Personenrätsel Lebensgeschichte
Sein Leben begann in eher bescheidenen Verhältnissen, aber wohlbehütet. Zwar hatte der einzige Sohn eines Stenografen und Gastwirts den Vater schon in jungen Jahren verloren, doch fand sich dessen früherer Arbeitgeber als eine Art Mäzen und später ein Stiefvater, die die entstandene Lücke allmählich schlossen. Beide förderten den begabten Jungen, denn sie erkannten sein Interesse an Sprache, Literatur und Geschichte. Und wenn es auch nicht für den erstrebten Schulabschluss reichte, so landete er doch immerhin als Hilfsschreiber bei Gericht, der erste Schritt in Richtung Berufsziel.
Keine zwei Jahrzehnte später war er ein wegen seiner klugen Gedanken beachteter und geschätzter Zeitgenosse geworden. Ein Kollege lobte ihn für »das sicher sitzende Wort, den knappen und locker schwingenden Rhythmus seiner Sätze, die geheime Ironie der Anspielungen, oft humorig überglänzt«. Doch was Bewunderung unter Seinesgleichen auslöste, führte andererseits auch zu Abwehr und Hass. Warum ein so wacher Kopf wie er allerdings glaubte, die drohende Gefahr selbst dann noch ignorieren zu können, als sie schon überdeutlich zu spüren war – das ist bis heute ein Rätsel geblieben. Warum hörte er nicht auf die Freunde, die ihm rieten zu gehen? Er aber tat sogar das Gegenteil: Suchte und fand eine größere Wohnung für sich, seine Frau und die 13-jährige Tochter und kratzte alle finanziellen Reserven zusammen für Möbel und Hausrat, um sie einzurichten – einen schlechteren Zeitpunkt hätte er sich dafür nicht aussuchen können.
Vielleicht glaubte er ja immer noch, das Private sei und bleibe privat, denn natürlich hatte er auch Gründe für sein Handeln: Bekannt ist zum Beispiel, dass ihn über Jahre immer wieder Geldsorgen belasteten und ihm daher womöglich der Mut fehlte zur Veränderung – aus Angst, endgültig zu verarmen. Auch quälte ihn die Sorge um seine alkoholkranke Frau. Die Urenkelin einer indischen Prinzessin hatte ihn in den Anfangsjahren der Ehe selbstlos in seinem Werdegang unterstützt und ihn dann an seine Arbeit verloren, die ihm zum Lebenssinn wurde. »Du bist der Magnet, der zuerst an das starre Eisen gerührt hat«, bedankte er sich bei ihr in einem seiner Briefe, mit denen er ihre einstige Liebe beschwor. Doch da war sie schon lange krank, weil sie seine Abwesenheit und die Einsamkeit nicht ertrug. Hatte er gehofft, dass sie in der neuen Wohnung wieder glücklicher werden würden?
Dazu kam es nicht mehr. Stattdessen trafen sie sich Jahre später im abgelegenen Zimmer eines Krankenhauses wieder. Nur wenige gemeinsame Monate sollten dem nun Schwerkranken und seiner Frau noch vergönnt sein, obwohl sie erstmalig sogar Geld für ein besseres Leben gehabt hätten. Dass seine gutgläubige Frau es auch noch an einen Betrüger verlor, wirkt wie eine weitere bittere Fußnote zu der ganzen traurigen Geschichte. Wer war’s?
Lösung aus Nr. 9:
Seinem Großonkel, dem Humanisten Johannes Reuchlin, verdankte Philipp Schwarzerdt (1497 bis 1560) den gräzisierten Namen Melanchthon. Geboren im kurpfälzischen Bretten, bezog er zwölfjährig die Universität Heidelberg, danach studierte er in Tübingen. Mit 16 Jahren war er Magister, 1518 erschien seine Grammatik des Griechischen. Im selben Jahr erhielt er einen Ruf an die Universität Wittenberg und schloss sich Martin Luther an. Mit seinen »Loci communes« (1525) formulierte er die erste evangelische Dogmatik, sein »Augsburger Bekenntnis« von 1530 wurde zum Dokument der Spaltung. Seine Bemühungen um Ausgleich machten ihn den orthodoxen Lutheranern, den Zwinglianern und den Katholiken gleichermaßen verdächtig
- Datum 01.03.2010 - 12:55 Uhr
- Quelle ZEITmagazin, 04.03.2010 Nr. 10
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