Es ist ein reichlich paradoxes Bild, das die Situation vor 20 Jahren am besten beschreibt: Im Herbst 1989 lag Leipzig am Boden. Wie eine alte Diva dämmerte die Stadt vor sich hin. Erschöpft, bot sie kaum mehr als eine gründerzeitliche Ruinenlandschaft. Mit einem grauen Antlitz und einer schwarzen Lunge ließ sie jeden erschrecken, dem dieser Anblick neu war; der Leipzig nicht kannte oder aus eigenem Erleben wusste, dass es sich hier dennoch leben ließ – wenn auch häufiger gegen die Stadt als mit ihr, in einer Art Widerstand, die einer trotzigen Selbstbehauptung glich.

Vor allem deshalb gingen die Leipziger im Jahr 1989 auf die Straße. Sie wollten den Sozialismus reformieren und, keinen Deut weniger wichtig: ihre Stadt retten. Die Folgen dieses Aufbegehrens sind bekannt. Es riss das ganze Land mit sich und brachte die Mauer zum Einsturz.

1989 fiel die Berliner Mauer. Hintergründe, Videos, Kommentare und eine interaktive Zeitleiste © Gerard Malie/afp/Getty Images

Schon Tage später kamen die ersten Westdeutschen nach Leipzig. Fremde, die für einen längeren Zeitraum bleiben wollten und nicht wie ehedem die Messegäste zweimal im Jahr anreisten, wieder wegfuhren und die Stadt hernach irgendwie sich selbst überließen. Durch die Augen dieser Fremden wurden die Leipziger sich noch einmal selbst gewahr, nahmen sie ihre Heimatstadt völlig neu in den Blick und endlich auch in ihren Besitz. Plötzlich lag im Niedergang ein Versprechen. Mit einem Mal lag in der Vergangenheit eine Option auf Zukunft.

"Ich glaube nicht, dass ich in eine andere DDR-Stadt so sehr mit Haut und Haaren gegangen wäre", bezeugt Ursula Lehmann-Grube. Und ihr Mann Hinrich, der erste Oberbürgermeister nach der Wende, pflichtet bei: "In Dresden hätte ich nicht OB sein wollen."

Das ist die Paradoxie, die ich meine: Am Scheitelpunkt des Niedergangs begannen für Leipzig die wahrscheinlich besten Jahre der Nachkriegszeit, luden die Trümmer zum Tanzen ein. Es waren Jahre voller Träume, hochgesteckter Ziele und Illusionen, geprägt von ehrlichem Aufbau-Elan und naivem Größenwahn. Diese Zeit ist heute vorüber. Im Nachhinein erscheint sie wie ein kurzes Aufbäumen, bevor erneut zwar kein Niedergang, aber doch eine Suche nach sich selbst beginnen sollte, die bis heute andauert.

In den vergangenen Wochen habe ich viele dieser ersten Wessis getroffen, die damals in Leipzig ankamen. Ihre Lebenswege lassen Aufbruch und Neuanfang, die das Jahr 1989 für die Ostdeutschen markieren, einmal von der anderen Seite betrachten. Sie lassen jene Zeit als das begreifen, was sie bis heute längst nicht für alle ist: eine deutsch-deutsche Erzählung, eine Begegnung, eine Zäsur für beide Seiten.

Bis auf Ursula Lehmann-Grube sind es ausschließlich Männer gewesen, so als setzte der Wechsel vom geordneten Leben West in den Ausnahmezustand Ost eine Art Söldnermentalität voraus. Als musste man mehr als nur Grenzgänger sein, nämlich auch Glücksritter und Idealist, Falschmünzer und Abenteurer. Single nicht unbedingt, aber unabhängig auf jeden Fall.

Außerdem brauchte es einen Bezug zur DDR. Der war vielschichtig, musste nicht nur autobiografisch, sondern konnte auch intellektueller Natur sein. Hinrich Lehmann-Grube, der am 4. April 1990 noch die DDR-Staatsbürgerschaft annahm, stammt aus Königsberg. Er führt sein Engagement im Osten auf sein preußisches Pflichtbewusstsein zurück. Der Journalist Bert Holterdorf hatte die achtziger Jahre in West-Berlin verbracht und war damals oft nach drüben in den Prenzlauer Berg gefahren. Udo Reiter, der Intendant und erste Mitarbeiter des MDR, hatte sich während seines Studiums auf DDR-Literatur spezialisiert. Die Eltern des Fotografen Martin Jehnichen stammten aus Sachsen, er hatte die Sommerferien oft bei seinen Großeltern verbracht.

