Der Ort hat sich mir mit einer Unverschämtheit aufgedrängt, die fast schon perfide war. Erleichtert hatte ich ihm den Rücken gekehrt, mich ihm verweigert, einen wahren Analphabetismus bezüglich seiner Struktur und seiner Straßenzüge entwickelt. Ich wusste gerade noch, wo seine wichtigsten Bauwerke standen. Es war leicht, Stuttgart nicht zu lieben – Wassersuppe, die in einem Kessel blubbert, geschmückt von ein paar wirtschaftlich relevanten Fettaugen.

Ich hasste die Stadt mit der unbändigen Kraft des Außenseiters. Hierher konnte ich nicht gehören, hinter diese sichtverstellenden Hügel und Wälder, unter diese drückende Käseglocke aus Dialektgebruddel und Selbstzufriedenheit. Mich zog es nach Norden, nach Hamburg, wo die Nacht bei denen, die nicht beten, im Regen Wacht hält, wie ich mir von Wolfgang Borchert einflüstern ließ. Nach zehn Jahren Hansestadt ging ich nach Berlin.

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Wo sich bei anderen im Laufe der Jahre ein engmaschiges Netz über eine Stadt legt, in dessen Knüpfwerk Straßen, Plätze und Bauten mit dem eigenen Leben verbunden werden, gab es bei mir nur noch ein trauriges Gebaumel loser Stricke: Da war der braune Sandsteinblock meiner Schule, des Königin-Katharina-Stifts in der Schillerstraße, flankiert von der Hängebrücke und den beiden Staatsgalerien. Über jeder Klassenzimmertür war ein Tiermosaik eingelegt. Diese Totemtiere boten allerdings keinen Schutz gegen nagelbeißende Ängste, die meine Wege über die breiten Treppen mit den schmiedeeisernen Geländern begleiteten. Da war, nur ein paar Hundert Meter entfernt und sozusagen als Gegengift, das "Große Haus", die Staatsoper, bis unter das grünspanige Dach gefüllt mit Träumen, verschlungenen Schritten und Musik wie ein zum Abheben bereites Luftschiff, sanft vertäut am eckigen Ufer des Theatersees. Da war der Schienenstrang einer ächzenden Straßenbahn, in deren gelb-schwarzem Raupenkörper ich von diesen beiden Orten zurück in das hoffnungslos verbaute Dorf am Neckarhafen fuhr, durch den Osten der Stadt und seine Insignien: den Gaskessel, die Schlachthöfe, die Württembergische Fettschmelze und Häuteverwertung und die von Arbeitern wimmelnden Hallen des Kodak-Komplexes. Da war die Wilhelma, die Stätte unzähliger Sonntagvormittage. Hinter dem zart gefügten Mauerwerk der maurischen Paläste mit ihren halbmondbekrönten Kuppeln wuchsen Magnolienbäume und uralte Kamelien, breitete sich ein von Elefanten, Pampashasen und Mähnenschafen bevölkerter Königsgarten aus, dessen Lage im Gewirr von Schnellstraßen ich ebenso ignorierte wie die Nähe zu der tapferen Kannenstadt und ihren Mineralquellen. Es gab nur den eleganten Aufgang, flankiert von brandroten Blumenreliefs, an dessen Ende der grüne Kartenpavillon stand und Eintritt für zwei Stunden Paradies versprach. Die fantastische Landschaft, die hier aufgebaut worden war, musste die gleiche sein, die auch den Kleinen Muck, Said, Fatme und die übrigen Mitglieder der Hauffschen Märchenkarawane hervorgebracht hatte.

 

Der Mercedes-Stern auf dem Bahnhofsturm erinnert an einen bedeutenden Industriezweig der Stadt

Nie habe ich etwas aufgeschrieben, was mit Stuttgart zusammenhing, zur Niederschrift taugte höchstens das abseitige Dorf der Kindheit. So blieb das aus wenigen Knoten geknüpfte Netz locker. Ich schlüpfte hindurch und floh.

