Der Heiler Jun Labo spricht ein Gebet für seine Gäste © Paolo Picones/Polaris/StudioX für DIE ZEIT

In der Nacht vor dem Abflug fängt mein Freund, der Schauspieler Manni Meihöfer, wieder an zu rauchen. Sofern er sich überhaupt etwas dabei denkt, denkt er vermutlich: Wenn schon ein Wunder passiert, wird es hoffentlich so groß sein, dass es keine Rolle mehr spielt, ob man qualmt oder nicht. Später, im Flugzeug, hält es ihn kaum auf dem Sitz. Es ist mühsam, ihm die Rotweinfläschchen auszureden und ihm auszumalen, wie es sein wird, wenn wir nach 17 Stunden schlaflosem Flug noch eine knappe Tagesreise in tropischer Glut vor uns haben. Manni hat nicht mehr viel zu verlieren. Und deshalb fliegen wir auf die Philippinen. Was wir mitnehmen, ist weniger ein großer Glaube als eine wirre Hoffnung. In anderen Situationen würden wir Witze darüberI machen, wenn uns jemand erzählte, er führe zum Wunderheiler. Vielleicht handelt es sich ja tatsächlich um Hokuspokus. Doch schlimmstenfalls schadet das Ganze nicht, und bestenfalls kehrt Manni gesünder, als er aufgebrochen ist, zurück.

Auf den heillos verstopften Ausfallstraßen von Manila erkennt man hinter den hochgezogenen Betonklötzen die endlos sich hinziehenden Slums. Auch wegen der spanisch klingenden Wörter auf den Werbewänden fühlt man sich mehr an Südamerika als an asiatische Länder erinnert. Draußen auf dem Land geht es stundenlang an armseligen Behausungen vorbei, an Holz- und Wellblechhütten und brachen Feldern, auf denen vereinzelte Ziegen und Rinder herumstaksen, aus denen die Knochen herausstehen. Von Strand- und Urlaubsgefühl keine Spur, obwohl die Strecke immer wieder in Meeresnähe verläuft. Sieht man von Mindanao, der südlichsten der drei großen Inseln, ab, bei der selbst die Einheimischen sofort an die islamistische Abu Sayyaf denken, sind die Philippinen das einzige katholische Land im Fernen Osten. Wir fahren in den Norden, in Richtung San Fernando, wo sich bei den Karfreitagsprozessionen Leute ans Kreuz schlagen, Dornenkronen in den Kopf rammen und blutüberströmt durch die Straßen tragen lassen.

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Am nächsten Morgen geht es vom Meer aus, wo wir wohnen, in die Kordilleren hinauf. God bless our trip! steht auf all den knallbunten Bussen, die bei uns längst keinen TÜV mehr bekämen. Warum der polnische Papst die Philippinen so mochte, versteht man sofort. Jesus und Maria sind allgegenwärtig, und die bunten Blätter berichten mit seitenweisen Bilderstrecken darüber, wie die Präsidentin Gloria Arroyo in Tränen ausbrach und ein Gebet sprach, als sie an ihrem Sommersitz Baguio Mel Gibsons gerade angelaufene Passion Christi sah. Auch Jun Labo, unser Heiler, residiert in Baguio. Man könnte sich von ihm auch in Manila behandeln lassen, wo er regelmäßig seine weit gereiste Kundschaft empfängt. Nur mochte Manni in seinem Zustand nicht so viel Zeit in diesem Moloch verbringen.

Die Armut auf dem Land hat nichts so Elendiges an sich. Auf der Serpentinenstrecke nach Baguio hinauf wollen uns die Holzhütten mit ihren bunt behängten Wäscheleinen und leuchtenden Blumengärten schon wie ein Idyll vorkommen. Die Reichen ziehen sich im Sommer sowieso nach Baguio zurück. Diese Stadt hat zwar nicht allzu viele Ansichtskartenmotive zu bieten, doch liegt sie immerhin so hoch, dass dort ein frisches Lüftchen weht und der Blick über urwaldige Gebirgsketten ins Unendliche reicht.