Neustart der Islamkonferenz Ihr seid nicht integrierbar

Die Islamkonferenz wird fortgeführt – und einige streitbare Teilnehmer werden nicht mehr eingeladen. Konkretion ist gut. Doch die Debatte muss weitergehen. Von Jörg Lau

Wer hätte gedacht, dass die Einbürgerung des Islams zu einer Prestigeangelegenheit für christdemokratische Innenminister werden würde. Aber so ist es: Thomas de Maizière will die Deutsche Islamkonferenz, Lieblingsprojekt seines Vorgängers Schäuble, fortführen – allerdings weder mit denselben Schwerpunkten noch mit denselben Beteiligten. Unter anderem sollen die Islamkritikerinnen Necla Kelek und Seyran Ateş beim »Neustart« (de Maizière) nicht mehr dabei sein.

Wird nun, nach drei Jahren knisternder Konflikte um Kopftücher, Moscheebauten und Schwimmunterricht, auf Weichwaschgang geschaltet? Knickt der Minister vor den bärtigen Herren von den Islamverbänden ein, die schon lange von den feministischen Quälgeistern erlöst werden wollten?

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Dem widerspricht, dass de Maizière auch den Vertreter des konservativsten Verbandes, Ali Kizilkaya vom Islamrat, nicht wieder einlädt. Und auch die eher taffen Sprüche des Ministers deuten nicht auf einen Kuschelkurs hin: Er würde radikale Imame ausweisen lassen, hat er im Interview mit der ZEIT gedroht. Die Muslime selbst müssten die »Haupttrennlinie zwischen dem friedlichen Islam und dem gewalttätigen Islamismus ziehen«, forderte er.

Im Übrigen: Kizilkaya hat alle wesentlichen Beschlüsse der Konferenz nicht mitgetragen. Und Necla Kelek hat die Islamkonferenz von der anderen Seite her für gescheitert erklärt. Sehr überrascht können beide nicht sein, dass die Karawane jetzt ohne sie weiterzieht. Die Konflikte zwischen Islamkritikern wie Kelek und Verbandsvertretern hatten zuletzt etwas Rituelles: »Eurer Islam ist nicht integrierbar!«, riefen die einen. »Ihr seid gar keine Muslime!«, antworteten die anderen.

Es ist richtig, dass de Maizière diesen nicht sehr zielführenden Schlagabtausch nicht fortsetzt. Die Konferenz ist dennoch nicht gescheitert. Im Gegenteil: Sie war die mutigste Tat der Großen Koalition. Sie brachte einen Realitätsschock, an dem wir uns noch lange abarbeiten werden, wie unsere nicht enden wollenden Debatten zeigen.

Deutschland hat sich mit der Konferenz das Instrument einer lernenden Gesellschaft geschaffen: Die Mehrheit hat Bekanntschaft mit der Stimmenvielfalt des Islams gemacht – von säkular-feministisch bis neoorthodox bekopftucht. Nicht nur die Mehrheit übrigens: Auch die Muslime selber haben gelernt, die Buntheit ihres Glaubens zur Kenntnis zu nehmen. Weder die frauenbewegten Kritikerinnen noch die säuerlichen älteren Herren können heute noch alleine beanspruchen, für »den Islam« zu sprechen. Sichtbar wurden: Kulturmuslime, die nie in die Moschee gehen, aber wollen, dass ihre Kinder etwas über den Glauben der Väter und Mütter lernen; deutsche Konvertiten, die oft viel konservativer sind als geborene Muslime; Aleviten, Ahmadis, Schiiten und sogar muslimische Atheisten.

Was will de Maizière nun mit dem Instrument anfangen? Er sieht sich mehr als Zusammenhaltsminister denn als Sicherheitssheriff. Aber wie entsteht »Zusammenhalt«?

Nicht durch Sonntags- oder Freitagspredigten, das hat die Islamkonferenz gezeigt, sondern durch angst- und hassfrei durchstandene Konflikte. Konflikte sind nicht nur unvermeidlich in einer religiös bunteren Gesellschaft: Klug eingehegt und moderiert, können sie ein Medium der Integration sein.

Es ist gut, dass der neue Minister nun alles praktischer angehen will. Drei Felder interessieren ihn besonders: Religionsunterricht, Geschlechtergerechtigkeit und Islamismus. Er will mehr Praktiker auf dem Podium sehen als bisher – in Sachen Religionsunterricht, Imamausbildung, Koedukation, Förderung von Einwanderern im Staatsdienst. Recht so: Doch das Bild dürfen nicht mehr die türkisch dominierten Verbände bestimmen. Sonst entsteht der Eindruck, Deutschland verhandele mit der Türkei (oder deren Mittelsmännern) über die Integration der eigenen Bürger.

Die Konferenz braucht mehr unabhängige muslimische Intellektuelle mit theologischer Kompetenz. Dass Navid Kermani nicht mehr dabei sein soll, wie jetzt gestreut wird, wäre darum unverständlich. Unter den hiesigen Muslimen gibt es keinen zweiten freien Kopf wie den Deutschiraner.

