Wettbewerb Die Goldschürfer

Josef Joffe: Warum sind die Deutschen so gut in Sport und Musik?

Auch auf die Gefahr hin, den Guido W. zu geben, soll als Nachklapp zu den Winterspielen eine Lanze für Leistung & Wettbewerb gebrochen werden, hat doch Deutschland die zweitmeisten Medaillen abgeräumt. In Turin 2006 war es die Nummer eins. Im Fußball kicken die Deutschen auch ganz vorn. Sie waren sechs Mal Erster oder Zweiter in 14 Weltmeisterschaften. Ein trivialer Triumph, alles nur Muskel-, kein Gehirnschmalz? Dann steigen wir auf in höhere Sphären. Das britische Gramophone- Magazin nennt unter den Top Ten der Orchester drei deutsche: die Berliner Philharmoniker, die Bayerischen Radiosinfoniker und die Dresdner Staatskapelle.

Genetisch lässt sich das nicht erklären; die Mitte Europas war schon immer »durchrasst«, um ein Stoiber-Wort aufzugreifen. Die richtige Antwort lautet: Auslese und Wettbewerb. Nirgendwo sind hier A & W härter als in Sport und Musik. Hier gelten nicht die leitkulturellen Gebote der »vergleichbaren Lebensumstände« oder »Abschlüsse«, in deren Zentrum »gleich« steht. Wer an die Spitze will, muss spitze sein. Dabei werden Tränen vergossen und Karrieren beendet; tropfen muss der Schweiß. Der Kungelfaktor (anders als bei Film- und Literaturpreisen) liegt bei null. Was Uhr und Maßband sagen, ist nicht Verhandlungsmasse. Gnadenlos ist die Auslese in der Musik. »Rosinenpicken« ist kein Pfui-Wort, sondern Prinzip.

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Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Umgekehrt lässt sich der Niedergang der deutschen Universität, einst Modell für die Welt, nicht vom Egalitären trennen. Unter den Top Fifty der Universität Shanghai findet sich keine deutsche. Angeführt wird die Liste von 17 US- und zwei britischen Hochschulen, die bekanntlich sehr scharfe Auslese betreiben. Ebenso heftig ist der Wettbewerb um Studenten, Profs und Mittel.

Nein, Amerikas Top-Unis sind nicht nur für Reiche; keine Gebühren zahlen Eltern in Stanford, die weniger als 100.000 Dollar im Jahr verdienen. Es glänzen auch nicht nur die Privaten; in der ersten Liga spielen sechs Staatsunis mit. Man kann es hin und her wenden – unterm Strich sind Auslese und Wettbewerb das Fundament der Exzellenz. Deshalb sind die Deutschen so gut in Sport und Musik. Deshalb kommt auch die halbe Welt zum Musikstudium nach Deutschland.

Sind A & W auch gerecht? Ja, wenn die Maxime nicht Ergebnis-, sondern Chancengleichheit ist. Gerade hat die Deutsche Stiftung Musikleben in Hamburg nach strengster Benotung ihre Preise vergeben. Die Hälfte der Gewinner waren Ausländer. Das heißt: So ungnädig das System an der Ziellinie ist, so offen ist es am Start – für die ganze Welt. Das ist gerecht im Sinne von »fair«.

»Vergleichbare Lebensumstände« müssen bei Gesundheit und Sozialem Vorrang haben. Aber Exzellenz wird durch Anstrengung, Talent und Konkurrenz beflügelt. Gold für alle wäre so sinnlos wie die Reise nach Jerusalem mit so vielen Stühlen wie Kindern. Wir akzeptieren A & W auf der Piste und im Konzertsaal. Warum nicht auch bei Disziplinen, in denen es bei der Höchstleistung hapert – von der Hochschule bis zum Großunternehmen (bis in die Chefetagen)? In denen Gründer- und Erfindergeist gefragt sind, aber auch das Scheitern lauert? Vor fünfzig Jahren hat es besser funktioniert.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich halte Ihre Argumentation im Bezug auf die Wissenschaft für viel zu einfach. Ich kann für meinen Teil nur für meine eigene Fachrichtung sprechen (Physik), aber ich denke, dass es sich in anderen Gebieten genauso verhalten wird:

    Wissenschaft ist ein Sektor mit einem enormen Wettbewerb. Wer es zu einer der heißbegehrten permanten Positionen schaffen will, muss sich gegen eine Vielzahl an Bewerbern durchsetzen.

