Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich habe mir die Textlandschaften von Helene Hegemann angeschaut. Ich habe sie mit den Textlandschaften von Blogger Airen verglichen.

Falls jemand in den letzten Monaten im Ausland war: Helene Hegemann ist achtzehn. Davor war sie siebzehn. Sie hat den Roman Axolotl Roadkill geschrieben. Dann kam heraus, dass sie Teile des Romans aus anderen Büchern und dem Internet abgeschrieben hat, vor allem bei Blogger Airen. Wie ich beweisen werde, ist dies aber überhaupt nicht der Fall.

Ausgelöst wurde die Affäre durch das Wort "Vaselintitten". Jemandem ist bei der Lektüre des Romans dieses Wort aufgefallen. Dann hat dieser Jemand "Vaselintitten" gegoogelt und ist bei Blogger Airen gelandet. Jetzt ist das Wort in der deutschen Sprache allgegenwärtig und voll dudentauglich. Sogar in der FAZ standen Sätze wie: "Es geht nicht nur um die Vaselintitten", oder: "Wem gehören die Vaselintitten?" Ich selbst schreibe Sätze wie: "Ohne Vaselintitten wäre die neuere deutsche Kulturgeschichte anders verlaufen."

Jetzt der Textvergleich. Blogger Airen: "Der Nette Fucker steht nackt in der Tür und wispert: Hey Airen! Bleib ruhig liegen! Alles ok!"

Bei Hegemann wird daraus Folgendes: "Im Türrahmen steht der ausschließlich in Boxershorts steckende Mottosweatshirttyp und sagt: Bleib ruhig liegen, es ist alles in Ordnung."

Meiner Ansicht nach stellt der Hegemanntext eine deutliche Verbesserung des Airentextes dar. "Mottosweatshirttyp" kennzeichnet eine Figur zweifellos genauer als "Netter Fucker". Denn sowohl Nettigkeit als auch Geschlechtsverkehr sind, was ich für positiv halte, deutlich weiter verbreitet als Sweatshirts mit Motto. Auch will das Verb "wispern" nicht recht zu einem "Netten Fucker" passen, offenbar ein Eigenname, deshalb das große N. Es gibt den Film Das Wispern im Berg der Dinge, es gibt das Wispertal bei Wiesbaden. Tannen können wispern, Zwerge, Bäche, zur Not wohl auch das Innere eines Berges – aber Fucker?

Nun eine andere Stelle. Das Verhältnis zwischen dem Erzähler und dem Netten Fucker hat sich, wie man sehen wird, zugespitzt.

Hegemann: "Man hätte dir echt die Gedärme aus dem Körper schneiden können, und irgendwann wärst du dann aufgewacht ohne Tasche und mit ’nem 2 x 2 Quadratmeter [sic!] großen Arschloch."