Luchs Nr. 278 Lust-Bau, Bau-Lust

Da wollen wir wohnen: Die 35 verrücktesten Häuser der Welt

Du nimmst den Stift und setzt nicht ab, acht Striche hintereinander. Dazu der Spruch, der Rhythmus gibt: »Das – ist – das – Haus – vom – Ni – ko – laus!« Rechteck, Dreieck, Kreuz hinein – fertig. Bauen kann so einfach sein. Ein Urbedürfnis, beinahe so wie Atmen. Babys beginnen damit, sobald sie, auf dem Bauch liegend, einen Arm frei bewegen können: zwei Klötze aufeinandersetzen, eins plus eins gleich Kubus. Und warum Häuser? Damit man ein Zuhause hat, zum Spielen, Schlafen, Essen, Kuscheln, Geschwisterärgern oder Toben. Genau an dieser Stelle knüpft das originelle Baubilderbuch Treppe Fenster Klo an, ziemlich bunt, völlig schräg und sehr kosmopolit. Viel erklären müssen die Autoren Aleksandra Machowiak und Daniel Mizieliński gar nicht. Ihre Findefreude breiten sie, hinreißend illustriert, auf 156 Seiten aus. Auf vier Kontinenten haben sie Architekten aufgespürt, die mit »zwei bis vier Haufen Geld« 35 ungewöhnliche Häuser gebaut haben: solche mit Stacheln, aus Rohren, bucklig wie eine Schildkröte oder rund wie ein Ei. Im »Kofferhaus« verstecken sich unter dem Fußboden zusätzliche Zimmer. Das »durchsichtige Haus« hat nicht einmal feste Wände – wer will, kann zugucken, wie der Hausbesitzer Herr Sobek badet. Und das »Anhänghaus« ist superpraktisch – wenn irgendwo ein Zimmer fehlt, wird es mit Stahlseilen und Bolzen an ein anderes Haus drangehängt. So etwas kommt dabei heraus, wenn das Fundament auf tollkühnen Ideen aufbaut. Vor allem, wenn Architekten endlich mal erlaubt wird, Bauvorschriften, DIN-Normen und TÜV-Regeln links liegen zu lassen. Ob Erwachsene solch eine experimentelle Architektur auch so beglückt zur Kenntnis nehmen?

Luchs Nr. 278

wurde ausgewählt von Julia Franck, Marion Gerhard, Franz Lettner, Hilde Elisabeth Menzel und  Susanne Mayer. Am 4. März, 16.40 Uhr, stellt Radio  Bremen-Funkhaus Europa das Buch vor (Redaktion:  Libuse Cerna). Das Gespräch zum Buch ist abrufbar im Internet unter  www.radiobremen.de oder  /podcast/luchs

Manche Beispiele sind einfach nur praktisch, andere ein Beweis für intelligente Technik. Wie viel Spaß Idee und Realisierung des Buchs den beiden 1982 geborenen polnischen Grafikern gemacht hat, springt aus jeder Seite. Wetten, dass sie keine Minute daran verschwendet haben, ob ihre Zeichnungen auch kindgerecht seien? Sie sind es, absichts- und mühelos. Infowürfel, Strichzeichnungen, karikaturenhafte Überspitzung und Spaß am frechen Detail wetteifern miteinander. Jedem Haus ist eine Symbolleiste zur Seite gestellt, die Details verrät: Ist es aus Holz, aus Beton oder Glas oder gar – gibt’s das – aus Gewebe? Besteht es aus erneuerbarem Baumaterial (was das bedeutet, wird erläutert)? Hat es ein Bad, eine Küche? Und fast das Wichtigste: In welchem Land steht es, in den Bergen oder am Meer?

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Eines steht in Frankreich, an der Côte d’Azur. Sein Schöpfer Antti Lovag hat offenbar nur mit einem Strohhalm Riesenblasen geblubbert und diese Blasen dann irgendwie in Beton gegossen und knallrot angemalt – fertig ist das Seifenblasenhaus. Darin kann alles nur rund sein: Fenster, Zimmer, Sofa. Das Einzige, was sich dem Rund verweigert, sind Palmen, die drinnen wachsen. 

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Palmen gibt es in den Niederlanden selten. Da stehen andere Bäume, gegen deren Abholzung die Baumhocker protestieren. Damit sie es bequemer haben, hat sich Dré Wapenaar das Birnenhaus erdacht. (Er musste nicht lange nachdenken, wer ihn anschaut, sieht: Als Vorbild diente ihm die eigene Kopfform.) Das Baumhocker-Schutz- und -Schlafhaus besteht aus Metall und Gewebe, wird, zack – an den Stamm geflanscht, hinein führt eine Treppe.

Dass man den Menschen mit einer Wohnung erschlagen kann wie mit einer Axt, wissen wir schon länger. Dass man ihn auch glücklich machen kann mit fröhlichen Häusern, das haben Machowiak und Mizieliński gerade eben erst gezeigt.

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