ZEITmagazin: Herr Kaminer , Sie sind für Ihre humorvollen Erzählungen bekannt. Gab es in Ihrem Leben eine Zeit, in der Sie nichts zum Lachen hatten?

Wladimir Kaminer: Ja, in der sowjetischen Armee habe ich gelitten. Ich war ein Außenseiter, weil ich aus Moskau kam. Moskauer waren verhasst, Moskauer waren die Leute, die den anderen die Butter, die Milch, das Fleisch und alles, was gut war, weggegessen haben.

ZEITmagazin: Inwiefern mussten Sie leiden?

Kaminer: Die sowjetische Armee war eine Klassengesellschaft. Es gab immer Sklaven, die die ganze Arbeit machen mussten, und andere, die die Sklaven kontrollierten. Und ich als Hauptstadtkind hatte die besten Chancen, ein Sklave zu werden. Richtig schwierig war es dann im Armeeknast.

ZEITmagazin: Sie im Armeeknast? Wie es kam es dazu?

Kaminer: Na, wegen undisziplinierten Verhaltens logischerweise. Ich habe da vieles angezweifelt.

ZEITmagazin: Offen angezweifelt.

Kaminer: Wenn man versteckt zweifelt, dann merkt das keiner.

ZEITmagazin: Wie wurden Sie für Ihre Zweifel bestraft?

Kaminer: Ich habe zehn Tage bekommen, und dann wurde die Strafe immer wieder verlängert. 

ZEITmagazin: Wie sah der Alltag im Militärgefängnis aus?

Kaminer: Man teilte seine Zelle mit vielen anderen. Die Betten waren an die Wände geschraubt, um ein Uhr nachts wurden sie aufgeklappt, und um fünf wurden sie wieder zugeklappt. Dann musste man arbeiten. Man musste im Gefängnis auch immer rennen, das galt nicht nur für die Gefangenen, sondern auch für die Wärter.