Ausstellungen Verrat der Bilder
Warum wir uns von der Kunst so gern täuschen lassen: Zwei Ausstellungen in Hamburg und Emden über den Realismus und die Illusion
Wo Lust ist, da ist auch Angst. Der Dichter Andreas Gryphius hat Mitte des 17. Jahrhunderts diese Zeile geschrieben, sie ist die Essenz barocker Welterfahrung. Man könnte seine Worte, gleichsam als Motto, zu all den unzähligen Stillleben hinzufügen, in denen sich seine Zeitgenossen um eine möglichst genaue, möglichst überzeugende Darstellung der sichtbaren Dinge des Lebens bemühten. In der Hamburger Ausstellung Täuschend echt sind sie derzeit zu sehen: Gemälde, die wie Zauberkunststücke anmuten – und die über den Barock ebenso viel verraten wie über unser Heute. Sie handeln vom Besitzstolz wie von Verlustangst. Von der Freude am Schein und von der Furcht vor Enttäuschung: dass am Ende all diese Köstlichkeiten, das ganze herrlich schöne Erdendasein doch nur Lug und Trug gewesen seien.
Wo Lust ist, da ist die Angst nicht fern: Diese Erfahrung musste auch der holländische Maler Johannes Torrentius machen, der mit seinen raffinierten Trompe-l’Œil-Gemälden im Haarlem der 1620er Jahre für veritable Sensationen sorgte. Mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, die Augen des Betrachters zu täuschen, indem er die Dinge, die er malte, wie echt, wie mit Leben begabt erscheinen ließ, ist er rasch und weithin berühmt geworden. Dennoch ist einiges schiefgelaufen. Da gab es zum einen viele unbezahlte Rechnungen, viele Gelage, viele nackte Weiber. Und dann nahm der begnadete Augenbetrüger auch noch die Attitüde eines Magiers an und überspannte so den Bogen. Er versuchte, seine höchstversierte Kunst als Alchimie, als Wunderwerk auszugeben. Das Publikum dankte es ihm nicht. Die Lust an seiner Kunstfertigkeit schlug um in Angst vor gefährlichem Teufelszeug.

Torrentius wurde als Scharlatan in den Kerker geworfen, der Hinrichtung entging er nur knapp. Wenn es in der Kunstgeschichte jemals einen Märtyrer gab, dann diesen bitter bestraften Stilllebenmaler. Er wurde zum Schmerzensmann einer (allzu) täuschend echten Wirklichkeitswiedergabe. Ausgerechnet die vermeintlich banalste und anspruchloseste Spielart der Kunst, die fetischistisch aufs Abbilden fixierte Trompe-l’Œil-Malerei, hat eine solche Märtyrergestalt hervorgebracht.
Viele Bilder sind Bravourstücke der Beobachtung – und doch frei erfunden
Es geht diesen Bildern eben um weit mehr als um bloßen Abklatsch. Sie wagen den heiklen Grenzgang zwischen Kunst und Leben, zwischen Schein und Sein, zwischen der archaischen Lust an der Nachahmung und der archaischen Angst vor den Trugbildern, den Geistern von Dingen und Menschen. Sie führen umgehend zu den zentralen, höchst komplexen Fragen nach Realität und Repräsentation, der Welt und unserer Wahrnehmung.
Niemand würde also besser als Johannes Torrentius – von dem sich wohl nur ein einziges Gemälde erhalten hat – zur Grauen Eminenz der beiden Ausstellungen taugen, die derzeit der Kunst der Augentäuscherei nachgehen, dem Illusionismus und dem Realismus in der Malerei. Während das Bucerius Kunstforum (Hamburg) in einem glänzend bestückten und kuratierten Parcours das legendenumwitterte Trompe-l’Œil an 70 ausgewählten Beispielen von der Antike bis zur Gegenwart vorführt, von der pompejanischen Wandmalerei bis zu den verblüffenden Fetischfiguren John De Andreas, lädt die Kunsthalle Emden zum Abenteuer Wirklichkeit ein. Zu einer Exkursion durch die dschungelhaften Gefilde des Realismus in der Kunst, von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu den Foto- und Hyperrealisten der letzten Jahrzehnte, von Wilhelm Leibl bis zu Chuck Close und der Becher-Schule. Weil die Grenzen zwischen den beiden Ausstellungen fließend sind, wird man auf einige Künstler, etwa Gerhard Richter oder Andy Warhol, hier wie dort treffen.