 

Bert Holterdorf hatte Deutschland bereits, endgültig, wie er damals annahm, den Rücken gekehrt und war nach Irland ausgewandert. Vor dem Fernsehbildschirm erlebte er den Umbruch und hatte das Gefühl, etwas zu verpassen. Am 16. November 1989 in Leipzig angekommen, kann sich der Westfale mit Recht als einen der ersten Wessis der Stadt bezeichnen. Nur wenige Tage später bezog er einen Schreibtisch bei der Leipziger Volkszeitung (LVZ); die Suche nach einem Fernschreiber hatte ihn dorthin getrieben, und schon machte er eine erste, tief gehende Erfahrung: Gepackt von der Euphorie des Umbruchs, ging er wie selbstverständlich davon aus, dass auch die Journalisten der LVZ auf den Demos gewesen seien. Die aber blickten ihn entsetzt an und verneinten. Mehr noch, an den Montagen verließen sie bereits nachmittags die Redaktion und flüchteten nach Hause. Aus Angst, das Volk könnte kommen und die direkte Konfrontation suchen. Bert Holterdorf wundert sich noch heute darüber: "Da findet in der Stadt eine Revolution statt, und die Lokalzeitung steckt den Kopf in den Sand."

Für die Neuen war alles anders. Von einem Tag auf den anderen und in einer Radikalität, die man sich im Nachhinein nicht mehr vorstellen kann. Da waren auf den ersten Blick profane Dinge. Es gab kaum Telefone. Es fehlte an freien Wohnungen: Die DDR existierte noch, und der Fall einer Vermietung an einen Bewohner des NSW, also des Nichtsozialistischen Wirtschaftsraumes, kam in den Gesetzen nicht vor. Udo Reiter, der zuvor in München gewohnt hatte, kam in einer kleinen Plattenbauwohnung unter; der eigentliche Mieter wich zu seiner Freundin aus. Die Bleibe lag im siebten Stock, wenn der Fahrstuhl kaputt war, hatte der im Rollstuhl sitzende Reiter ein Problem. Bert Holterdorf zog zu den Connewitzer Hausbesetzern; Martin Jehnichen wurde selbst zu einem. Und der erste Leipziger Wirtschaftsdezernent Christian Albert Jacke logierte anfänglich in einer Betriebswohnung der VEB Baustoffversorgung, direkt neben dem Reichsbahn-Ausbesserungswerk am Hauptbahnhof, wo rund um die Uhr gearbeitet wurde und Lautsprecheransagen durch die Nacht tönten. Auch das eine Art Notunterkunft.

Es gab kaum Restaurants. Der Bielefelder Jehnichen erinnert sich: "Wir sind oft durch die Straßen gegangen und haben was zu Essen gesucht." Um schließlich in der Mitropa am Bahnhof zu landen. Bockwurst, Grilletta, Würzfleisch und Steak au four. Und in den Läden gab es noch nicht viel zu kaufen, das würde sich erst nach der Währungsunion ändern: Die in Hamburg aufgewachsene Ursula Lehmann-Grube begleitete ihren Mann auf Termine nach Berlin, um dort ins KadeWe zu fahren und Lammsteaks zu erstehen.

Alle sind sich einig: Wer das nach westlichen Maßstäben eher entbehrungsreiche Leben in Leipzig scheute oder schlicht nicht ertrug, der blieb nicht lange. Der war schnell wieder weg. Und noch einmal kommen die Frauen ins Spiel. Viele Wessi-Ehefrauen meldeten sich bei Ursula Lehmann-Grube zum Tee. Sie war in Sachen Ost-Umzug zu einer Expertin geworden, wurde um Rat gebeten und hatte ein Kriterium ersonnen, mit dem sich leichthändig die Spreu vom Weizen trennen ließ. Sie fragte ihre Gäste nach den Urlauben aus: Wer es gern bequem hatte und kein Risiko einging, kurzum: Wellness bevorzugte, wie man heute sagen würde, der konnte eigentlich seine Koffer packen. Wellness war Leipzig in jener Zeit nämlich nicht.

