Vogue-Chefin Carine Roitfeld Madame Rock'n'Roll
Carine Roitfeld, die wilde Chefin der französischen "Vogue", zählt zu den Großen der Modewelt. Warum wird sie so verehrt?
© Amy Sussman/Getty Images for IMG

Aus der Ferne wirkt sie durchaus arrogant: Carine Roitfeld, Chefin der französischen "Vogue", während der New York Fashion Week
Das Büro von Carine Roitfeld sieht so provisorisch aus, als sei sie gerade erst eingezogen oder würde morgen gehen. Die Wände sind kahl, die Bücherwand ist fast leer, und neben dem Schreibtisch steht ein fahrbarer elektrischer Heizkörper, wie man ihn aus dem Baumarkt kennt. Auf der Fensterbank stapeln sich Zeitschriften, an einem Sessel lehnen Einkaufstüten. Die Assistentin bringt Wasser in einem jener weißen Plastikbecher, die in Krankenhäusern für Urinproben verwendet werden.
Nun wäre dies wenig bemerkenswert, wäre dies nicht das Chefzimmer in der Redaktion der französischen Vogue und fände die folgende Begegnung also nicht in einem Milieu statt, in dem glänzende Oberflächen Standard sind. Für jemanden, der enormes Kapital aus seinem Stilgefühl schlägt, ist Roitfelds Arbeitsplatz überraschend nachlässig ausgestattet. Wer wie sie zum Establishment gehört, verwendet weiße Plastikbecher nicht zufällig. Es sind Signale, gewollte Brüche in einem makellosen Dekor. Fragt sich, was sie damit sagen will.
Carine Roitfeld ist 55 Jahre alt und schmal wie ein Model. Als sie an diesem Januarmorgen auf Stilettos in ihr Pariser Büro stakst, trägt sie einen knielangen schwarzen Rock und ein schwarzes Top, beides eng anliegend, unter einem Mantel mit schwarz-weißem Zebramuster. Sie nimmt hinter ihrem Glasschreibtisch Platz und hängt einen Teebeutel in einen Becher mit heißem Wasser. Den Mantel behält sie an. Vor ihr liegen ein Blackberry und ein Terminplaner aus Papier sowie Einladungen für die Haute-Couture-Schauen, die an diesem Nachmittag beginnen werden. Ein prüfender Blick aus schräg geschnittenen, von schwarzem Make-up tief verschatteten Augen – ein Look, den sie sich vor langer Zeit verpasst hat und dem sie seitdem treu blieb. Dazu gehören auch ihre schulterlang geschnittenen Haare, die sie sich gern ins Gesicht fallen lässt, und hohe Absätze. Carine Roitfeld trägt niemals Ballerinas.
"Heute wird es verkündet, ab heute bin ich Madame la Présidente", sagt sie unvermittelt und hebt ironisch eine ihrer buschigen Augenbrauen. Das Wort "la Présidente" steht einen Moment lang gewichtig im Raum. Roitfeld wird in Frankreich künftig einem Gremium als Präsidentin vorstehen, das Modedesigner am Anfang ihrer Karriere fördert. Nach dem Vorbild des Council of Fashion Designers of America will auch die französische Regierung junge Talente mit Wettbewerben und Stipendien unterstützen. Roitfeld ist sichtlich stolz auf das neue Amt, sie nennt es einen Wendepunkt ihrer Karriere: "Heute treffe ich noch den Industrieminister und nächste Woche jemanden aus dem Kulturministerium. Es reizt mich, an politischer Arbeit beteiligt zu werden. Das habe ich noch nie gemacht, ich mag Herausforderungen."
© Bryan Bedder/Getty Images

Die beiden "Grandes Dames" der Mode: Anna Wintour (li.), die Chefin der amerikanischen Vogue und Carine Roitfeld im Januar 2008 bei einem Empfang in New York
Roitfeld ist seit 2001 Vogue-Chefredakteurin, sie gilt als die unkonventionellste und instinktsicherste Blattmacherin ihrer Branche. Außerhalb des Modeklüngels wurde sie vorletztes Jahr schlagartig bekannt, als es kurze Zeit danach aussah, dass sie die mächtige Anna Wintour an der Spitze der amerikanischen Vogue ablösen würde. Deren Name ist auch außerhalb des Modekosmos bekannt, seitdem in dem Bestseller und Film Der Teufel trägt Prada eine unbarmherzige Chefin eines elitären Modemagazins nach Wintours Vorbild porträtiert wurde. Inzwischen haben sich die Gerüchte gelegt, und beide Frauen behielten ihre Posten – doch in gewisser Weise ist Roitfeld als Siegerin aus dem Rennen gegangen. War ehemals Wintour der unangefochtene Star der front row bei den Modenschauen, suchen jetzt alle Augen nach einer zierlichen Frau mit tiefschwarz geschminkten Augen, der die Haare ins Gesicht hängen. Was trägt sie heute? Wie schlägt sie die Beine übereinander? Kommt sie mit Handtasche oder ohne? Auf Mode-Blogs werden weltweit alle Details ihrer Outfits diskutiert. Stellt etwa der Sartorialist, König aller Mode-Blogger, ein Foto von ihr auf die Seite, folgen Hunderte Kommentare.