Mag in Emden auch der allzu hemdsärmelige Umgang mit dem Thema irritieren, der Mangel an konzeptueller Stringenz, so wird man doch nimmersatten Auges die opulente Schau durchstreifen. Eine jahrmarkthafte Buntheit und Fülle verlockt das Auge. Ärgert man sich in dem einen Moment, dass ausgerechnet von Gustave Courbet, dem großen Ahnherrn des Realismus, nur eine einzige, überdies eher nebensächliche Arbeit gezeigt wird, so freut man sich doch im nächsten über manch unerwartete Begegnung. Zum Beispiel mit den erstaunlichen Überblickslandschaften des Heiner Altmeppen, wahren Bravourstücken der Mimesis in ihrem »stillosen« Stil, die den mikroskopischen Detailrealismus eines Jan van Eyck mit dem Panoramablick eines Joachim Patinir zu verbinden scheinen und etwa die Gegend um die Emscher so anmuten lassen, wie wohl nur Gott sie in frühherbstlichen Tagträumen zu entwerfen vermag: als beglückend utopischen Ort für Modelleisenbahn-Betreiber.
Dass dieser gestochen scharfe Superrealismus zwar auf Fotovorlagen zurückgeht, aber die Realität nicht spiegelt, sondern eine aus unterschiedlichen Elementen kombinierte, gleichsam virtuelle Landschaft vorführt, verleiht dem Großformat eine zutiefst barocke Note – als täuschend echt anmutendes Gaukelstück. Auch als eine Reflexion über den unentwegten »Verrat der Bilder« (René Magritte), die sich zwar als Spiegelbild der sichtbaren Welt gerieren mögen, doch zugleich nur ein Abgrund sind, aus dem das Illusorische und Vergängliche des menschlichen Daseins spöttisch zurückblickt.
Je mehr Computerbilder es gibt, desto faszinierender wird der Realismus
In dieser schrägen, prall gefüllten Ausstellung mit ihren fast 200 irgendeinem Realismus verpflichteten Kunstwerken wird man gewiss keinen repräsentativen Überblick erkennen wollen. Dafür lässt sich hier etwas ganz anderes, vielleicht sogar Reizvolleres, Dringlicheres erleben: wie viel uns diese Werke wieder zu sagen haben, vor allem jene des amerikanischen Super Realism im Gefolge der Pop Art, die mit den Bildern der Neuen Sachlichkeit den Parcours dominieren. Erstaunlich, dass uns heute kaum etwas einen solchen Nervenkitzel zu bieten vermag wie die Abbilder jener sichtbaren Welt, welche wir immer mehr aus den Augen und aus unseren Händen zu verlieren drohen. Je öfter wir konfrontiert sind mit simulierten, computerstimulierten, aufwendig inszenierten Attraktionen, desto kostbarer erscheint der möglichst unmittelbare, möglichst unaufgeregte Augenkontakt mit den Dingen und Menschen des alltäglichen Lebens, die so unerschöpflich und so rätselhaft sind in ihrer schieren Erscheinungsweise.
Die Künstler an sich mögen zwar nichts taugen, wie schon Platon mahnte, weil sie letztlich eben nichts anderes seien als Schattenspieler, banale Nachahmer des Gegebenen oder gar gefährliche Augenbetrüger und Illusionisten wie der famose Trompe-l’Œil-Maler aus Haarlem. Aber was schon besitzen wir wirklich von der Welt – wenn nicht eben die Schattenrisse, die sie davon fertigen? Was retten wir von den schmerzlich flüchtigen Erscheinungen des Lebens, wenn nicht ihren Widerschein im Kunstwerk: ein paar Bilder als geheimnisvolle Doppelgänger versunkener Momente?
Die Ausstellung »Realismus – das Abenteuer Wirklichkeit. Courbet – Hopper – Gursky« ist bis zum 24. Mai in der Kunsthalle Emden zu sehen. Anschließend in der Hypo Kunsthalle München. Die Ausstellung »Täuschend echt. Illusion und Wirklichkeit in der Kunst« wird bis zum 24. Mai im Bucerius Kunstforum in Hamburg gezeigt. Die Katalogbände zu den Ausstellungen erscheinen im Hirmer Verlag.
- Datum 15.03.2010 - 17:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Da beschränkt sich die Bandbreite der Täuschung auf das, was gerade greifbar war. Manches passt da rein, weil es gerade KEINE Täuschung ist.
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August Gruss
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