Aber das Leben warf auch schwerer wiegende Fragen auf. Einer Sache ließ sich mit den im Westen gemachten Erfahrungen nicht beikommen, eines war Neuland und vermintes Gelände zugleich: "Die Leute hatten Abgründe. Man wusste nie, mit wem man es zu tun hatte", sagt Holterdorf.

Martin Jehnichen hatte bereits 1988 ein halbes Jahr als DAAD-Auslandsstudent in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Das möblierte Zimmer, in dem er wohnte, gehörte einer Familie, die keine war. Dass die Frau eigentlich alleinstehend und der Ehemann in Wahrheit ein Mitarbeiter der Staatssicherheit war, der den 26-Jährigen ausspähen sollte, erfuhr Jehnichen erst Jahre später. Zum Glück, möchte man sagen, vielleicht wäre er sonst nicht nach Leipzig zurückgekehrt. Aber auch im Herbst 1989 sei er hier nicht "mit offenen Armen empfangen worden". Vielleicht aus Angst, vielleicht aus Unsicherheit, vielleicht aus Scham? An der Tür des academixer-Kellers, in dem sich damals die Szene traf, wurde er mehr als einmal abgewiesen. Und so resümiert Jehnichen über seine Anfangszeit in Leipzig: "Wenn ein Amerikaner nach Bielefeld gekommen wäre, hätte er mehr Aufmerksamkeit erzeugt."

Männer wie Holterdorf, Jehnichen und auch Thilo Egenberger, der als fliegender Händler in der Innenstadt Werkzeuge verkaufte und an manchen Tag mehrere Tausend DDR-Mark einnahm – sie alle kamen eher aus einem persönlichen denn aus einem beruflichen Interesse. Weil sie den Umbruch in Leipzig spannend fanden, dabei sein wollten. Sie waren jung, und ihr Leben im Westen war noch nicht in geordneten Bahnen verlaufen.

Hinrich Lehmann-Grube gab seine Funktion als Oberstadtdirektor in Hannover auf und krönte an der Pleiße seine Karriere als Kommunalpolitiker; Udo Reiter, zuvor Hörfunkdirektor des Bayrischen Rundfunks, wurde zum Intendanten ernannt. Ob ihnen das im Westen auch gelungen wäre, muss dahingestellt bleiben. Aber beide, das darf man nicht vergessen, gaben in der Heimat etwas auf und wagten einen Sprung ins Ungewisse. "Ich bin mit einem hohen Risiko des Scheiterns nach Leipzig gegangen", sagt Lehmann-Grube. Keiner von ihnen hatte Erfahrungen, wie man eine Plan- in eine Marktwirtschaft überführt, demokratische und transparente Verwaltungsstrukturen quasi aus dem Nichts aufbaut oder eine freie Medienlandschaft in einem bisher unfreien Land installiert.

 

Christian Albert Jacke ist in gewisser Weise eine Mischung aus beiden Typen. Er war jung und machte im Osten schnell Karriere. Als Partner einer Hannoveraner Wirtschaftsberatung kam er früh nach Leipzig, lernte hier Lehmann-Grube kennen und wurde im Oktober 1990 im Alter von nur 30 Jahren vom Stadtrat zum Wirtschaftsdezernenten gewählt. Mit einem Schlag wurde ihm damit eine gewaltige Verantwortung übertragen: Neben der Wirtschaftsförderung und den kommunalen Versorgungsunternehmen kümmerte er sich vor allem um rund 7000 Liegenschaften, die aus teils unübersichtlichen, mehrere Generationen und politische Systeme überdauernden Eigentumsverhältnissen in private Hände überführt werden mussten.

Dabei kam es auf einen "Dreiklang aus persönlicher Integrität, besonderem Fleiß und fachlicher Sicherheit" an, sagt Jacke. Die Dimension des Wortes Integrität kann man heute nur noch erahnen, sie ist in der weich gepolsterten Realität des Rechtsstaates kaum mehr vorstellbar. Aber nach der Währungsunion und durch den schrittweisen Wegfall von DDR-Strukturen glitt die Stadt in einen schwer zu definierenden Zustand; sie war in dem, was verschwand, und dem, was kam, gleichermaßen ein Provisorium. An jeder Ecke roch es nach Geld, viel Geld, und man träumte von goldenen Zeiten. Beinahe 100 Bankfilialen und mehr als 4000 Makler soll es damals in Leipzig gegeben haben. Innenstadtobjekte wurden bisweilen für 12.000 D-Mark pro Quadratmeter verkauft; am Westberliner Ku’damm zahlte man "nur" 8000 Mark. Leipzig, so schien es, würde sich in Zukunft mit München, der teuersten Stadt Westdeutschlands, messen können. Und jeder, der an dieser Prognose –daran, dass "Leipzig kommt"– zweifelte, wurde verlacht, als Pessimist beschimpft, oder ihm wurde schlicht der Realitätssinn abgesprochen.