Roitfeld ist das Idol der modeinteressierten Netzgeneration, ihr unangestrengter Stil spricht das Modeverständnis junger Leute an, die plumpen Markenfetischismus von echtem Stilgefühl zu unterscheiden wissen. Diese eigensinnigen Experten interessiert es nicht, welcher Filmstar zu welchem Anlass welche Marke trägt – ihre Sympathie gilt den Nonkonformisten, deren Klasse man nirgendwo kaufen kann. Sie nehmen sich Figuren wie Roitfeld zum Vorbild, die nicht nur durch die Plastikbecher in ihrem kargen Büro signalisiert, dass sie mit Konventionen spielt und sich nicht vereinnahmen lässt. So gesehen ist das Internet der ideale Resonanzboden für eine Frau, die für Unvorhersehbarkeit und Brüche steht, die sogar im Jeansrock mondän aussieht, weil sie ihn mit einer Jacke von, sagen wir, Balenciaga kombiniert und sich den Gürtel möglicherweise um den Hals bindet statt um die Taille. Dass sie dabei nie lächerlich wirkt, zeugt von ihrem feinen Sinn für Stil. Roitfeld ist eine der einflussreichsten Stylistinnen der Welt und hat es als eine der ganz wenigen dieser Profession an die Spitze eines großen Hochglanzmagazins geschafft. Noch heute stylt sie alle wichtigen Modestrecken selbst.
"Details machen den Unterschied. Die Beschaffenheit einer Strumpfhose zum Beispiel", sagt sie und zupft zum Beweis an ihren tiefschwarzen Nylonstrümpfen, die einer an sich klassischen Rock-Stiefel-Kombination das Damenhafte nehmen. Dann trommelt sie mit den Fingerspitzen auf die Schreibtischplatte, lautstark klacken ihre dunkel lackierten Nägel auf dem Glas. "Das hier ist mein neuestes Ding", sagt sie, "lange Fingernägel. Wie auf einem Foto von Helmut Newton. Ich wollte schon immer wie ein Newton-Girl aussehen, aber mir fehlt der passende Körper."
Erotik ist ein Leitmotiv in Roitfelds Arbeit. Als Tom Ford sie in den neunziger Jahren als Stylistin für Gucci anheuerte, entwickelten die beiden gemeinsam mit dem Fotografen Mario Testino einen Look, der als porno chic die etwas angestaubte Marke zum Label des Jahrzehnts beförderte. Hautenge Kleidung und katzenhafte Posen wurden stilprägend – sowie tiefschwarz geschminkte Augen und, natürlich, Killerabsätze beziehungsweise ai iels, wie es aus Roitfelds Mund klingt.
In dieser Saison finden sich in den Kollektionen französischer Designer zahlreiche Anspielungen an Roitfelds Stil: Der rock chic von Häusern wie Balmain und Givenchy mit seinen Röhrenjeans, Michael-Jackson-Jacken und kunstvoll zerlöcherten T-Shirts lässt sich auf ihren Einfluss zurückführen, auch der strenge Sex-Appeal eines eng anliegenden Trenchcoatkleides der Luxusmarke Céline.
Wie erklärt die Pariserin ihre ungewöhnliche Wirkmacht? "Mein Team und ich, wir sind alle sehr französisch, aber französisch mit einem Touch Rock ’n’ Roll." Ähnlich sieht es der deutsche Fotograf Ralph Mecke, der seit Jahren in Paris lebt, mit Porträtaufnahmen für die französische Vogue unter Roitfelds Vorgängerin Joan Juliet Buck bekannt wurde und auch fürs ZEITmagazin arbeitet: "Roitfeld ist auf eine bestimmte Art extrem französisch. Sie entspricht aber nicht dem Klischee der unnahbaren, gepflegten Pariserin, sondern verkörpert einen coolen, frivolen, ein bisschen verruchten Sex-Appeal." Als Mecke an die Seine zog, fiel ihm auf, dass die Frauen dort stets und überall flirten. Diesen selbstbewussten Umgang mit weiblicher Sexualität sieht er in Roitfeld gespiegelt, genauso wie die Bereitschaft, für Schönheit und Stil zu leiden, die jeder Pariserin von klein auf vermittelt wird. Roitfeld überschreitet selbst holperigstes Straßenpflaster souverän auf Stilettos und hat plumpe Ugg-Boots aus ihrer Redaktion verbannt.
