Martenstein
Hegemann und Airen im Textvergleich
Harald Martenstein wundert sich über den Literaturskandal um Helene Hegemann. Er findet, sie hat den Text des Bloggers Airen verbessert.

Ich habe mir die Textlandschaften von Helene Hegemann angeschaut. Ich habe sie mit den Textlandschaften von Blogger Airen verglichen.
Falls jemand in den letzten Monaten im Ausland war: Helene Hegemann ist achtzehn. Davor war sie siebzehn. Sie hat den Roman Axolotl Roadkill geschrieben. Dann kam heraus, dass sie Teile des Romans aus anderen Büchern und dem Internet abgeschrieben hat, vor allem bei Blogger Airen. Wie ich beweisen werde, ist dies aber überhaupt nicht der Fall.
Ausgelöst wurde die Affäre durch das Wort "Vaselintitten". Jemandem ist bei der Lektüre des Romans dieses Wort aufgefallen. Dann hat dieser Jemand "Vaselintitten" gegoogelt und ist bei Blogger Airen gelandet. Jetzt ist das Wort in der deutschen Sprache allgegenwärtig und voll dudentauglich. Sogar in der FAZ standen Sätze wie: "Es geht nicht nur um die Vaselintitten", oder: "Wem gehören die Vaselintitten?" Ich selbst schreibe Sätze wie: "Ohne Vaselintitten wäre die neuere deutsche Kulturgeschichte anders verlaufen."
Jetzt der Textvergleich. Blogger Airen: "Der Nette Fucker steht nackt in der Tür und wispert: Hey Airen! Bleib ruhig liegen! Alles ok!"
Bei Hegemann wird daraus Folgendes: "Im Türrahmen steht der ausschließlich in Boxershorts steckende Mottosweatshirttyp und sagt: Bleib ruhig liegen, es ist alles in Ordnung."
Meiner Ansicht nach stellt der Hegemanntext eine deutliche Verbesserung des Airentextes dar. "Mottosweatshirttyp" kennzeichnet eine Figur zweifellos genauer als "Netter Fucker". Denn sowohl Nettigkeit als auch Geschlechtsverkehr sind, was ich für positiv halte, deutlich weiter verbreitet als Sweatshirts mit Motto. Auch will das Verb "wispern" nicht recht zu einem "Netten Fucker" passen, offenbar ein Eigenname, deshalb das große N. Es gibt den Film Das Wispern im Berg der Dinge, es gibt das Wispertal bei Wiesbaden. Tannen können wispern, Zwerge, Bäche, zur Not wohl auch das Innere eines Berges – aber Fucker?
Nun eine andere Stelle. Das Verhältnis zwischen dem Erzähler und dem Netten Fucker hat sich, wie man sehen wird, zugespitzt.
Hegemann: "Man hätte dir echt die Gedärme aus dem Körper schneiden können, und irgendwann wärst du dann aufgewacht ohne Tasche und mit ’nem 2 x 2 Quadratmeter [sic!] großen Arschloch."
- Datum 2.3.2010 - 12:11 Uhr
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- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 04.03.2010 Nr. 10
- Kommentare 36
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"Dann kam heraus, dass sie Teile des Romans aus anderen Büchern und dem Internet abgeschrieben hat, vor allem bei Blogger Airen. Wie ich beweisen werde, ist dies aber überhaupt nicht der Fall." - es ist Ihnen, Herr Martenstein, eben nicht gelungen, dies nachzuweisen. Sie zeigen lediglich, inwiefern es Hegemann geschafft hat, Wortgruppen/Szenen und Ideen anderer in eine bessere "Textlandschaft" einzubinden. Ist das eine große Leistung und macht das den Raub geistigen Eigentums legal?
Ihrer These steht inzwischen Reaktion des Verlages selbst im Weg, mit anderen Worten, schlicht die Realität - denn das "Vergehen" wurde längst gestanden und eine satte Quellenangabe dem Buch angehangen.
Ich nehme es hin, wenn ich in Heftchen wie der BZ solche überflüssigen Kommentare lese - nicht aber in bzw. auf der Online-Präsenz von der ZEIT. Viele Kritiker mischen sich hier in eine Debatte ein, die offenbar nur noch ausgenutzt wird, um die Sensation der Thematik zum Vorteil der pers. Bekanntheit auszunutzen. Nun gehört meiner Ansicht nach erstmals auch ein Beitrag in einem Blatt dazu, von dem ich mehr erwartet hätte.
Viele Meinungen in den Feuilletons hätten bei mir eine Abokündigung zur Folge gehabt - die Kritiker diskutieren inzwischen auf Meta-ebenen, mal über dies, mal über das, jedoch von der Debatte zu AXOLOTL veranlasst. Und obwohl, die Autorin keine Sympathiepunkte mehr bei mir hat, muss ich sagen, dass viele Empörungen nicht Hegemann sondern Standpunkte der Kritiker verursacht haben.