Konkretion ist gut. Aber es wäre falsch, den Debattenmotor Islamkonferenz stillzulegen, um bei der Anpassung der deutschen Friedhofsordnung an islamische Begräbnissitten voranzukommen. Wir brauchen den Streit, wir brauchen noch mehr davon. Dass in Deutschland radikale Islamisten vom muslimischen Mainstream isoliert sind und wir, im Gegensatz zu unseren Nachbarn, bisher keine erfolgreichen islamfeindlichen Rechtspopulisten haben, ist auch ein Verdienst der Islamkonferenz.

 
Leser-Kommentare
    • Jenss
    • 04.03.2010 um 7:50 Uhr

    Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

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    Nicht notwendigerweise. muslimisch bezieht sich hier auf den Kulturkreis, nicht notwendigerweise den Glauben.

    Interessant. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich als "christlichen Atheisten" zu bezeichnen.

    Nicht notwendigerweise. muslimisch bezieht sich hier auf den Kulturkreis, nicht notwendigerweise den Glauben.

    Interessant. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich als "christlichen Atheisten" zu bezeichnen.

  1. 2. @Jenss

    Nicht notwendigerweise. muslimisch bezieht sich hier auf den Kulturkreis, nicht notwendigerweise den Glauben.

    Antwort auf "Muslimischer Atheist"
    • Delfin
    • 04.03.2010 um 8:20 Uhr

    es kommt auch darauf an, daß beide Seiten offen sind für das Gedankengut des Anderen.Bei vielen Muslimen habe ich den Verdacht, daß sie in keiner Weise auf christliches Werte überhaupt eingehen wollen, geschweige denn dazu Toleranz zu zeigen. Dazu kommt noch, daß man nicht mit einer Sprache spricht. Ob Sunniten oder Schiiten oder Wahabiten, jeder hat eine andere Auslegung seiner Religion.Wir tun sicherlich gut daran bei Verhandlungen daran zu erinnern, daß besonders in Saudi Arabien kein christliches Symbol, geschweige eine christliche Kirche bestehen darf. Die dazu oft gehörte Verteidigung daß man die beiden heiligen Moscheen habe und man nicht wolle daß sich Moslems fünfmal am Ttag auch gegen christliche Kirchen verneigen würden, finde ich schwach.Wir im Westen sollten unseren Kindern mehr über den Islam beibringen, aber auch in den Schulen der moslemischen Länder sollte den Schülern etwas über das Christentum und dessen Werte gesagt werden.

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    • Burak
    • 09.03.2010 um 13:27 Uhr

    In Rom gibt es auch keine Moschee.

    • Burak
    • 09.03.2010 um 13:27 Uhr

    In Rom gibt es auch keine Moschee.

    • MDNR
    • 04.03.2010 um 8:58 Uhr

    @ Delfin
    Saudi Arabien als Beispiel zu nehmen ist nicht das beste Beispiel denn dort duerfen noch nicht mal nicht sunnitische muslime ihren Glauben offentlich ausueben. dies ist das Landf der Heuchlerei in sich.

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    • th
    • 04.03.2010 um 14:22 Uhr

    dass Saudi-Arabien die Wiege des Islam ist, und sich dort die heiligen Stätten des Islam befinden. Saudi-Arabien wird deshalb immer eine besonders wichtige Rolle im Islam einnehmen.

    • th
    • 04.03.2010 um 14:22 Uhr

    dass Saudi-Arabien die Wiege des Islam ist, und sich dort die heiligen Stätten des Islam befinden. Saudi-Arabien wird deshalb immer eine besonders wichtige Rolle im Islam einnehmen.

  2. Es mag sogenannte „Kulturmuslime“ geben. Gleichwohl, in welcher konkreten Eigenschaft befindet sich jemand, der lediglich einem gewissen Kulturkreis entstammt als Vertreter einer recht pluralistischen Glaubensfamilie in der Konferenz? Können Journalisten und Schriftsteller bspw. wirklich muslimische Realitäten in der Bunderepublik nachvollziehen? Präsentieren bestimmt, aber für wen sprechen sie denn? Uns Unorganisierten? Am ehesten verstehe ich die Anwesenheit der von mir sehr geschätzten Frau Ateş. Es sind ihre speziellen Kenntnisse der Community, insbesondere im Bezug auf häusliche Gewalt die sie qualifizieren zu uns zu sprechen und Licht in die dunklen Ecken zu tragen. Apropos Licht und Dunkelheit. Sie sagen: „Dass in Deutschland radikale Islamisten vom muslimischen Mainstream isoliert sind (...) ist auch ein Verdienst der Islamkonferenz.“
    Ist dem so? Nun, ich kann das insofern nicht wirklich nachvollziehen, als dass sich mir der Impact in der Community nicht wirklich erschließt. Ich denke vielmehr der Verdienst kommt eher (vielleicht vor allem) unzähligen Individuen, kleinen und größeren privaten Netzwerken zu, die jeden Tag aufs Neue vor allem die „saudische“ Lesart zurückweisen. Im privaten Gesprächen, wie auch anhand von Übersetzung islamischer „klassischer Texte“. Die Mehrheit der hier lebenden Muslime mag eine schweigende Mehrheit sein. Aber sie ist nicht untätig.Einfach weil wir wissen dass es vor allem an uns ist, unseren Teil beizutragen.