Außer für ihre subtile Verführungskunst ist Roitfeld für provokantes Styling bekannt. Fotostrecken, die sie gestaltet hat, erkennt man an ihrer Anzüglichkeit und am Humor. Danach gefragt, ob sie vor dem Erscheinen eines Heftes je schlecht geschlafen habe, schüttelt sie heftig den Kopf. Außerdem: "Ich gehe nie absichtlich ein Risiko ein und provoziere nie um der Provokation willen. Aber wir in der Vogue verabscheuen Political Correctness und nehmen uns die Freiheit, unsere Ideen zu verwirklichen." Auf dem Höhepunkt des Rinderwahnsinns ließ sie ein Model zusammen mit einem Schlachter fotografieren – viel Fleisch, scharfe Messer, Blut. Außerhalb der Modewelt wurde das als skandalös empfunden. Dass Roitfeld die Geschichte trotzdem als "Erfolg" in Erinnerung hat, "weil die Leute den Humor begriffen haben", zeigt, wie wenig das Urteil der Allgemeinheit für sie zählt – und wie sehr das dieser exklusiven Community. Im Übrigen findet sich Roitfeld, auch wenn ihre Fotos "vielleicht ein bisschen verrückt" seien, "sehr normal". "Ich bin kein Punk, verstehen Sie? Ich lasse mir keine Tattoos machen und bin seit fast dreißig Jahren mit demselben Mann zusammen." Sie führt auf eine gewisse Art ein bodenständiges Leben, jedenfalls so bodenständig, wie man das Leben einer Frau nennen kann, die seit fast vierzig Jahren mit den besten Fotografen, schönsten Frauen und begehrtesten Kleidungsstücken der Welt arbeitet.
Roitfelds Familie mütterlicherseits ist urfranzösisch – beziehungsweise, wie sie betont, urpariserisch: Ihr Großvater gehörte zu den Gründern der berühmten Satirezeitschrift Le Canard enchaîné, vielleicht rührt ja daher ihr ausgeprägter Sinn für Humor. Die Familie ihres Vaters stammt aus Odessa und floh vor den Kommunisten nach Wien, wo Roitfelds Vater Jacques zur Welt kam. Von Wien zogen die Roitfelds weiter nach Berlin. Dort ging Jacques zur Schule, und sein Vater, ursprünglich Rechtsanwalt, baute sich eine Karriere als Filmproduzent auf. Über fünfzehn Jahre blieb die Familie in Berlin, nach Hitlers Machtergreifung floh sie nach Paris. Der Name ihres Großvaters sei mit den Namen anderer jüdischer Kulturschaffender, die vor den Nationalsozialisten fliehen mussten, auf einer Gedenktafel in Berlin vermerkt, erzählt Roitfeld, und es klingt ein bisschen stolz. Sie fühlt sich der familiären Vergangenheit verbunden: "Etwas in mir ist sehr russisch. Ich liebe diese Kultur und feiere jedes Jahr das russische Neujahrsfest."
Jacques folgte seinem Vater in die Filmindustrie und produzierte in Paris viele, allerdings wenig bekannte Filme. "Mein Vater war mein Mentor, er war mein Gott", sagt Carine Roitfeld, "seinetwegen wollte ich Erfolg haben, er sollte stolz auf mich sein." Jacques Roitfeld starb 1999, da war sie eine gefeierte Stylistin, aber von ihrem Durchbruch zur Chefredakteurin noch zwei Jahre entfernt. Doch sein Einfluss kennzeichnet ihre Arbeit bis heute. Ihr Vater sei auf altmodische Art elegant gewesen, sagt Roitfeld. "Er führte dieses typische Filmbranchenleben aus den sechziger Jahren: fast jede Nacht im Club, viele Zigarren, viel Whisky. Einmal bin ich mit ihm zum Festival nach Cannes gefahren. Ich war siebzehn, und die Leute dachten, ich sei seine Freundin. Das hat mir gefallen."
