"Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug", sagt Arthur Schnitzler, aber stimmt das denn? Simon Axler, in dem neuen grandiosen Roman Die Demütigung von Philip Roth, weiß, dass er nur spielt, und gerade das bringt ihn um. Der berühmte amerikanische Schauspieler, 65 Jahre alt, ein Hüne von Gestalt, war in allen großen Rollen zu sehen, aber eines Tages passiert es: "Er hatte seinen Zauber verloren. Er konnte nicht mehr spielen. Auf die Bühne zu treten wurde zur Qual. An die Stelle der Gewissheit, dass er wunderbar sein würde, trat das Wissen, dass er versagen würde."

Mit diesen Sätzen beginnt die Geschichte, und es folgt das beklemmende Protokoll eines Niedergangs: "Jedes Wort, das er sagte, erschien ihm nicht gesprochen, sondern gespielt." Er scheitert fürchterlich, wird ausgebuht und bricht zusammen. "Das Schlimmste war, dass er seinen Zusammenbruch ebenso durchschaute wie sein Spiel. Er konnte sich ebenso wenig davon überzeugen, verrückt zu sein, wie er sich selbst oder irgend jemanden sonst davon überzeugen konnte, Prospero oder Macbeth zu sein. Auch als Verrückter war er künstlich. Die einzige Rolle, die er spielen konnte, war die eines Mannes, der eine Rolle spielte." Axler findet aus dem tödlichen Zirkel nicht heraus. Seine Frau verlässt ihn, er geht auf den Speicher seines Landhauses und schiebt sich den Lauf des Gewehrs in den Mund. Auch jetzt weicht der Fluch der Selbstbeobachtung nicht von ihm. Er sieht, dass er den Selbstmörder nur spielt, und zwar schlecht.

In der psychiatrischen Klinik, wo er sich behandeln lässt, begegnet er einer jungen Frau, die ihm ihre Geschichte erzählt. Axler war immer ein guter Zuhörer. Im Grunde, so glaubt er, war das Zuhörenkönnen der Ursprung seiner Schauspielkunst. Und jetzt, da er von einem anderen, eigentlich schlimmeren Schicksal erfährt, erwacht in ihm die Fähigkeit zur Empathie. Im Erzählen und Zuhören gewinnen beide einen Augenblick des Trostes. Als Freunde scheiden sie voneinander, und Axler verlässt die Klinik. Der Besuch seines Agenten, der ihn zu einer neuen Rolle überreden will, ändert an seinem Entschluss nichts: "Es war eine Laune des Schicksals, dass mir ein Talent gegeben wurde, und ebenso ist es eine Laune des Schicksals, dass es mir wieder genommen wurde." Der Agent fährt in die Stadt, Axler bleibt allein zurück und schleppt sich durch Tage, die nicht enden wollen.

So weit der erste Teil, der Philip Roth auf der Höhe seiner Kunst zeigt. Er wird ja in gewisser Hinsicht immer besser, er besitzt nun einen Altersstil (Roth wird in Kürze 77), der kein Ausschmücken, kein Verweilen mehr kennt, sondern mit umstandsloser Härte auf das Erzählziel zusteuert. Immer mehr, wie zuletzt in seiner Elegie Exit Ghost (2008) und in dem bitteren Requiem Empörung (2009), beschäftigt ihn jener permanente Abschied, der mit dem Altern auf ebenso triviale wie unbegreifliche Weise zusammenhängt.

Das andere große Thema aber, das Roth in all seinen beglückenden und bedrückenden Variationen darzustellen niemals müde wird, ist die Sexualität, und hier gibt sie der Geschichte eine bizarre und völlig unerwartete Wendung. Eines Tages nämlich taucht die vierzigjährige Pegeen auf. Axler hat sie schwach als das kleine Mädchen eines befreundeten Paares in Erinnerung. Man verlor sich aus den Augen. Er weiß von ihr nur, dass sie in einer lesbischen Beziehung lebt. Jetzt steht sie vor ihm, und rasch wird klar, was sie will: mal das Heterosexuelle ausprobieren.

Auf diesen rüden Kern läuft es am Ende hinaus, aber Axler ist viel zu überrascht, erfährt die Begegnung mit dieser vitalen Person viel zu sehr als glückliche Wiedergeburt, um das wirklich zu begreifen. Zur Täuschung trägt die schrankenlose Hingabe Pegeens bei, vor allem die Begeisterung, mit der sie ihre neue Rolle spielt. Aus der burschikosen Lesbierin mit kurzem Haar wird rasch ein bezaubernd feminines Wesen, das der vermögende Axler bei endlosen Einkäufen aufs Kostbarste ausstaffiert, mit Kleidern, Dessous und Schmuck. Beide werden nicht müde aneinander, es scheint sich wahrhaft um Liebe zu handeln.

Der erste Frost, der diese Maienblüte bedroht, naht in Gestalt der verlassenen Freundin. Sie rast und setzt alles in Bewegung, um Pegeen wiederzugewinnen. Sie erzählt deren Vater und Mutter, dass sich die Tochter in den Klauen eines arbeitslosen alten Schauspielers befinde, der längere Zeit in der Psychiatrie verbracht habe. Die besorgten Eltern bestürmen Pegeen, die Affäre aufzugeben, und Axler wundert sich immer mehr darüber, wie kindlich abhängig die längst Erwachsene immer noch ist. Einmal erhält er einen Anruf von der Sitzengelassenen: "Seien Sie gewarnt, Mr. Famous: Sie ist begehrenswert, sie ist wagemutig, und sie ist absolut rücksichtslos, selbstsüchtig und amoralisch." Axler ahnt: Das stimmt. Aber er will es nicht wahrhaben.