    PeAcE,

    Einer von Euch

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    Danke für Ihren Beitrag!

    Danke für Ihren Beitrag!

  3. Im Artikel heisste es:
    "...dass ihre Kinder etwas über den Glauben der Väter und Mütter lernen; deutsche Konvertiten, die oft viel konservativer sind als geborene Muslime; Aleviten, Ahmadis, Schiiten und sogar muslimische Atheisten."

    Dieser Satz ist ein beredtes Beispiel für unser seltsames Verhältnis zur Religion im Allgemeinen. Im ersten Teil spricht man von Kindern, die etwas über den Glauben ihrer Eltern lernen, im zweiten Teil bereits von "geborenen" Muslime. (ein Glaubensbekenntnis ist also kein freiwilliger spritueller Weg, sondern wird biologisch vererbt)

    Den Abschluß machen dann muslimische Atheisten...Ein Widerspruch, der sich durch einen Widerspruch erklärt.

  4. 7. Zusatz

    Warum sprechen wir eigentlich nicht auch von Kinderkommunisten, wenn wir von chinesischen Kindern sprechen ? Oder untertiteln die Bilder von Kindern eines Parteivorsitzenden als z.B. "junge SPDler" ?

  5. Eigentlich ist es komplette Idiotie zu behaupten man würde wegen den Stretigkeiten innerhalb der islamischen Gemeinde nicht voran kommen. Man sagt immer:"Die Shiiten können sich mit den Sunniten nicht einigen." Was heißt hier bitte einigen?
    Man sollte sich mal mehr über die Shia erkundigen bevor seine Statement abgibt. "Shia" heißt wortwörtlich eigentlich "Abspaltung oder Splitterpartei". Dementsprechend ist auch der Anteil an Shias in der islamischen Bevölkerung weltweit, nämlich 7,5%-11%. Also wenn es demokratisch zugehen solle - was ja wohl das Ziel ist - müsste die Mehrheit, also die Sunniten eigentlich keine Probleme haben Forderungen gegenüber den anderen Teilnehmern der islamischen Konferrenz durchzusetzen.
    Es liegt also nicht an der Uneinigkeit der Muslime sondern eher daran wie Plätze verteilt sind. Ich meine, ist es gerecht wenn man einer Partei mit sagen wir 70% Mehrheit an zu vertretenden Bürgern mit genauso vielen Plätzen versieht wie eine Partei die gerade mal 10% der Bevölkerung vertritt????
    Also DA sind Uneinigkeiten schon vorprogrammiert.

    Weiterhin versteh ich nicht was Atheisten, und Islam-Kritiker bitte auf einer Islamkonferrenz zu suchen haben.
    Immerhin geht es dort doch um die MUSLIME in Deutschland und nicht um die, die den Islam kritisieren. Denen kann es ja egal sein ob muslimische Mädchen am Schwimmunterricht teilnehmen müssen oder nicht.
    Meiner bescheidenen Meinung nach ist die Sache mit der "islamischen Konferrenz" vollkommen falsch angepack.

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    Schließt es aus, Muslim zu sein und den Islam zu kritisieren? - Es ist gerecht, in einer Konferenz alle Richtungen mit gleicher Sitzanzahl zu versehen, denn es sollen alle gleich ihre Meinung vertreten können und dabei hoffentlich mit der Idee, daß nicht eine Meinungsrichtung allein das Recht für sich gepachtet hat. -

    • th
    • 04.03.2010 um 14:28 Uhr

    welche oft intensiveren Anteil am kirchlichen Leben nehmen, als die Durchschnittsgläubigen.

    Dass man Kritiker nicht ausschliesst, damit die "Rechtgläubigen" unter sich bleiben, ist bei uns so üblich.

    Schließt es aus, Muslim zu sein und den Islam zu kritisieren? - Es ist gerecht, in einer Konferenz alle Richtungen mit gleicher Sitzanzahl zu versehen, denn es sollen alle gleich ihre Meinung vertreten können und dabei hoffentlich mit der Idee, daß nicht eine Meinungsrichtung allein das Recht für sich gepachtet hat. -

    • th
    • 04.03.2010 um 14:28 Uhr

    welche oft intensiveren Anteil am kirchlichen Leben nehmen, als die Durchschnittsgläubigen.

    Dass man Kritiker nicht ausschliesst, damit die "Rechtgläubigen" unter sich bleiben, ist bei uns so üblich.

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