Jacques Roitfeld genoss, auch wenn er kein herausragender Filmproduzent war, großes Ansehen. "Oft kamen Leute zu uns nach Hause und baten ihn um Rat. Er war eine Art Pate in seiner Branche und galt als charakterfest", erinnert sich die Tochter. "Er hat in schwierigen Situationen geschickt vermittelt. Das finde ich eine großartige Fähigkeit. Ich hoffe, ich habe ein bisschen davon geerbt."
Das Wort "Patin" fällt oft, wenn man in der Modebranche nach Carine Roitfelds Führungsstil fragt. Sie verlässt sich auf einen kleinen Kreis von Eingeweihten – darunter der Fotograf Mario Testino und die Moderedakteurin Emmanuelle Alt. Die Vogue führt sie, wie es heißt, so fürsorglich, als handele es sich bei ihren Mitarbeitern um Familienmitglieder. "Wenn jemandem aus dem Team etwas gut gelingt, freut sich Carine am allermeisten", sagt die Stylistin Antje Winter, die jahrelang eng mit Roitfeld zusammengearbeitet hat. Machtspiele und strenge Hierarchien seien Roitfeld zuwider, erzählt Winter, sie nehme ihre Assistentinnen grundsätzlich zu Glamourterminen mit, sei es ein Hausbesuch bei Madonna oder eine Oscar-Verleihung. Wenn Hotelzimmer knapp sind, teilt sie ein Bett. "Wir waren beste Freundinnen", sagt Winter. Vor allem eine Reise nach Moskau ist ihr in Erinnerung geblieben: "Carine schmiss die leeren Wodkagläser über die Schulter und tanzte auf dem Tisch. Sie kann wirklich komplett loslassen."
Auch Roitfelds Magazin hat die Anmutung eines Familienalbums: Manche Seiten sind mit handschriftlichen Kommentaren und Polaroids so persönlich wie ein Tagebuch gestaltet. Manches Personal taucht immer wieder auf: Kate Moss, Sofia Coppola, Tom Ford. Oft wirkt es, als mache Roitfeld ein Magazin von Freunden für Freunde. So vermittelt sie ihren Lesern das Gefühl, sie seien Teil einer coolen Clique – dazu passt der Name Vogue Paris, wie die französische Vogue genau genommen heißt: Sie trägt, anders als etwa die Ableger des Magazins aus Italien, Russland und den USA, die Exklusivität der Modemetropole im Namen. Die Auflage ist mit rund 130.000 gar nicht so hoch, wie man angesichts des immensen Einflusses vermuten würde, aber was zählt schon diese Zahl, wenn man weiß, dass die wenigen Leser dieses Hefts die weltweit wichtigsten Menschen der Modebranche sind?
Ob die coole Clique in Zeiten der schnellen Mode-Blogs so weitermachen kann? "Überall sieht man inzwischen aktuelle Laufstegfotos. Deshalb müssen wir unseren Lesern etwas bieten, das sie nirgendwo sonst finden. Herausragende Modefotografie zum Beispiel oder Personen, die man nicht erwartet. Einmal im Jahr widmen wir eine komplette Ausgabe der Vogue einer außergewöhnlichen Persönlichkeit – wie gerade Laetitia Casta. So ein Heft findet man nirgendwo sonst, es hat Sammlerwert." Trotzdem: Roitfeld gibt zu, dass die Vogue auf den vielstimmigen Dialog über Mode im Internet bisher nur unzulänglich reagiert hat. Sie deutet auf ihren fast leeren Schreibtisch: "Wie Sie sehen, habe ich keinen Computer – also, ich habe natürlich einen Computer, aber der ist hier in der Schublade…" Sie dreht sich um und deutet auf eine Lade in der Regalwand.
Ein Computer in der Schublade? Einen Moment lang wirkt Roitfeld wie ein Kind, das dabei ertappt wurde, seine Hausaufgaben nicht ordentlich gemacht zu haben. Ähnlich kindlich wundert sie sich: "Gelegentlich lese ich Mode-Blogs und staune, was die alles wissen und wie viele Meinungen da zusammenkommen."