    Der entscheidende Punkt dabei ist, dass Wissenschaft komplett international abläuft, man konkurriert mit Personen aus der ganzen Welt auf Positionen, die überall rund um den Globus verteilt sind. Von daher können Sie das nicht einfach auf spezielle deutsche Umstände schieben.

    Der Punkt muss vielmehr sein, dass Wissenschaftler in Deutschland finanziell nicht vergleichbar mit Wissenschaftlern im Ausland ausgestattet sind.

  2. Ja - und im immer die Besten sein müssen, sind wir Deutschen auch weltweit Spitze... Immer dieses sozialdarwinistische Elitengefasel. Vielleicht mal dran gedacht, dass es erstrebenswerter ist, wenn eine große Masse einfach 0/815 sein sein darf, anstatt, dass sich eine kleine Menge handverlesener "Leistungsträger" im Olymp sonnt und der Rest kann sehen wo er bleibt.
    Von wegen, die Selektionskriterien sind fair: So was wie objektive Selektion gibt es gar nicht, weil das alles vom Mensch gemachte Konstrukte sind, und die soziale Schieflage findet sich in allen Auswahlverfahren. Welche "Ausländer" haben den die Stiftungspreise bekommen?! Das wird wohl auch eher das Diplomatentöchterchen gewesen sein, als das Wunderkind aus dem Slum von Manila.
    Wenn Ressourcen begrenzt sind, entsteht immer ein gewisser Verteilungskampf, auch bei Bildungsressourcen. Die dadurch bedingte Selektion aber auch noch als erstrebenswert hinzustellen, ist einfach nur höhnisch und dekadent gegenüber denjenigen die vom Leben nicht aus vollen Händen beschenkt worden sind!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wolkenkuckuksheim, Ihr Beitrag spricht mir absolut aus der Seele! Wie froh bin ich, zu lesen, dass das jemand genauso sieht!!

    Ich finde, eigentlich geht es uns in Deutschland/Europa so gut, dass wir es als Luxus genießen könnten, nicht immer alles maximieren zu müssen. Oftmals wäre ein "genügendes" Niveau gerechter, ob es nun um Leistunsträger geht, um materiellen Wohlstand oder um Effizienz.

    Gerade an der Uni nimmt der ständige Druck die Motivation mehr, als dass er sie befördern würde. Unter dem ewigen Veröffentlichungs-, Gelderbeantragungs- und allgemeinem Konkurrenzkampf-Stress bekommt man ja kaum noch Zeit, interessanten Nicht-Mainstream-Einfällen nachzugehen, ganz zu schweigen von der Ruhe und dem geistigen Freiraum, aus denen wirklich Geistreiches entspringen könnte. Im übertriebenen Exzellenzstreben geht so die wirkliche Qualität und Tiefe der Lehre wie der Forschung verloren.

    wolkenkuckuksheim, Ihr Beitrag spricht mir absolut aus der Seele! Wie froh bin ich, zu lesen, dass das jemand genauso sieht!!

    Ich finde, eigentlich geht es uns in Deutschland/Europa so gut, dass wir es als Luxus genießen könnten, nicht immer alles maximieren zu müssen. Oftmals wäre ein "genügendes" Niveau gerechter, ob es nun um Leistunsträger geht, um materiellen Wohlstand oder um Effizienz.

    Gerade an der Uni nimmt der ständige Druck die Motivation mehr, als dass er sie befördern würde. Unter dem ewigen Veröffentlichungs-, Gelderbeantragungs- und allgemeinem Konkurrenzkampf-Stress bekommt man ja kaum noch Zeit, interessanten Nicht-Mainstream-Einfällen nachzugehen, ganz zu schweigen von der Ruhe und dem geistigen Freiraum, aus denen wirklich Geistreiches entspringen könnte. Im übertriebenen Exzellenzstreben geht so die wirkliche Qualität und Tiefe der Lehre wie der Forschung verloren.

