Palais Liechtenstein Wahrhaft fürstliche Kunst

Der ZEIT-Museumsführer (43): Das Liechtensteinmuseum in Wien

"Clara" von Peter Paul Rubens

"Clara" von Peter Paul Rubens

Der neunte Wiener Bezirk ist ein Hafen bürgerlicher Ruhe, eine scheinbar ordentliche Welt aus historistischen Fassaden und alteingesessenen Akademikerfamilien. Titel prangen neben Klingelknöpfen, Freud hat nur ein paar hundert Meter weiter praktiziert. Und über die Porzellangasse pilgern Eingeweihte zur Strudlhofstiege, welcher der Schriftsteller Heimito von Doderer in seinem gleichnamigen Roman ein Denkmal setzte. Auf dem Weg dorthin glaubt man sich einen Moment lang in Paris, wenn auf dem Platz vor dem Lycée plötzlich die Kids nur noch Französisch sprechen.

Direkt beim Lycée erhebt sich eine aristokratische Insel aus dem Meer der Bürgerlichkeit, das barocke und von einem Park umgebene Palais Liechtenstein, das noch im Besitz des Fürsten ist. Im achtzehnten Jahrhundert war es fast ein Lustschloss auf dem Lande, ein gutes Stück außerhalb der Stadtmauern gelegen, die Antwort auf Prinz Eugens Belvedere auf der anderen Seite Wiens. Längst ist die Stadt um den Park herumgewachsen, aber bis auf das alte Pomeranzenhaus hat das Palais nichts hergegeben von seinem Gebiet. Bis 2000 war hier Wiens Museum zeitgenössischer Kunst, dann schloss das Haus für eine Generalsanierung. Der Fürst hatte beschlossen, es wie vor 1938 zum Museum der Liechtensteinschen Sammlung zu machen.

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Als das neugeborene Liechtenstein Museum 2004 seine Tore öffnete, entdeckten die staunenden Besucher einen Palast voll poliertem Marmor, Blattgold, aufwendigen Stukkaturen und enormen Deckenfresken, in dessen Sälen sich eine der wichtigsten Privatsammlungen der Welt präsentiert oder genauer: ein beständig rotierendes Zehntel davon.

Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

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Es hilft einfach enorm, wenn schon die Vorfahren gesammelt haben; gegen einige Hundert Jahre solider Familiengeschichte kommt auch Bill Gates nicht an. Das weiß auch Johannes Adam Ferdinand Alois Josef Maria Marko dAviano Pius von und zu Liechtenstein, kurz Hans Adam II., der heutige Fürst, der sich mit Durchlaucht ansprechen lässt und einer der aktivsten und potentesten Privatsammler der Welt ist. Eine Sonderausstellung in seinem Museum ist zurzeit ihm als Sammler gewidmet.

»Die fürstlichen Sammlungen« tragen ihren Titel zu Recht. Im ersten Stock hängt nicht nur ein monumentaler Bilderzyklus von Rubens, sondern auch sein wunderbar anrührendes Porträt seiner beiden Söhne und gleich daneben eine seiner schönsten Porträtstudien: das offene und trotzdem wissende Gesicht seiner kleinen Tochter Clara von 1616, die Synthese von väterlicher Liebe und selbstbewusster Malkunst. Dass derselbe Meister, der diesen Kinderblick einfangen konnte, auch den komplizenhaft-provokanten Satyr im Saal daneben geschaffen hat, ist kaum zu glauben.

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