 

Der zweite Frost tritt ein, als Pegeen ihm gesteht, dass sie nebenbei kleine Affären mit Frauen habe. Axler ist darüber so beunruhigt, dass er eines alkoholseligen Abends eine attraktive Blonde an der Bar eines Restaurants anspricht. Sie lässt sich von den beiden abschleppen, und zu Hause ereignet sich eine Orgie zu dritt, bei der Axler, ebenso fasziniert wie befremdet, sich vorkommt wie in einem Pornofilm. Und Philip Roth beschreibt das mit einer Sachlichkeit und Kälte, als wäre es nur ein Porno. Das Problem ist: Axler, dessen Lebensbahn sich neigt, ist viel zu empfindsam und reflektiert, um derlei an sich abperlen zu lassen. Er kann Sexualität und Liebe nicht völlig voneinander trennen. Das macht ihn tödlich verwundbar.

Nach Axlers Heimkehr aus der Klinik hatte es geheißen: "Was ihn jedoch weiterhin beängstigte, war die Tatsache, dass nichts, was mit ihm geschah, mit irgend etwas anderem zu tun haben schien." Das Herausfallen aus jeglichem Zusammenhang, das den alternden Mann ereilt, ist eine Gefahr, die kaum jemandem fremd sein dürfte. Für den Gläubigen mag die Religion Sinn und Zusammenhang stiften. Für Axler (und vermutlich auch für Roth) gibt es diesen Sinn nicht, denn "nichts geschieht aus einem besonderen Grund", wie er einmal sagt. Was bliebe dann? Die Nähe zu einem Menschen, bei der man den anderen spürt und damit sich selber. Deren innigste Form ist der sexuelle Akt, und vielleicht deshalb spielt er im Werk von Philip Roth eine so bedeutende Rolle. Im selben Maß aber, in dem die Sexualität Sinn stiften soll, gewinnt jene Abhängigkeit an Gewicht, die mit dem Abstand wächst: mit dem Abstand des Alters und dem des Begehrens.

Das wahrhaft Gespenstische an dieser Frau, die uns Philip Roth mit geradezu mitleidloser Emphase vorführt, besteht darin, dass sie eine räumliche Vorstellungskraft, mit der dieser Abstand empfunden werden könnte, überhaupt nicht besitzt. Ihr eignet die Grausamkeit eines Kindes, und man wird nicht abstreiten können, dass es solche Menschen leider gibt. Im Widerspruch zu Schnitzlers Sentenz rührt Pegeens Stärke eben aus ihrem Mangel an Reflexivität. Sie spielt nur, sie spielt die Rolle der Domina ebenso wie die des süßen Mädchens, aber sie weiß nicht, dass sie spielt. Sie ist zwar nicht klug, aber vital.

Axler ist klug. Es kostet ihn das Leben. Als sie ihn ohne Vorwarnung verlässt, ruft er (sinnloserweise, wie er weiß) Pegeens Eltern an und tobt sich aus. Dann wird er ruhig und sagt sich: "Selbstmord ist eine Rolle, die man für sich selbst schreibt. Man füllt sie aus und setzt sie um. Alles ist sorgfältig inszeniert. Aber es gibt nur eine einzige Vorstellung." Und diese Vorstellung endlich, nachdem er in allen anderen Rollen gescheitert ist, gelingt. Ihm hilft der Gedanke, "er könne doch so tun, als begehe er Selbstmord auf der Bühne, in einem Stück von Tschechow. Um ein letztes Mal das Vorgestellte Wirklichkeit werden zu lassen, würde er so tun müssen, als wäre der Speicher eine Bühne und er selbst Konstantin Gawrilowitsch Trepljow in der letzten Szene der Möwe . Mit Mitte zwanzig, als er die Theaterwelt das Staunen gelehrt hatte, als ihm alles gelungen war, hatte er die Rolle des ehrgeizigen jungen Schriftstellers gespielt, der das Gefühl hat, in allem zu versagen." Diese Rolle spielt er nun zum letzten Mal. Er erschießt sich.

Bleibt zu sagen, dass das Ende dieser Geschichte vom ersten Satz an feststeht und dass man sie gleichwohl atemlos liest – und ehrfürchtig staunt über das Können dieses wahrhaft großen Schriftstellers. Und man fragt sich, weshalb die Schwedische Akademie seit Jahren sich weigert, ihm endlich den Nobelpreis zuzuerkennen, und findet eine mögliche Antwort auch in diesem Buch. Es wendet nämlich (wie alle Bücher von Roth) den Blick nicht ab von der animalischen, von der verderblichen und verdorbenen Seite des Menschen. Es mangelt auch diesem Buch jeglicher Erbaulichkeit oder moralischen Nützlichkeit. Der Erzähler hat den Präzisionsblick eines Unfallchirurgen, der das Erschrecken schon lange verlernt hat. Die Schweden jedoch lieben Autoren, die etwas zur Verbesserung der Welt beitragen. Philip Roth trägt nur etwas zu ihrer Erkenntnis bei.