Stuttgart Die Sünderstaffel hinauf
Dialektgebruddel und graue Straßenschluchten? Anna Katharina Hahn kam nicht freiwillig nach Stuttgart zurück. Italienisches Licht und zarte Pansenstreifen lassen sie nun nicht mehr los
Der Ort hat sich mir mit einer Unverschämtheit aufgedrängt, die fast schon perfide war. Erleichtert hatte ich ihm den Rücken gekehrt, mich ihm verweigert, einen wahren Analphabetismus bezüglich seiner Struktur und seiner Straßenzüge entwickelt. Ich wusste gerade noch, wo seine wichtigsten Bauwerke standen. Es war leicht, Stuttgart nicht zu lieben – Wassersuppe, die in einem Kessel blubbert, geschmückt von ein paar wirtschaftlich relevanten Fettaugen.
Ich hasste die Stadt mit der unbändigen Kraft des Außenseiters. Hierher konnte ich nicht gehören, hinter diese sichtverstellenden Hügel und Wälder, unter diese drückende Käseglocke aus Dialektgebruddel und Selbstzufriedenheit. Mich zog es nach Norden, nach Hamburg, wo die Nacht bei denen, die nicht beten, im Regen Wacht hält, wie ich mir von Wolfgang Borchert einflüstern ließ. Nach zehn Jahren Hansestadt ging ich nach Berlin.
- Die Autorin
Anna-Katharina Hahn, 39, stammt aus Stuttgart, gleich nach dem Abitur zog es sie nach Norden. Sie studierte Germanistik, Anglistik und europäische Ethnologie in Hamburg und lebte viele Jahre in der Hansestadt, auch kurze Zeit in Berlin. Vor sechs Jahren kehrte sie als Wirtschaftsflüchtling nach Stuttgart zurück, wo auch ihr Debüt »Kürzere Tage« (Suhrkamp) spielt
- Information Stuttgart
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Anreise: Airberlin fliegt zum Beispiel von Hamburg oder Germanwings von Berlin-Schönefeld von Montag bis Freitag. Vom Flughafen fährt die S-Bahn in circa 25 Minuten in die Innenstadt. Mit dem Pkw auf der A?8 Richtung Karlsruhe-Stuttgart-München. Mit der Bahn zum Beispiel von Hannover in 3 Stunden 50 Minuten nach Stuttgart
Viertel: Das Gründerzeit-Viertel südlich der Stuttgarter Innenstadt, über das Anna-Katharina Hahn schreibt, wird Heusteig- oder Lehen-Viertel genannt - benannt nach den dortigen Hauptstraßen
Unterkunft: Im Heusteig- und Lehenviertel gibt es keine nennenswerten Unterkünfte. Das Schlösschen zur Weinsteige liegt jedoch nicht weit entfernt - und zentral zur Innenstadt gelegen. Hinter dem seit den 50er-Jahren bestehenden Hotel Wörtz wurde das 2002 das Schlösschen eröffnet, 7 Zimmer in einem Schlösschen im mediterran anmutenden Garten mit einem großen Koi-Teich. Hohenheimer Strasse 28-30, Tel. 0711/236 70 00, www.zur-weinsteige.de, DZ ab 124 Euro
Essen: Das beste schwäbische Essen im Stuttgarter Süden gibt es - dies eine Empfehlung von Anna-Katharina Hahn - in folgenden zwei Restaurants: Weinstube Kochenbas, Immenhofer Straße 33, Tel. 0711/60 27 04, www.kochenbas.de, Di-So 11.30-14.00 Uhr und 17.30-23.30 Uhr. In der urigen Gaststube und dem lauschigen Garten wird Schwäbisches wie Saure Nierle oder Maultaschen serviert, dazu Weine aus der Region Römerhof, Filderstraße 25, Tel. 0711/640 73 63, Di-So 18-24 Uhr. Bodenständiges Eckrestaurant. Serviert werden riesige Fleischportionen
Auskunft: Tel. 0711/222 80, www.stuttgart-tourist.de
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Wo sich bei anderen im Laufe der Jahre ein engmaschiges Netz über eine Stadt legt, in dessen Knüpfwerk Straßen, Plätze und Bauten mit dem eigenen Leben verbunden werden, gab es bei mir nur noch ein trauriges Gebaumel loser Stricke: Da war der braune Sandsteinblock meiner Schule, des Königin-Katharina-Stifts in der Schillerstraße, flankiert von der Hängebrücke und den beiden Staatsgalerien. Über jeder Klassenzimmertür war ein Tiermosaik eingelegt. Diese Totemtiere boten allerdings keinen Schutz gegen nagelbeißende Ängste, die meine Wege über die breiten Treppen mit den schmiedeeisernen Geländern begleiteten. Da war, nur ein paar Hundert Meter entfernt und sozusagen als Gegengift, das »Große Haus«, die Staatsoper, bis unter das grünspanige Dach gefüllt mit Träumen, verschlungenen Schritten und Musik wie ein zum Abheben bereites Luftschiff, sanft vertäut am eckigen Ufer des Theatersees. Da war der Schienenstrang einer ächzenden Straßenbahn, in deren gelb-schwarzem Raupenkörper ich von diesen beiden Orten zurück in das hoffnungslos verbaute Dorf am Neckarhafen fuhr, durch den Osten der Stadt und seine Insignien: den Gaskessel, die Schlachthöfe, die Württembergische Fettschmelze und Häuteverwertung und die von Arbeitern wimmelnden Hallen des Kodak-Komplexes. Da war die Wilhelma, die Stätte unzähliger Sonntagvormittage. Hinter dem zart gefügten Mauerwerk der maurischen Paläste mit ihren halbmondbekrönten Kuppeln wuchsen Magnolienbäume und uralte Kamelien, breitete sich ein von Elefanten, Pampashasen und Mähnenschafen bevölkerter Königsgarten aus, dessen Lage im Gewirr von Schnellstraßen ich ebenso ignorierte wie die Nähe zu der tapferen Kannenstadt und ihren Mineralquellen. Es gab nur den eleganten Aufgang, flankiert von brandroten Blumenreliefs, an dessen Ende der grüne Kartenpavillon stand und Eintritt für zwei Stunden Paradies versprach. Die fantastische Landschaft, die hier aufgebaut worden war, musste die gleiche sein, die auch den Kleinen Muck, Said, Fatme und die übrigen Mitglieder der Hauffschen Märchenkarawane hervorgebracht hatte.
- Datum 11.03.2010 - 10:39 Uhr
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- Serie Reise meines Lebens
- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Vielen Dank für diesen schönen und sensiblen Aufsatz! Als Exil-Stuttgarter, der schon viele Jahre nicht mehr die Gelegenheit hatte, seine Heimatstadt zu besuchen, musste ich gerade ein paar Tränen verdrücken. Danke!
Der Blick des flüchtigen Besuchers perlt meist ernüchtert ab. Doch dem Abenteurer, der den Dingen auf den Grund gehen will, erschließt sie sich nach und nach.
Etwas hemdsärmelig, immer bodenständig, manchmal großmannssüchtig, doch liebenswürdig – der Liebe würdig. So ist Stuttgart.
Danke für dieses Portrait, das unserer Stadt ein verdientes Zeugnis ausstellt.
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