Erkundigt man sich in der Modewelt nach ihr, hört man stets: "Sie ist viel freundlicher, als sie aussieht." Aus der Ferne wirkt Roitfeld arrogant – doch für eine Frau, die sich seit Jahren an der Spitze einer intriganten Branche hält, ist sie überraschend vertrauensvoll. Vor ein paar Jahren erzählte sie einer britischen Zeitung arglos, dass sie jeden Tag einen Tranquilizer nehme und ohne Schlaftabletten nicht zur Ruhe komme. Abgesehen davon, dass die Franzosen traditionell ein entspanntes Verhältnis zu Medikamenten haben – hat sie keine Angst um ihren Ruf? Roitfeld stutzt, dann sagt sie: "Manchmal bin ich etwas naiv. Aber Schlafprobleme habe ich, seit ich wegen des vielen Fliegens permanent im Jetlag bin. Den Tranquilizer habe ich inzwischen abgesetzt, jetzt nehme ich Melatonin, das ist viel weniger schädlich. Oder ein Glas Wodka, das hat denselben Effekt. Außerdem habe ich immer eine kleine blaue homöopathische Pille dabei – wenn ich nervös werde, nehme ich ein Viertel davon. Das ist für mich und die Leute, mit denen ich arbeite, besser so."
Auch über Christian Restoin, seit über dreißig Jahren der Mann an ihrer Seite, spricht Roitfeld offen. Mit Restoin hat sie zwei Kinder, Julia und Vladimir, 29 und 27 Jahre alt. Beide leben in New York. Restoin hat in den achtziger Jahren mit seiner Modefirma Equipment, bekannt vor allem für lässige Seidenhemden, ein Vermögen gemacht. Als Roitfeld Vogue-Chefredakteurin wurde, verkaufte er die Firma, um ihr den Rücken freizuhalten. "Er ist der Grund, warum ich heute hier bin", behauptet Roitfeld, "ohne Christian wäre ich ein völlig anderer Mensch. Ich musste nie arbeiten, um Geld zu verdienen, sondern habe es immer aus Vergnügen getan, das macht einen riesigen Unterschied."
Restoin begleitet Carine Roitfeld fast nie in der Öffentlichkeit. Er wolle kein "Monsieur Roitfeld" sein, sagt seine Frau. "Aber er gibt mir immer gute Ratschläge. Vor allem anfangs, als ich plötzlich so viele Leute führen musste, hat er mir geholfen. Ich habe ihm problematische Situationen geschildert, und er hat mir gesagt, wie ich da rauskomme. Von ihm bekomme ich die besten Ideen. Wenn ich unschlüssig bin, welches Titelbild ich auswählen soll, frage ich ihn."
So viel Freimut ist ungewöhnlich in einer Branche, die von Narzissmus und Abhängigkeiten geprägt ist und in der die meisten Menschen in ständig wechselnde Rollen schlüpfen. Der Autor und Filmemacher Loïc Prigent, der gelegentlich für sie arbeitet, sagt über Roitfeld: "Sie muss sich nie etwas beweisen, sondern lebt nach dem Lustprinzip." Es ist die Unabhängigkeit, die Roitfeld von ihren Kolleginnen abhebt. "Wenn ich Chefredakteurinnen frage, was sie gerade anhaben, weichen sie aus, weil sie keinen Anzeigenkunden verprellen wollen. Anders Carine. Sie zählt bereitwillig jeden einzelnen Designer auf und freut sich über jedes gelungene Teil", sagt Prigent. Roitfeld sei von echter Leidenschaft für das Schöne getrieben. "Zeig ihr ein Paar gute Schuhe, und der Tag ist gerettet. Zeig ihr ein Paar besonders gute Schuhe, und das Jahr ist gerettet."
Sollte Roitfeld doch einmal schlechte Laune bekommen, könnte sie die Schublade öffnen und ihren Computer herausnehmen. Im Internet gibt es eine Website, auf der sie wie eine Heldin verehrt wird. I want to be a Roitfeld heißt die Seite, auf der viele Details über sie und ihre Familie zusammengetragen sind. Öffentlich zugängliche Fotos von ihrem Pariser Appartement stehen neben Informationen über ihren bevorzugten Tranquilizer Lexomil. "Ich würde diese Bloggerin gern mal fragen, wie sie an ihre Informationen kommt. Neulich habe ich in einem völlig unbekannten chinesischen Restaurant gegessen, und am nächsten Tag stand ein Foto der Speisekarte auf dem Blog", wundert sich Roitfeld, die Königin der Hochglanzpresse, über die guten Rechercheure aus dieser fremden neuen Onlinewelt.
Sie wirkt ein bisschen amüsiert über die Ehre, als könnte sie es noch nicht ganz glauben: Sie, deren Job es eigentlich ist, Models und Designern einen großen Auftritt zu verschaffen, ist nun selbst zur Fashion-Ikone geworden.
- Datum 04.03.2010 - 06:49 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 04.03.2010 Nr. 10
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Danke für diesen exzellenten Artikel, der C. Roitfeld sehr gut beschreibt. Ich liebe ihr Lebensmotto:
http://bit.ly/yVoTeK
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