Gut, dass wir immer noch Feuilletonisten haben wie Herrn Martenstein, die uns den kleinen Unterschied und seine großen Folgen auf literarischem Feld erklären:
Hier spricht Airen: "Lass uns ficken!" – "Nein." – "Wieso nicht?" – "Ich ficke nicht." – "Mann, Alter, ich bin übelst geil."
Kommentar M.: Drastisch, ohne Tiefe
Hier Hegemann: "Ich ficke nicht mehr." – "Mann, Alter, ich bin übelst geil!" – "Ich ficke jetzt nicht mehr mit dir." – "Aber warum denn nicht?" – "Ich will nicht."
Kommentar M.: Bei Hegemann klingt die Szene fast nach Beckett 2.0
Da muss sich jetzt der gutwillige Leser, der ja gern bereit ist, sich belehren zu lassen, doch mächtig den Kopf zerbrechen, worin der große Unterschied denn nun besteht? Das eine Trash, das andere hohe Literatur... ja mei, ich glaub, ich muss noch mal zur Uni. Aber ganz abgesehen von dieser vergleichenden Fleißarbeit Herrn Markensteins: Mir gefällt der Axolotl als intertextuelles Gesamtopus. Was das Buch besonders auszeichnet, ist die absolut gelungene ironische Distanz, um die manche von HH`s KollegInnen und auch die sekundär schreibenden Feuilletonisten sich oft so vergeblich bemühen. Guten Tag allerseits.
Richtig, richtig, richtig, Herr Martenstein. Endlich sagt's mal einer. Bananen sind ja auch viel besser als Orangen - sie lassen sich nämlich leichter schälen, stimmt's?
Ich will Ihnen mal was sagen: Wenn ich einen guten Tag erwische und einen guten Grappa, dann kann ich auch Thomas Mann noch verbessern. Darf ich das dann als "Dr. Faustus 2.0" herausgeben, und Sie feiern mich anschließend als "DIE literarische Neuentdeckung"?
Selbst wenn Sie Recht haben sollten, und Hegemann den "Strobo" wirklich "verbessert" hat (woran ich aber sehr ernste Zweifel habe, Airen wollte ja mit seinem Buch etwas ganz anderes als Hegemann, insofern verbietet sich ein Vergleich, wie Sie ihn hier vornehmen, von vornherein), selbst dann also empfähle sich unser Literaturwunderkindfräulein mit ihrer Arbeitsprobe aber doch eher als Lektorin denn als Autorin, finden Sie nicht?
Vielleicht sollte sie sich mal bei Ullstein bewerben. Da scheint es ja eine gewisse Vakanz zu geben. Plagiatsversuche jedenfalls würden der belesenen Helene sicher nicht entgehen.
Nee, wirklich: Das ZEIT-Feuilleton ist sich anscheinend für keinen Unsinn mehr zu schade.
Obwohl ich mich köstlich amüsiert habe (noch mehr über die Kommentare hier), möchte ich Hinweisen das ihr Versuch von Satire schwer zu deuten ist. Ganz deutlich wird an dieser Kolumne die Langsamkeit (oder eher die Netzschnelligkeit) der Aufarbeitung. Der Lesespaß wird deutlich getrübt, da der Zug bereits abgefahren und die Karavane weitergezogen ist. Um es Ihnen Vorweg zu nehmen: Eine Kolumne über Strukturwandel des Feuilleton ist bereits wieder vorbei ;)
Ich bitte daher für ihre Leserschaft zukünftig entsprechend ironische Gesänge mit eindeutigen Markierungen zu kennzeichnen.
jetzt haben Sie sich ja doch nicht an Ihre im Tagesspiegel geäußerte Absicht, das Buch der Helene Hegemann nicht zu lesen, gehalten... oder waren es nur einzelne Textfelder?
Schade finde ich, dass ich mir seit ihrer Kolumne über Nazi-Vergleiche nicht mehr so recht darüber im Klaren bin, ob das, was Sie schreiben, Ironie ist, oder ob Sie es nicht doch tatsächlich ernst meinen mit Ihrer Einschätzung, was ich bedauerlich fände.
Danke, Andreas Kühn, für die Aufklärung! Satire! :-D !
Das hätte man wirklich dranschreiben müssen. In dem Fall muss ich aber Herrn Martenstein ausdrücklich in Schutz nehmen, dafür kann er nichts. Die Feuilleton-Realität hat sich bei Hegemann einfach schon zu weit in die Satirezone ausgeweitet, als dass man da noch eine scharfe Trennlinie ziehen konnte.
Äh - Frau Radisch, war eigentlich Ihr feministischer Hegemann-Beitrag von letzter Woche auch schon satirisch gemeint?
zu peinlich - das hätt die online-redaktion allerdings besser markieren können / besser vorweg nehmen sollen...
danke, andreas kühn
Ja, das mit der Satire sollte man eben in seiner Lehrzeit als Journalist ein bisschen üben! Gehört ja zum Handwerk, auch in der Zeit-Redaktion. Entweder kommt da Satire mit polternder Ansage: hallo ich bins, DIE SATIRE, oder so ein schüchternes kleines Gepiepse: äh... ich... hoppla...ich bin nämlich... hm ... so... eigentlich... ja... ne Satire?
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