Schließlich war ich gezwungen, die verhasste und mehr als ein Jahrzehnt lang ignorierte Landeshauptstadt erneut zu betreten, um dort zu bleiben. Zu leben. Zu arbeiten. Ich fühlte mich schlecht. Meinen Sohn auf dem Arm und eine hässliche violette Nylonreisetasche im Gepäckfach über mir, hörte ich die Tüte Schusterjungen unter meinem Sitz im Augenblick des Abhebens von Berlin-Tegel nach hinten durchrutschen, auf Nimmerwiedersehen. So wie auf die Schusterjungen musste ich auch auf Berlin verzichten, auf die Finowstraße, ihre rußschwarzen und pastellbunten Fassaden, und Nachbar Heinze in Militärcargos und weißem Unterhemd auf einem Klappstuhl unter den davor duftenden Linden, auf die wogenden Süßgräser über den Generalsgräbern des Friedhofs an der Friedensstraße, das historische Klohäuschen am Boxhagener Platz, das immer erbärmlich gestunken hat, und das stille gelbe Abendlicht über der Samariterkirche, all die Dinge, die mich immer exotisch und fremd angelockt hatten, die ich täglich hatte entdecken und kosten wollen. Nun sollte ich mit einem schäbigen Ersatz abgespeist werden.

Der Empfang in Stuttgart war nicht freundlich: Der Fernsehturm zeigte mir seinen betonierten Stinkefinger über den waldigen Hängen des Hohen Bopser, als ich mit grämlicher Miene im Taxi saß. Über dem Hauptbahnhof, diesem wuchtigen Stadttor aus Muschelkalk, drehte sich bläulich weiß und stolz der Daimlerstern, und das links und rechts an den Straßenrändern aufgebaute Geschachtel löste keinerlei Rührung aus.

Angewidert durchquerte ich von nun an die Straßen, von reinem Zweckdenken getrieben. Wo ist ein Bäcker? Ein Spielplatz? Kiosk? Café? Es war unmöglich, zur Ruhe zu kommen, die Stadt gebärdete sich wie ein aufdringliches Tantchen. Sein Hut war garniert mit den wenigen Üppigkeiten, die es aus den guten Zeiten herübergerettet hatte: Schlossplatz, Stiftskirche, Jubiläumssäule mit grünspaniger Eintrachtsmaid. Sie rückte mir auf die Pelle, schmiegte sich an und brabbelte unaufhörlich, bettelte um Aufmerksamkeit, verwüstet vom Krieg und von den wild um sich betonierenden Aufbaujahren. Sie war hässlich in ihrem eng geknöpften grauen Mantel, ihrem Außenbild, das man als Erstes wahrnimmt: die Schluchten der Theodor-Heuss-Straße, die verkohlte Leiche des Rathausturmes, vermauert hinter den Korallenkalkplatten als Wächter über eine zugige Plattform, die Einheitsbauten der Fußgängerzone entlang der Königsstraße und die grollende Verkehrsschneise der Planie, die den Stadtkern durchtrennt. Es fiel mir schwer, genauer hinzusehen, aber ich gab schließlich nach. Der graue Stoff ließ bunteres Zeug durchscheinen.

Es begann mit Spaziergängen durch mein Viertel im Süden. Ich war überrascht und fasziniert von den sandsteinernen Bilderbüchern der Gründerzeitfassaden, den stolzen Bürgerhäusern, optimistisch aufgestellt in einer Zeit von Fortschritt und dauerhaft scheinendem Wachstum. Man baute sich Burgen und garnierte sie mit Königsköpfen, Nixen, flügelspannenden Fledermäusen und Granatäpfeln. Ich verschaffte mir unter Vorwänden Zutritt zu fremden Treppenhäusern (Stromablesung), weil im obersten Stockwerk das Blütengewirr hundertjähriger Buntglasscheiben leuchtete. Dass diese Entdeckerfreude einmal darin gipfeln sollte, Figuren meines ersten Romans in solchen Häusern wohnen zu lassen, ahnte ich damals noch nicht.

 

