Ryszard Kapuściński An der Borderline
War der große Reporter Ryszard Kapuściński auch ein Dichter?
© AFP

Ryszard Kapuscinski in seinem Warschauer Büro im Jahr 2003
Der Reporter kommt an, ein Schuss fällt. Das Opfer sinkt in seine Arme und haucht die letzten Worte: »Morgen um fünf, die Revo…« Und tatsächlich findet zur genannten Zeit ein Staatsstreich statt. Es gibt Reporter, die immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Der 2007 verstorbene Ryszard Kapuściński gehörte zu dieser Spezies. Wo immer es brannte, er war da, und oftmals war er der einzige schreibende Zeuge. Er hat von den Umstürzen und Aufbrüchen in der postkolonialen Ära berichtet und jenseits der immergleichen Stereotype ein anderes, ein empathisches Bild der sogenannten Dritten Welt gezeichnet. Er wurde von uns Korrespondenten bewundert und beneidet, seine polnischen Landsleute adelten ihn als »Journalisten des Jahrhunderts«.
Nun ist eine Biografie erschienen, die das Denkmal demontiert. Artur Domoslawski, ein Vertrauter Kapuścińskis, behauptet, der Weltreporter habe in seinen Reportagen nicht nur kräftig manipuliert, sondern Geschichten erdichtet und sogar Begegnungen erfunden, zum Beispiel mit Che Guevara oder Patrice Lumumba. Kapusciński – ein Lügenbaron? So weit geht der Biograf nicht, aber er weist nach, dass es sein Held mit den Grenzen zwischen Literatur und Journalismus nicht so genau nahm. Er war ein Borderline-Schreiber, der bisweilen Fakten und Fiktionen vermischte.
Aber haben sich nicht auch die Journalisten Ernest Hemingway oder Graham Greene in dieser Schattenzone bewegt, ehe sie Großschriftsteller wurden? Entsprachen die schillernden Afrika-Depeschen eines Winston Churchill der kolonialen Wirklichkeit? Schwingt nicht bei allen Kriegsberichterstattern – und noch mehr bei Kriegsberichterstatterinnen! – die Selbstheroisierung mit? Die Wahrnehmung ist stets subjektiv und durch selektive Erkenntnisinteressen eingefärbt. Nicht die Tatsachen seien entscheidend, sondern die Vorstellungen, die wir uns über Tatsachen machen, pflegte die ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff im Geiste Immanuel Kants zu sagen.
Der Fall Ryszard Kapuściński lehrt: Es gibt keinen objektiven Journalismus. Dennoch gilt jenseits des hermeneutischen Zweifels das Gebot der journalistischen Wahrhaftigkeit: Wir wissen nicht, ob ein Ereignis tatsächlich so war, aber wir beschreiben nach bestem Wissen und Gewissen, wie es gewesen sein könnte. Ryszard Kapuściński verletzte dieses Gebot, er ist entzaubert als unbestechlicher Chronist. Fortan müssen wir ihn als reisenden Literaten lesen, dessen Erzählungen zwischen Dichtung und Wahrheit oszillieren. Allein, er bleibt unser moderner Herodot: ein scharfsinniger Analytiker der Macht, der Gewalt, der Armut, des Unrechts, der den kalten, imperialen Blick auf die Verlierer dieser Welt durchbrochen hat.
- Datum 08.03.2010 - 11:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren