Das Büro von Carine Roitfeld sieht so provisorisch aus, als sei sie gerade erst eingezogen oder würde morgen gehen. Die Wände sind kahl, die Bücherwand ist fast leer, und neben dem Schreibtisch steht ein fahrbarer elektrischer Heizkörper, wie man ihn aus dem Baumarkt kennt. Auf der Fensterbank stapeln sich Zeitschriften, an einem Sessel lehnen Einkaufstüten. Die Assistentin bringt Wasser in einem jener weißen Plastikbecher, die in Krankenhäusern für Urinproben verwendet werden.

Nun wäre dies wenig bemerkenswert, wäre dies nicht das Chefzimmer in der Redaktion der französischen Vogue und fände die folgende Begegnung also nicht in einem Milieu statt, in dem glänzende Oberflächen Standard sind. Für jemanden, der enormes Kapital aus seinem Stilgefühl schlägt, ist Roitfelds Arbeitsplatz überraschend nachlässig ausgestattet. Wer wie sie zum Establishment gehört, verwendet weiße Plastikbecher nicht zufällig. Es sind Signale, gewollte Brüche in einem makellosen Dekor. Fragt sich, was sie damit sagen will.

Carine Roitfeld ist 55 Jahre alt und schmal wie ein Model. Als sie an diesem Januarmorgen auf Stilettos in ihr Pariser Büro stakst, trägt sie einen knielangen schwarzen Rock und ein schwarzes Top, beides eng anliegend, unter einem Mantel mit schwarz-weißem Zebramuster. Sie nimmt hinter ihrem Glasschreibtisch Platz und hängt einen Teebeutel in einen Becher mit heißem Wasser. Den Mantel behält sie an. Vor ihr liegen ein Blackberry und ein Terminplaner aus Papier sowie Einladungen für die Haute-Couture-Schauen, die an diesem Nachmittag beginnen werden. Ein prüfender Blick aus schräg geschnittenen, von schwarzem Make-up tief verschatteten Augen – ein Look, den sie sich vor langer Zeit verpasst hat und dem sie seitdem treu blieb. Dazu gehören auch ihre schulterlang geschnittenen Haare, die sie sich gern ins Gesicht fallen lässt, und hohe Absätze. Carine Roitfeld trägt niemals Ballerinas.

"Heute wird es verkündet, ab heute bin ich Madame la Présidente", sagt sie unvermittelt und hebt ironisch eine ihrer buschigen Augenbrauen. Das Wort " la Présidente" steht einen Moment lang gewichtig im Raum. Roitfeld wird in Frankreich künftig einem Gremium als Präsidentin vorstehen, das Modedesigner am Anfang ihrer Karriere fördert. Nach dem Vorbild des Council of Fashion Designers of America will auch die französische Regierung junge Talente mit Wettbewerben und Stipendien unterstützen. Roitfeld ist sichtlich stolz auf das neue Amt, sie nennt es einen Wendepunkt ihrer Karriere: "Heute treffe ich noch den Industrieminister und nächste Woche jemanden aus dem Kulturministerium. Es reizt mich, an politischer Arbeit beteiligt zu werden. Das habe ich noch nie gemacht, ich mag Herausforderungen."

Die beiden "Grandes Dames" der Mode: Anna Wintour (li.), die Chefin der amerikanischen Vogue und Carine Roitfeld im Januar 2008 bei einem Empfang in New York

Roitfeld ist seit 2001 Vogue- Chefredakteurin, sie gilt als die unkonventionellste und instinktsicherste Blattmacherin ihrer Branche. Außerhalb des Modeklüngels wurde sie vorletztes Jahr schlagartig bekannt, als es kurze Zeit danach aussah, dass sie die mächtige Anna Wintour an der Spitze der amerikanischen Vogue ablösen würde. Deren Name ist auch außerhalb des Modekosmos bekannt, seitdem in dem Bestseller und Film Der Teufel trägt Prada eine unbarmherzige Chefin eines elitären Modemagazins nach Wintours Vorbild porträtiert wurde. Inzwischen haben sich die Gerüchte gelegt, und beide Frauen behielten ihre Posten – doch in gewisser Weise ist Roitfeld als Siegerin aus dem Rennen gegangen. War ehemals Wintour der unangefochtene Star der front row bei den Modenschauen, suchen jetzt alle Augen nach einer zierlichen Frau mit tiefschwarz geschminkten Augen, der die Haare ins Gesicht hängen. Was trägt sie heute? Wie schlägt sie die Beine übereinander? Kommt sie mit Handtasche oder ohne? Auf Mode-Blogs werden weltweit alle Details ihrer Outfits diskutiert. Stellt etwa der Sartorialist, König aller Mode-Blogger, ein Foto von ihr auf die Seite, folgen Hunderte Kommentare.

Roitfeld ist das Idol der modeinteressierten Netzgeneration, ihr unangestrengter Stil spricht das Modeverständnis junger Leute an, die plumpen Markenfetischismus von echtem Stilgefühl zu unterscheiden wissen. Diese eigensinnigen Experten interessiert es nicht, welcher Filmstar zu welchem Anlass welche Marke trägt – ihre Sympathie gilt den Nonkonformisten, deren Klasse man nirgendwo kaufen kann. Sie nehmen sich Figuren wie Roitfeld zum Vorbild, die nicht nur durch die Plastikbecher in ihrem kargen Büro signalisiert, dass sie mit Konventionen spielt und sich nicht vereinnahmen lässt. So gesehen ist das Internet der ideale Resonanzboden für eine Frau, die für Unvorhersehbarkeit und Brüche steht, die sogar im Jeansrock mondän aussieht, weil sie ihn mit einer Jacke von, sagen wir, Balenciaga kombiniert und sich den Gürtel möglicherweise um den Hals bindet statt um die Taille. Dass sie dabei nie lächerlich wirkt, zeugt von ihrem feinen Sinn für Stil. Roitfeld ist eine der einflussreichsten Stylistinnen der Welt und hat es als eine der ganz wenigen dieser Profession an die Spitze eines großen Hochglanzmagazins geschafft. Noch heute stylt sie alle wichtigen Modestrecken selbst.

"Details machen den Unterschied. Die Beschaffenheit einer Strumpfhose zum Beispiel", sagt sie und zupft zum Beweis an ihren tiefschwarzen Nylonstrümpfen, die einer an sich klassischen Rock-Stiefel-Kombination das Damenhafte nehmen. Dann trommelt sie mit den Fingerspitzen auf die Schreibtischplatte, lautstark klacken ihre dunkel lackierten Nägel auf dem Glas. "Das hier ist mein neuestes Ding", sagt sie, "lange Fingernägel. Wie auf einem Foto von Helmut Newton. Ich wollte schon immer wie ein Newton-Girl aussehen, aber mir fehlt der passende Körper."