Martenstein Hegemann und Airen im TextvergleichSeite 2/2
Bei Airen las es sich so: "Ich hätte dir echt den Blinddarm rausnehmen können. Wäre dir das im Club passiert, wärst du irgendwann ohne Handy und mit sooo einem Arschloch aufgewacht!"
Blogger Airen klingt auch hier gröber, zugleich unpräziser. Das blasse "Blinddarm rausnehmen" verliert den Vergleich gegen die herausgeschnittenen Gedärme, auch die Beschreibung des künstlich vergrößerten Körper- ausgangs wirkt genauer beobachtet. "Ohne Tasche" fasst das zeitlos Existenzielle der Situation – unmittelbar nach einer Darmamputation! – ungleich besser als das modernistische "ohne Handy".
Zuletzt ein Vergleich zweier typischer Dialoge, zuerst bei Airen. Die Erzählerperson widersteht, in einem Tanzlokal, den Werbungen eines ihr flüchtig bekannten jungen Mannes.
"Lass uns ficken!" – "Nein." – "Wieso nicht?" – "Ich ficke nicht." – "Mann, Alter, ich bin übelst geil."
Drastisch, doch ohne Tiefe. Bei Hegemann klingt die Szene fast nach Beckett 2.0. "Ich ficke nicht mehr." – "Mann, Alter, ich bin übelst geil!" – "Ich ficke jetzt nicht mehr mit dir." – "Aber warum denn nicht?" – "Ich will nicht."
Hegemann tut mit Blogger Airen genau das, was der Landwirt mit der Brache tut: Er pflügt, er pflanzt neu, und vor allem erntet er. Dies ist der Sinn des Wortes "Textlandschaft".
- Datum 02.03.2010 - 11:11 Uhr
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- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 04.03.2010 Nr. 10
- Kommentare 35
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"Dann kam heraus, dass sie Teile des Romans aus anderen Büchern und dem Internet abgeschrieben hat, vor allem bei Blogger Airen. Wie ich beweisen werde, ist dies aber überhaupt nicht der Fall." - es ist Ihnen, Herr Martenstein, eben nicht gelungen, dies nachzuweisen. Sie zeigen lediglich, inwiefern es Hegemann geschafft hat, Wortgruppen/Szenen und Ideen anderer in eine bessere "Textlandschaft" einzubinden. Ist das eine große Leistung und macht das den Raub geistigen Eigentums legal?
Ihrer These steht inzwischen Reaktion des Verlages selbst im Weg, mit anderen Worten, schlicht die Realität - denn das "Vergehen" wurde längst gestanden und eine satte Quellenangabe dem Buch angehangen.
Ich nehme es hin, wenn ich in Heftchen wie der BZ solche überflüssigen Kommentare lese - nicht aber in bzw. auf der Online-Präsenz von der ZEIT. Viele Kritiker mischen sich hier in eine Debatte ein, die offenbar nur noch ausgenutzt wird, um die Sensation der Thematik zum Vorteil der pers. Bekanntheit auszunutzen. Nun gehört meiner Ansicht nach erstmals auch ein Beitrag in einem Blatt dazu, von dem ich mehr erwartet hätte.
Viele Meinungen in den Feuilletons hätten bei mir eine Abokündigung zur Folge gehabt - die Kritiker diskutieren inzwischen auf Meta-ebenen, mal über dies, mal über das, jedoch von der Debatte zu AXOLOTL veranlasst. Und obwohl, die Autorin keine Sympathiepunkte mehr bei mir hat, muss ich sagen, dass viele Empörungen nicht Hegemann sondern Standpunkte der Kritiker verursacht haben.
Gut, dass wir immer noch Feuilletonisten haben wie Herrn Martenstein, die uns den kleinen Unterschied und seine großen Folgen auf literarischem Feld erklären:
Hier spricht Airen: "Lass uns ficken!" – "Nein." – "Wieso nicht?" – "Ich ficke nicht." – "Mann, Alter, ich bin übelst geil."
Kommentar M.: Drastisch, ohne Tiefe
Hier Hegemann: "Ich ficke nicht mehr." – "Mann, Alter, ich bin übelst geil!" – "Ich ficke jetzt nicht mehr mit dir." – "Aber warum denn nicht?" – "Ich will nicht."
Kommentar M.: Bei Hegemann klingt die Szene fast nach Beckett 2.0
Da muss sich jetzt der gutwillige Leser, der ja gern bereit ist, sich belehren zu lassen, doch mächtig den Kopf zerbrechen, worin der große Unterschied denn nun besteht? Das eine Trash, das andere hohe Literatur... ja mei, ich glaub, ich muss noch mal zur Uni. Aber ganz abgesehen von dieser vergleichenden Fleißarbeit Herrn Markensteins: Mir gefällt der Axolotl als intertextuelles Gesamtopus. Was das Buch besonders auszeichnet, ist die absolut gelungene ironische Distanz, um die manche von HH`s KollegInnen und auch die sekundär schreibenden Feuilletonisten sich oft so vergeblich bemühen. Guten Tag allerseits.
Obwohl ich mich köstlich amüsiert habe (noch mehr über die Kommentare hier), möchte ich Hinweisen das ihr Versuch von Satire schwer zu deuten ist. Ganz deutlich wird an dieser Kolumne die Langsamkeit (oder eher die Netzschnelligkeit) der Aufarbeitung. Der Lesespaß wird deutlich getrübt, da der Zug bereits abgefahren und die Karavane weitergezogen ist. Um es Ihnen Vorweg zu nehmen: Eine Kolumne über Strukturwandel des Feuilleton ist bereits wieder vorbei ;)
Ich bitte daher für ihre Leserschaft zukünftig entsprechend ironische Gesänge mit eindeutigen Markierungen zu kennzeichnen.
jetzt haben Sie sich ja doch nicht an Ihre im Tagesspiegel geäußerte Absicht, das Buch der Helene Hegemann nicht zu lesen, gehalten... oder waren es nur einzelne Textfelder?
Schade finde ich, dass ich mir seit ihrer Kolumne über Nazi-Vergleiche nicht mehr so recht darüber im Klaren bin, ob das, was Sie schreiben, Ironie ist, oder ob Sie es nicht doch tatsächlich ernst meinen mit Ihrer Einschätzung, was ich bedauerlich fände.
zu peinlich - das hätt die online-redaktion allerdings besser markieren können / besser vorweg nehmen sollen...
danke, andreas kühn
Ja, das mit der Satire sollte man eben in seiner Lehrzeit als Journalist ein bisschen üben! Gehört ja zum Handwerk, auch in der Zeit-Redaktion. Entweder kommt da Satire mit polternder Ansage: hallo ich bins, DIE SATIRE, oder so ein schüchternes kleines Gepiepse: äh... ich... hoppla...ich bin nämlich... hm ... so... eigentlich... ja... ne Satire?
Reicht es nicht langsam? Das Thema "Hegemann" ist doch nun hinreichend diskutiert worden, es drängt sich ja fast der Eindruck auf, dass die ZEIT für's Werbung machen entlohnt wird (was ich nicht glaube).
Erlaubt ist, was gefällt,
Knurrt der Holzknecht und
Entlaubt, was gefällt ist.
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