Das zog Menschen an, die es gut meinten, aber auch jene, die nichts als das große Geschäft witterten. Der Fall des "Baulöwen" Schneider, der sich nach seiner Pleite als Menschenfreund gerierte, dem es allein um historische Bausubstanz gegangen sein will, ist hierfür zum Synonym geworden. Und so sei es durchaus nicht ungewöhnlich gewesen, als Wirtschaftsdezernent von einer "Bordsteinschwalbe aus Grimma" eine Innenstadtimmobilie für vier Millionen Mark oder andernorts plötzlich eine Kalaschnikow für 300 Mark angeboten zu bekommen, erzählt Jacke. Diesen Reizen nicht zu erliegen, aber gleichzeitig das rege Klima, dem sie entstammten, zumindest ein Stück weit zu befördern, dürfte wohl die realistische Jobbeschreibung des Newcomers Jacke gewesen sein. Schnell, sehr schnell konnte man da in unseriöse Machenschaften geraten. Das hätte für die Stadt in vielfacher Hinsicht Schaden bedeutet. "Vertrauen herzustellen war damals eine wichtige Aufgabe", sagt Jacke und meint damit das Vertrauen der Bürger wie das der Investoren gleichermaßen.

An den Leipzigern selbst sind die turbulenten Anfangsjahre natürlich nicht unbemerkt vorbeigegangen. Kaum einer konnte sich der Boomstimmung jener Zeit entziehen. Einige werden profitiert, andere sich verschätzt und überhoben haben.

Genaue Zahlen hierüber sind nicht zu ermitteln. Aber kaum einer wird bestreiten, dass diese Stimmung heute lange vorbei ist; dass nach dem kurzen, hochfahrenden Aufbruch eine lange, zähe Ära der Konsolidierung begann. Jahre, in denen das neue Messegelände eingeweiht wurde, der Bahnhof in neuem Licht erstrahlte, der Interkontinentalflughafen für Mitteldeutschland gebaut wurde, man die hoch subventionierte Media-City gründete und sich BMW, Porsche und die Postfrachttochter DHL ansiedelten. Jahre, in denen aber auch mehr als 80.000 Leipziger ihre Stadt in Richtung Westen verließen – und von denen, die blieben, zeitweise mehr als 20 Prozent arbeitslos waren. Es gelang nicht, allen Bewohnern der Stadt ein gesichertes Auskommen, eine Existenz zu garantieren.

Mitunter erscheint mir die Stadt in den letzten Jahren ein wenig müde, reagiert sie gereizt auf jede Art kühnen Plan, auf Visionen und hochfliegende Prophezeiungen. So war der Citytunnel, schon lange bevor er zum Millionengrab wurde, ein Projekt, das in der Bevölkerung auf wenig Akzeptanz stieß. In den ersten Jahren nach dem Mauerfall passierte in ihren Mauern so viel, die Jahre zogen beinahe wie Jahrhunderte an ihr vorbei. Nun will sie sich ausruhen, sie ist auf eine andere Art ausgelaugt als 20 Jahre zuvor und sehnt sich nach nicht viel mehr als einem festen Platz, einer gesicherten Identität, nach einer Daseinsberechtigung.

Von den ersten Westdeutschen in Leipzig indes sind einige heimisch geworden, andere nicht. Für das Ehepaar Lehmann-Grube war es keine Frage, auch nach dem Ausscheiden von Hinrich Lehmann-Grube aus dem Amt des Oberbürgermeisters in Leipzig zu bleiben. Udo Reiter sagt gar: "In Leipzig habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Wurzeln geschlagen, heute bin ich hier zu Hause." Und auch die Einschränkung, die Martin Jehnichen macht, ist in diesem Sinne gar keine Einschränkung mehr: "In meinen Gedanken ist die Wende noch immer jeden Tag präsent. Eine gewisse Fremdheit ist dabei immer noch da. Ein Rest von Beobachterblick, auch wenn ich natürlich kein Beobachter mehr bin."