Von der Wielandshöhe sieht man auf Weinberge und Reihenhäuser

Unübersichtlich Verstreutes ordnet sich am besten von oben. Eine wachsende Neugier auf die Unbekannte im Tal trieb mich die Hänge hinauf und über die Staffeln, jene steilen Treppen, die jeder emporkeuchen muss, der diese Stadt nicht gewohnt ist. Der Marsch über die Stäffele hatte nichts Behäbig-Putziges, vielmehr gab es Momente tiefer Stille und Verwunderung über die Ausblicke, grandios zum Beispiel von der Sünder-, Wächter-, Lorenzstaffel, Verwunderung über die böcklinsche Dunkelheit jenseits der Treppen herabstürzender Gartengrundstücke, über nahezu italienische Lichteinfälle und Düfte. Ich bestieg die Hügel und Hänge rundum, alle mit seltsamen Namen, ein Maul voll Aussprache: Hoher Bopser, Birkenkopf, Frauenkopf, Staibhöhe. Zwischen den häuserbestreuten Hängen lagen immer wieder Wengerte, Weinberge, die mit ihren Rebstecken wie kleine stachelige Decken aussahen. Die waldigen Rücken der Anhöhen fielen sanft ab und öffneten sich für das ins Tal hineinfließende Häusermeer, dessen Türme plötzlich Namen bekamen, ein weiteres Zeichen von Vertrautheit. Die geschwärzten Zwillingsspitzen der Marienkirche und der schlanke "Heslacher Dom", der freundliche Helm der Markuskirche und der weiß gestreifte Burgturm von St. Elisabeth im Westen, die vanillepuddingfarbene Hospitalkirche, das erdige Orange von St. Leonhard, Spitze und Vieleck nebeneinander die Stiftskirche.

Verwöhnt von den Flüssen der Hansestadt, den Ufern der Spree, plagte mich die Sehnsucht nach Wasser, aber es gibt kein traurigeres Rinnsal als den seiner Auen beraubten Neckar, der unbeachtet an Stuttgart vorbeischleicht. Vom unter die Erde verbannten Nesenbach mag ich gar nicht reden. Unverdrossen flutet und springt das Wasser hingegen aus künstlichen Anlagen. Die seltsamste Begegnung mit einem Brunnen hatte ich in Stuttgart-Untertürkheim, wo sich unterhalb der Oberstdorfer Straße eine Miniaturausgabe der Wiener Strudelhofstiege findet. Was Doderer wohl zu dem Brunnen gesagt hätte, der hier grau, schweigsam und kühl Trinkwasser spendet?

Ein Sehnsuchtsort ist der Galatea-Brunnen am Eugensplatz. Prächtig streckt die Bronzefigur ihren grübchenschweren Hintern der Stadt entgegen, und unter ihm stürzen die Fluten von Becken zu Becken, wieder mal flankiert von vielen, sich im Grün verlierenden Stufen. Der Eugensplatz ist nebenbei einer der wenigen Stuttgarter Plätze, die diesen Namen verdienen. Er wird von Menschen, nicht von Autos bevölkert. Die meisten Besucher gieren nach Köstlichkeiten aus dem seit Jahrzehnten legendären Eiscafé Pinguin. Das arktische Wappentier baumelt in einem goldgeschmückten Wirtshausschild und lockt schon von Weitem.

Der Galateabrunnen am Eugensplatz gilt als einer der prächtigsten der Stadt

Schauen wird stets von Hören begleitet. Im Norden hatte ich das schäbige Provinzmäntelchen des Dialekts in die Ecke gepfeffert. Er sorgte nur für peinliche Momente, kein Kellner konnte mir "sauren Sprudel" bringen (die schwäbische Bezeichnung für Mineralwasser, in feiner Unterscheidung zum "süßen Sprudel", mit Zitronengeschmack). Meine frühere Gleichgültigkeit, ja Taubheit für die Bezeichnung der Orte wich einer lauschenden Begeisterung – da gab es die leuchtende Kraft der Flurnamen: Allmendhäule, Doggenburg, Dürrbach, Steinklinge, Pfostenwäldle, Salzlöchle. Da waren die endlosen Reihen der Straßenbahn- und Bushaltestellen. Ich fuhr mit vielen Linien von Endstation bis Endstation und hörte aus den Litaneien der Platz- und Straßennamen die Stadt selbst leise flüsternd ihre Geschichte erzählen. So erinnert "Eszet" an eine der vielen Schokoladenfabriken, die es in Stuttgart noch bis in die sechziger Jahre gab.