    • tartan
    • 05.03.2010 um 14:41 Uhr

    Deutschland war sogar 7 Mal 1. oder 2. bei einer (Männer)fussball-WM:
    1954 1.
    1966 2.
    1974 1.
    1982 2.
    1986 2.
    1990 1.
    2002 2.

  3. 4. Genau!

    wolkenkuckuksheim, Ihr Beitrag spricht mir absolut aus der Seele! Wie froh bin ich, zu lesen, dass das jemand genauso sieht!!

    Ich finde, eigentlich geht es uns in Deutschland/Europa so gut, dass wir es als Luxus genießen könnten, nicht immer alles maximieren zu müssen. Oftmals wäre ein "genügendes" Niveau gerechter, ob es nun um Leistunsträger geht, um materiellen Wohlstand oder um Effizienz.

    Gerade an der Uni nimmt der ständige Druck die Motivation mehr, als dass er sie befördern würde. Unter dem ewigen Veröffentlichungs-, Gelderbeantragungs- und allgemeinem Konkurrenzkampf-Stress bekommt man ja kaum noch Zeit, interessanten Nicht-Mainstream-Einfällen nachzugehen, ganz zu schweigen von der Ruhe und dem geistigen Freiraum, aus denen wirklich Geistreiches entspringen könnte. Im übertriebenen Exzellenzstreben geht so die wirkliche Qualität und Tiefe der Lehre wie der Forschung verloren.

    Antwort auf "Weltmeister"
  4. wie immer ist die Wahrheit nicht so einfach wie dargestellt, Herr Joffe.
    Aber ich muss konstatieren, den Westerwelle habe sie wirklich gut drauf. Als wenn er es selber wäre...

    • hedre
    • 05.03.2010 um 15:03 Uhr

    Wie wärs denn mit mehr Wettbewerb unter Journalisten, die Qualität der schreibenden Zunft bzw. ihrer Produkte hat in den vergangenen Jahren rapide abgenommen. Keine Recherchen mehr, ungeprüftes Abschreiben und dämliches Nachplappern, allerliebst neoliberale Allgemeinplätze. Dieser Artikel ist auch keine Ausnahme.

  5. Nichts dramatisches, aber bei den letzten 14 Fußballweltmeisterschaften, waren "wir" 7 Mal im Finale:
    `54, `66, `74, `82, `86, `90, `2002

    Das ändert nichts an der Aussage des Artikels, versetzt dem Fußballfan aber einen kleinen Stich ins Herz.

    Ich freue mich, dass der Autor sich so deutlich für "A&W" ausspricht. Leistungsanforderungen zu senken hilft den Schwachen nicht, entlässt aber viele mit höherem Potenzial in "notentechnisch-gerechtfertigte" Faulheit.

    Dem Aspekt meines Vorredners möchte ich mich allerdings auch anschließen: In der Wissenschaft spielt das Geld eine große Rolle. Aufgrund der finanziellen Ausstattung der Unis bin ich für das Bachelorstudium (Physik) in die Schweiz gegangen. Nach meinem Studium würde ich gern wieder zurück nach Deutschland, aber bei vielen meiner deutschen Kommilitonen, welche dieselbe Entscheidung getroffen haben, ist das anders. Darunter sind einige Köpfe, deren Verlust sich Deutschland in Zeiten des Fachkräftemangels eigentlich nicht leisten sollte.

    Aber in Aachen werden ja jetzt 2 Milliarden in die Universität investiert, eine gute Sache, ein Umdenken scheint mir durchaus im Gange zu sein, wenngleich reichlich spät.

  6. Die deutschen Top-Unis mögen nicht so gut sein wie die angelsächsischen, dafür sind unserer schlechtesten Unis immer noch wesentlich besser als schlechte amerikanische oder britische "Universitäten".

    Ich wage zu behaupten, dass unser durchschnittliches Bildungsniveau höher ist als das der Angelsachsen und wir bildungstechnisch gesehen unterm Strich mehr aus dem Potential unserer Bürger machen als England oder die USA, wenngleich uns wiederum bspw. Finnland überlegen ist.

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