Finnlands Vorzeigeunternehmen Was nun, Nokia?
Früher war er cool, heute lässt er Kunden kalt: Der weltgrößte Handyhersteller versucht sich neu zu erfinden. Darin hat er Erfahrung.
© Antti Aimo-Koivisto/Getty Images

Eine Nokia-Filiale in Helsinki: Der weltgrößte Handyhersteller versucht sich neu zu erfinden.
Martti Häikiö streicht mit dem Daumen über die Tasten seines Handys, es ist ein N96 von Nokia. Er sitzt in einem Couchsessel in seinem hellen Wohnzimmer im Süden von Helsinki und fragt: "Wo ist die neue Nokia?" Dabei blickt er auf das schwarze Display, als hoffe er, die Antwort werde dort plötzlich aufleuchten. Doch der Schirm bleibt leer.
Wo ist sie, die neue Nokia? Das ist eine Frage, die sich derzeit viele in Finnland stellen, in der Heimat des weltgrößten Handybauers. Analysten, Branchenexperten und Journalisten auf der ganzen Welt rätseln, ob es Nokia gelingt, sich neu zu erfinden in einer Zeit, in der es für ein Unternehmen nicht mehr reicht, ordentliche Mobiltelefone zu bauen. In der sich alles um Apps dreht, um jene beliebten kleinen Programme für mobile Geräte .
Applikationen beleben die sogenannten Smartphones, welche Büro, Kaufhaus und Multimedia-Angebot zugleich sind. Auf diesem Markt hat Nokia gegenüber Apple und dem Blackberry-Hersteller Research In Motion erheblich an Boden verloren – die Konkurrenz verkauft zwar viel weniger Geräte, macht damit aber teilweise schon mehr Gewinn. Dieser Wettkampf entscheidet sich vor allem in den USA, wo Nokia auf niedrigem Niveau dümpelt. Den Finnen fehlt ein »iPhone-Killer«, eine schlagkräftige Antwort auf das elegante Apple-Gerät. Und anders als den Amerikanern ist es ihnen bislang nicht gelungen, den Handel mit Zusatzsoftware wie Musik, Spielen und Miniprogrammen fürs Handy in ein einträgliches Geschäft zu verwandeln.
- Abzug aus Bochum
Als Nokia Anfang 2008 bekannt gab, sein profitables Werk in Bochum zu schließen und die Handyproduktion nach Rumänien zu verlagern, ging ein Aufschrei durchs Land. Das Schlagwort vom »Karawanenkapitalismus« machte die Runde, die Finnen standen als »Subventionsheuschrecken« da. Politiker solidarisierten sich mit den 2300 Beschäftigten, es gab Boykottaufrufe. Nokias Image war schwer beschädigt.
- Nokia weltweit
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Deutschland ist nach China, Indien und Großbritannien der umsatzstärkste Markt für Nokia, auch wenn der koreanische Rivale Samsung offenbar erstmals mehr deutsche Handykunden findet als der Branchenführer.
Heute beschäftigt der Konzern hierzulande noch 11.600 Menschen, die meisten bei Nokia Siemens Networks (NSN). Das Joint Venture, in dem die beiden Unternehmen ihre kriselnden Netzwerksparten zusammenlegten, baut Netze für Telefongesellschaften. Die größten deutschen Standorte sind München, Berlin und Bruchsal. Und wieder bangen Beschäftigte um ihre Jobs: Der Netzwerkausrüster will bis zu 5800 der weltweit 64.000 Stellen streichen, um bis Ende nächsten Jahres 500 Millionen Euro einzusparen. Wie viele Jobs in Deutschland bedroht sind, ist noch unklar. Seit der Gründung vor drei Jahren hat NSN hierzulande bereits 2300 Arbeitsplätze abgebaut.
Diese Woche steht die weltgrößte Computermesse Cebit im Zeichen des mobilen Internets. Und Nokia muss noch herausfinden, wie das genau geht mit dem neuartigen Unterwegsmedium.
Daran hängt für Martti Häikiö, der die dreibändige Nokia-Chronik geschrieben hat, mehr als ein Konzern, es geht auch um die Nation. Nokia gehört zum finnischen Lebensgefühl wie die Sauna, die Elche und die Zigtausend Inseln und Seen, die aus dem Land einen Flickenteppich machen. Nirgendwo findet der finnische Nationalstolz so schön Halt wie an dem schlichten Schriftzug von Nokia. Vor rund 20 Jahren verhalfen die ersten Handys dem Holzfällerland zu Hightech-Flair. Das wirkt bis heute nach.
Der Historiker Häikiö führt in sein Arbeitszimmer, vorbei an Schrankwänden mit 7500 Büchern, er hat sie zählen lassen. Die Rücken seiner Werke über Nokia hängen gerahmt neben dem Schreibtisch. "Nokia und Finnland, das ist wie eine Ehe", sagt er, "es gibt gute und schlechte Zeiten." Meistens waren es gute. Nokia ist die einzige finnische Firma, die es international an die Spitze geschafft hat. Nokia ist die fünftwertvollste Marke der Welt im Ranking von Interbrand, die einzige europäische unter den ersten zehn. Sie ist vielleicht bekannter als das Fünf-Millionen-Einwohner-Land, von dem viele sagen, es sei ein Klub. »Nokia hat den Finnen gezeigt, dass man es schaffen kann«, sagt Sixten Korkman, Leiter von Etla, dem Forschungsinstitut der finnischen Wirtschaft.
Es gab Zeiten, da steuerte Nokia mehr als vier Prozent zur Wirtschaftsleistung Finnlands bei, fast ein Viertel der nationalen Exporte und tätigte die Hälfte der Forschungsausgaben aller privaten Unternehmen. Das war im Jahr 2000. Und die Zahlen berücksichtigen noch nicht das Netz aus Zulieferern, das den Riesen umspannt. »Eine solche Abhängigkeit von einem Konzern existierte in keinem anderen Industrieland«, sagt Korkman. Zwar ist Nokia auch heute noch der größte Steuerzahler im Land, der ein Viertel des Börsenwerts im Aktienindex OMX Helsinki auf sich vereint, doch der Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 2000 halbiert. Zum Teil, weil andere Branchen stark gewachsen sind, der Maschinenbau oder die Chemieindustrie. Es hat aber auch damit zu tun, dass Nokia Betriebe ins Ausland verlagert hat. In Finnland unterhält der Konzern nur noch eine Fabrik, in Salo, wo ausschließlich Oberklassetelefone gebaut werden. Gemessen am Produktionsvolumen, ist China der bedeutendste Standort.
- Datum 04.03.2010 - 14:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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einer verliert, der andere gewinnt.
Nokia hat verloren.
Trotzdem hat Finnland von Nokia wirtschaftlich sehr stark profitiert, also war Nokia doch nicht so nutzlos, wie es momentan scheint.
Selten hat Nokia bloß durch Design gepunktet.
Die größe der Löcher, die ein Microsoft Kapitän in
den Rumpf einer europäischen Software-Titanic reißt,
läßt mich an Sabotage denken. Später wird ein Kartellamt entscheiden
müssen, wohin die (nur in den USA zu gebrauchenden) Softwarepatente
gehen.
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