Paris Stadt, Land, Jazz

Er raucht seine erste Zigarette, trägt einen Militärmantel und entdeckt die Nacht. Als Peter Stamm mit 19 Jahren nach Paris kommt, ist er die längste Zeit ein Junge vom Dorf gewesen.

"Ich fühlte mich hier sofort geborgen", schreibt Peter Stamm über Paris

"Ich fühlte mich hier sofort geborgen", schreibt Peter Stamm über Paris

Die Fahrt begann vor siebenundzwanzig Jahren an einem Samstag im Dezember. Eigentlich war ich mit neunzehn zu alt, um von den Eltern zum Bahnhof gebracht zu werden, aber diese Reise war eine besondere: Ich hatte keine Rückfahrkarte gelöst, die Abfahrt nach Paris war zugleich mein Auszug aus dem Elternhaus. Noch während der Rekrutenschule hatte ich mich bei derSchweizerischen Verkehrszentrale beworben, einer staatlichen Organisation, die – inzwischen unter dem Namen Schweiz Tourismus – Werbung für das Ferienland Schweiz macht und Büros in vielen Ländern hat. Zum Vorstellungsgespräch war ich in Uniform gefahren. Als ich gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, im Ausland zu arbeiten, sagte ich, eher nicht. Ich hatte mir vor genommen, neben der Arbeit die Matura nachzuholen, danach wollte ich studieren und dann Schriftsteller werden, auch wenn ich nicht recht wusste, wie das zu bewerkstelligen war. Wenige Tage später wurde ich in der Kaserne zum Telefon gerufen. Der Personalchef der Verkehrszentrale war am Apparat und sagte, er habe eine Stelle zu vergeben in Paris, ob ich daran interessiert sei. Der Buchhalter des dortigen Büros war Mitglied bei den Schweizerischen Pfadfindern gewesen (einem von vielen Schweizer Klubs in Paris) und hatte sich beim Sturz von einer selbst gebauten Seilbrücke tödlich verletzt. Ich bat um Bedenkzeit. Kurz darauf sagte ich zu.

Der Zug nach Zürich war voller Jugendlicher, die in die nahe Stadt fuhren, ins Kino oder in die Diskothek. Mein Koffer war hier seltsam fehl am Platz wie die Eltern, die auf dem Bahnsteig standen und versuchten, dem Moment die angemessene Würde zu geben. Aber für mehr als ein kurzes Winken reichte die Zeit nicht. Ich stelle mir vor, dass meine Eltern noch ein paar Schritte neben dem Zug mitliefen und sich dann auf den Nachhauseweg machten durch den kalten Dezemberabend. Für sie ging etwas zu Ende, für mich fing etwas Neues an.

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Der Autor

Peter Stamm, 46, war Buchhalter, studierte einige Semester unter anderem Anglistik und Psychologie. Anfang der neunziger Jahre machte er sich selbstständig als Journalist und  Schriftsteller, veröffentlichte Reportagen, Satiren und Hörspiele.  1998 kam sein erster Roman »Agnes« heraus. Seine Prosa wurde mittlerweile  in mehr als  25 Sprachen übersetzt. Vergangenen Sommer erschien der Roman »Sieben Jahre« (S. Fischer). Peter Stamm lebt mit seiner Familie in Winterthur bei Zürich

Information Paris

Anreise: Zum Beispiel mit dem TGV (www.tgv-europe.de) etwa von Stuttgart oder ab Frankfurt am Main

Unterkunft: Nahe der Gare de l’Est, wo Peter Stamm Anfang der achtziger Jahre wohnte, gibt es zwei empfehlenswerte Hotels. Das Hotel Chopin: Winzige, gemütliche Zimmer, in der wunderschönen Passage Jouffroy gelegen. 10, Boulevard Montmartre, Tel. 0033/147705810, www.hotelbretonnerie.com, DZ ab 135 Euro. Hotel Amour: Einst ein Stundenhotel, ist das Amour heute ein stylish-schwülstig dekoriertes Hotel für Verliebte. 8, Rue Navarin, Tel. 0033/148783180, www.hotelamourparis.fr, DZ ab 140 Euro

Jazz: Das New Morning ist immer noch einer der berühmtesten Jazzklubs in Paris. 7 - 9, Rue des Petites Écuries, www.newmorning.com

Kino: 376 Kinosäle gibt es derzeit. www.france-cinema.com/Paris

Auskunft: Atout France, Tel. 0900-1570025, www.franceguide.com

Reise meines Lebens
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Ich erreichte Paris spätabends. Es regnete, und obwohl das Hotel nur zehn Minuten vom Gare de l’Est entfernt war, entschloss ich mich, ein Taxi zu nehmen. Der Fahrer hatte noch nie von einem Hôtel de la Nouvelle France gehört, im Bahnhofsviertel wimmelte es von solchen kleinen Häusern mit hochtrabenden Namen und schäbigen Zimmern. Er brachte mich zu einer Gendarmeriekaserne desselben Namens, und der wachhabende Gendarm erklärte mir den Weg zum Hotel, das ganz in der Nähe lag in einer düsteren, engen Straße. Die Rezeption war um diese Zeit nicht mehr besetzt, den Hotel- und den Zimmerschlüssel hatten sie in einem Umschlag unter die Fußmatte geschoben. Ich schleppte meinen Koffer die vier Stockwerke hoch und fand mein Zimmer ganz am Ende des Flurs, keine acht Quadratmeter groß. Ein Zimmer wie jenes von »Mr. Bleaney« in Philip Larkins berühmtem Gedicht:

Leser-Kommentare
  1. Hat mich an meine eigene Zeit in Paris erinnert. Die Stadt prägt einfach und lässt einen nicht mehr los.

  2. aus seide. ich erinnere mich gut als wir unsere abschlußfahrt mit der schule dorthin machten. zwei wochen insgesamt, von kassel bis saint marie de la mere, zum zigeunertreffen.
    aber diese eine nacht in paris, nur ein zwischenstopp, aber unvergesslich. in der mensa hatten wir studenten kennengelernt. trotz ausgehverbot trafen wir uns mit ihnen, gingen in discos, bistros und landeten im morgengrauen in den hallen (die es damals noch gab), zwischen rinderhälften, bergen von gemüse, käse, blumen. auf dem rückweg ins hotel tanzten wir rock´n roll auf einer brücke über der seine.

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