Ausstellungen Verrat der BilderSeite 2/2
Dass dieser gestochen scharfe Superrealismus zwar auf Fotovorlagen zurückgeht, aber die Realität nicht spiegelt, sondern eine aus unterschiedlichen Elementen kombinierte, gleichsam virtuelle Landschaft vorführt, verleiht dem Großformat eine zutiefst barocke Note – als täuschend echt anmutendes Gaukelstück. Auch als eine Reflexion über den unentwegten »Verrat der Bilder« (René Magritte), die sich zwar als Spiegelbild der sichtbaren Welt gerieren mögen, doch zugleich nur ein Abgrund sind, aus dem das Illusorische und Vergängliche des menschlichen Daseins spöttisch zurückblickt.
Je mehr Computerbilder es gibt, desto faszinierender wird der Realismus
In dieser schrägen, prall gefüllten Ausstellung mit ihren fast 200 irgendeinem Realismus verpflichteten Kunstwerken wird man gewiss keinen repräsentativen Überblick erkennen wollen. Dafür lässt sich hier etwas ganz anderes, vielleicht sogar Reizvolleres, Dringlicheres erleben: wie viel uns diese Werke wieder zu sagen haben, vor allem jene des amerikanischen Super Realism im Gefolge der Pop Art, die mit den Bildern der Neuen Sachlichkeit den Parcours dominieren. Erstaunlich, dass uns heute kaum etwas einen solchen Nervenkitzel zu bieten vermag wie die Abbilder jener sichtbaren Welt, welche wir immer mehr aus den Augen und aus unseren Händen zu verlieren drohen. Je öfter wir konfrontiert sind mit simulierten, computerstimulierten, aufwendig inszenierten Attraktionen, desto kostbarer erscheint der möglichst unmittelbare, möglichst unaufgeregte Augenkontakt mit den Dingen und Menschen des alltäglichen Lebens, die so unerschöpflich und so rätselhaft sind in ihrer schieren Erscheinungsweise.
Die Künstler an sich mögen zwar nichts taugen, wie schon Platon mahnte, weil sie letztlich eben nichts anderes seien als Schattenspieler, banale Nachahmer des Gegebenen oder gar gefährliche Augenbetrüger und Illusionisten wie der famose Trompe-l’Œil-Maler aus Haarlem. Aber was schon besitzen wir wirklich von der Welt – wenn nicht eben die Schattenrisse, die sie davon fertigen? Was retten wir von den schmerzlich flüchtigen Erscheinungen des Lebens, wenn nicht ihren Widerschein im Kunstwerk: ein paar Bilder als geheimnisvolle Doppelgänger versunkener Momente?
Die Ausstellung »Realismus – das Abenteuer Wirklichkeit. Courbet – Hopper – Gursky« ist bis zum 24. Mai in der Kunsthalle Emden zu sehen. Anschließend in der Hypo Kunsthalle München. Die Ausstellung »Täuschend echt. Illusion und Wirklichkeit in der Kunst« wird bis zum 24. Mai im Bucerius Kunstforum in Hamburg gezeigt. Die Katalogbände zu den Ausstellungen erscheinen im Hirmer Verlag.
- Datum 15.03.2010 - 17:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Da beschränkt sich die Bandbreite der Täuschung auf das, was gerade greifbar war. Manches passt da rein, weil es gerade KEINE Täuschung ist.
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August Gruss
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