Scham stand am Anfang, als ich begann, mich erneut auf das Schwäbische einzulassen. War man nicht ein maultaschenfressender, mülltonnenputzender Pietist, benutzte man diese Sprache wirklich, nahm sie wahrhaftig in den Mund, statt nur spitzlippig und genant Diminutivle auszuspucken? Doch nichts ist stärker als der von der ersten Stunde an eingedrungene Klang, nichts bleibt länger kleben als das Honigbad des Dialekts. Es war eine Wonne, die nie vergessenen Wörter einfach zu verwenden und dabei auch noch verstanden zu werden, sich dem Schwäbischen, diesem peinlichen, lange abgeschüttelten Liebhaber, und seinen manchmal so saugroben Pratzen zur Gänze überlassen zu können. "Ein Pärle Saiten" erbitten ohne preußisches Gekicher im Rücken! Und wie nah ist hierbei das andere, das über die Lippen kommt, das Essen. Sich mit der tröstlichen Wärme saurer Kutteln, der zarten Zottigkeit dieser in Lemberger weich gekochten Pansenstreifen vollschlagen zu können ist reines Antidepressivum, ein Gericht, das alle Widersprüche aufzulösen scheint und mir das Gefühl gibt, heil und ganz zu sein wie in der Kindheit. Das Gleiche gilt für den Gaisburger Marsch, diese eigenwillige Eintopfkomposition aus Spätzle, Rindfleisch und Kartoffeln, die geschmälzten Maultaschen, eine echte Brezel.

 

Der Königsbau, ein Passagengebäude im spätklassizistischen Stil, wurde 1860 von König Wilhelm in Auftrag gegeben

So hat das Netz sich verdichtet und vieles eingefangen, aber auch schon wieder neue Löcher bekommen, denn das große Bauprojekt Stuttgart 21 steht vor der Tür und will die Stadt völlig neu erfinden. Der gerade erst vertraut gewordene Ort wird abermals zum Fremden. Ich muss meine mühsam zusammen gesuchten Puzzlesteine wieder umsortieren.

Der Eingang zum Höhenpark Killesberg ist seit dem Sommer durch einen riesigen Bretterzaun verstellt. Das Messegelände und der beliebte Park mit seinem spiralförmigen Aussichtsturm werden umgebaut. Am ehemaligen Haupteingang schaut man durch die milchigen Rechtecke von Plastikplanen im Bauzaun auf eine gewaltige Grube. Der erste Zettel hängt bereits, ein regengewellter Computerausdruck, das Zeugnis eines Nachbarschaftskrieges: "Am Kochenhof verfüttert eine Familie pro Woche 150 kg Weizen an Stadttauben, wer hat etwas gesehen?"

Ich erinnere mich an alles, was einmal hinter diesen Brettern war: die Wasserspiele am Haupteingang, von Süßwasser umspülte Wogen aus rötlichem Stein, auf denen immer Kinder hüpften, wippten, an Eltern, deren Gesichter beim Anblick dieses Hindernisses erstarrten, an die unvermeidlichen Stürze, die durchnässten Heimfahrten mit der U7. Fort ist auch das Restaurant, dessen außen angeschlagene Speisekarte mein Sohn mir so oft vorgelesen hat, mit mittäglich knurrendem Magen. Wir haben dort nie gegessen, vorbei.

Auf der Brachfläche am Hauptbahnhof ragen schon mehrere Stockwerke des neuen Bibliotheksturms in die Höhe. Ich wünsche den papiernen Bewohnern der jetzigen Stadtbücherei im Wilhelmspalais nichts mehr als ein hohes und teures Haus. Trotzdem besuche ich wehmütig den ehemaligen Wohnsitz Wilhelms II. von Württemberg, außen königliche Säulen, innen Sechziger-Jahre-Bücherschatulle mit großäugigen Lampen, strenger Steintreppe, klapprigem Aufzug. Kaum ein Tag, an dem nicht ein frisches Blumengebinde zu Füßen des bronzenen Herrschers und seiner beiden Spitze liegt. Es wird Verzicht bedeuten, niemals mehr im Sonnenschein auf dem Altan über der Urbanstraße zu sitzen, nie mehr mit schweren Büchertaschen zwischen den Sandsteinpfeilern hervorzutreten.

Ich habe keine Scheu vor dem Wandel, sondern denke eher daran, dass auf Pump Gekauftes immer am teuersten ist und Erneuerungswut nicht davor zurückschreckt, die wenigen Zeugnisse der Geschichte zu opfern, die Stuttgart noch sein Eigen nennt.

Das Wagnis, genau dort hinzusehen, wo ich eigentlich wegsehen wollte, hat sich gelohnt. Es gab Stoff zu entdecken, bunten Stoff unter dem grauen Mantel der aufdringlichen Person, die nicht losließ, furchtlos und treu. Sie zeigte mir jeden Tag etwas Neues, das machte mich nicht zu ihrer Liebhaberin, selten zur Freundin, aber häufig zur dankbaren Zuhörerin. Irgendwann kam der Wunsch auf, eine Handlung dort anzusiedeln, als letzten Schritt eines langen, tastenden Weges.