar schlecht.

In der psychiatrischen Klinik, wo er sich behandeln lässt, begegnet er einer jungen Frau, die ihm ihre Geschichte erzählt. Axler war immer ein guter Zuhörer. Im Grunde, so glaubt er, war das Zuhörenkönnen der Ursprung seiner Schauspielkunst. Und jetzt, da er von einem anderen, eigentlich schlimmeren Schicksal erfährt, erwacht in ihm die Fähigkeit zur Empathie. Im Erzählen und Zuhören gewinnen beide einen Augenblick des Trostes. Als Freunde scheiden sie voneinander, und Axler verlässt die Klinik. Der Besuch seines Agenten, der ihn zu einer neuen Rolle überreden will, ändert an seinem Entschluss nichts: »Es war eine Laune des Schicksals, dass mir ein Talent gegeben wurde, und ebenso ist es eine Laune des Schicksals, dass es mir wieder genommen wurde.« Der Agent fährt in die Stadt, Axler bleibt allein zurück und schleppt sich durch Tage, die nicht enden wollen.

So weit der erste Teil, der Philip Roth auf der Höhe seiner Kunst zeigt. Er wird ja in gewisser Hinsicht immer besser, er besitzt nun einen Altersstil (Roth wird in Kürze 77), der kein Ausschmücken, kein Verweilen mehr kennt, sondern mit umstandsloser Härte auf das Erzählziel zusteuert. Immer mehr, wie zuletzt in seiner Elegie Exit Ghost (2008) und in dem bitteren Requiem Empörung (2009), beschäftigt ihn jener permanente Abschied, der mit dem Altern auf ebenso triviale wie unbegreifliche Weise zusammenhängt.

Das andere große Thema aber, das Roth in all seinen beglückenden und bedrückenden Variationen darzustellen niemals müde wird, ist die Sexualität, und hier gibt sie der Geschichte eine bizarre und völlig unerwartete Wendung. Eines Tages nämlich taucht die vierzigjährige Pegeen auf. Axler hat sie schwach als das kleine Mädchen eines befreundeten Paares in Erinnerung. Man verlor sich aus den Augen. Er weiß von ihr nur, dass sie in einer lesbischen Beziehung lebt. Jetzt steht sie vor ihm, und rasch wird klar, was sie will: mal das Heterosexuelle ausprobieren.

Auf diesen rüden Kern läuft es am Ende hinaus, aber Axler ist viel zu überrascht, erfährt die Begegnung mit dieser vitalen Person viel zu sehr als glückliche Wiedergeburt, um das wirklich zu begreifen. Zur Täuschung trägt die schrankenlose Hingabe Pegeens bei, vor allem die Begeisterung, mit der sie ihre neue Rolle spielt. Aus der burschikosen Lesbierin mit kurzem Haar wird rasch ein bezaubernd feminines Wesen, das der vermögende Axler bei endlosen Einkäufen aufs Kostbarste ausstaffiert, mit Kleidern, Dessous und Schmuck. Beide werden nicht müde aneinander, es scheint sich wahrhaft um Liebe zu handeln.

Der erste Frost, der diese Maienblüte bedroht, naht in Gestalt der verlassenen Freundin. Sie rast und setzt alles in Bewegung, um Pegeen wiederzugewinnen. Sie erzählt deren Vater und Mutter, dass sich die Tochter in den Klauen eines arbeitslosen alten Schauspielers befinde, der längere Zeit in der Psychiatrie verbracht habe. Die besorgten Eltern bestürmen Pegeen, die Affäre aufzugeben, und Axler wundert sich immer mehr darüber, wie kindlich abhängig die längst Erwachsene immer noch ist. Einmal erhält er einen Anruf von der Sitzengelassenen: »Seien Sie gewarnt, Mr. Famous: Sie ist begehrenswert, sie ist wagemutig, und sie ist absolut rücksichtslos, selbstsüchtig und amoralisch.« Axler ahnt: Das stimmt. Aber er will es nicht wahrhaben.