Der Mercedes-Stern auf dem Bahnhofsturm erinnert an einen bedeutenden Industriezweig der Stadt

Nie habe ich etwas aufgeschrieben, was mit Stuttgart zusammenhing, zur Niederschrift taugte höchstens das abseitige Dorf der Kindheit. So blieb das aus wenigen Knoten geknüpfte Netz locker. Ich schlüpfte hindurch und floh.

Schließlich war ich gezwungen, die verhasste und mehr als ein Jahrzehnt lang ignorierte Landeshauptstadt erneut zu betreten, um dort zu bleiben. Zu leben. Zu arbeiten. Ich fühlte mich schlecht. Meinen Sohn auf dem Arm und eine hässliche violette Nylonreisetasche im Gepäckfach über mir, hörte ich die Tüte Schusterjungen unter meinem Sitz im Augenblick des Abhebens von Berlin-Tegel nach hinten durchrutschen, auf Nimmerwiedersehen. So wie auf die Schusterjungen musste ich auch auf Berlin verzichten, auf die Finowstraße, ihre rußschwarzen und pastellbunten Fassaden, und Nachbar Heinze in Militärcargos und weißem Unterhemd auf einem Klappstuhl unter den davor duftenden Linden, auf die wogenden Süßgräser über den Generalsgräbern des Friedhofs an der Friedensstraße, das historische Klohäuschen am Boxhagener Platz, das immer erbärmlich gestunken hat, und das stille gelbe Abendlicht über der Samariterkirche, all die Dinge, die mich immer exotisch und fremd angelockt hatten, die ich täglich hatte entdecken und kosten wollen. Nun sollte ich mit einem schäbigen Ersatz abgespeist werden.

Der Empfang in Stuttgart war nicht freundlich: Der Fernsehturm zeigte mir seinen betonierten Stinkefinger über den waldigen Hängen des Hohen Bopser, als ich mit grämlicher Miene im Taxi saß. Über dem Hauptbahnhof, diesem wuchtigen Stadttor aus Muschelkalk, drehte sich bläulich weiß und stolz der Daimlerstern, und das links und rechts an den Straßenrändern aufgebaute Geschachtel löste keinerlei Rührung aus.

Angewidert durchquerte ich von nun an die Straßen, von reinem Zweckdenken getrieben. Wo ist ein Bäcker? Ein Spielplatz? Kiosk? Café? Es war unmöglich, zur Ruhe zu kommen, die Stadt gebärdete sich wie ein aufdringliches Tantchen. Sein Hut war garniert mit den wenigen Üppigkeiten, die es aus den guten Zeiten herübergerettet hatte: Schlossplatz, Stiftskirche, Jubiläumssäule mit grünspaniger Eintrachtsmaid. Sie rückte mir auf die Pelle, schmiegte sich an und brabbelte unaufhörlich, bettelte um Aufmerksamkeit, verwüstet vom Krieg und von den wild um sich betonierenden Aufbaujahren. Sie war hässlich in ihrem eng geknöpften grauen Mantel, ihrem Außenbild, das man als Erstes wahrnimmt: die Schluchten der Theodor-Heuss-Straße, die verkohlte Leiche des Rathausturmes, vermauert hinter den Korallenkalkplatten als Wächter über eine zugige Plattform, die Einheitsbauten der Fußgängerzone entlang der Königsstraße und die grollende Verkehrsschneise der Planie, die den Stadtkern durchtrennt. Es fiel mir schwer, genauer hinzusehen, aber ich gab schließlich nach. Der graue Stoff ließ bunteres Zeug durchscheinen.

Es begann mit Spaziergängen durch mein Viertel im Süden. Ich war überrascht und fasziniert von den sandsteinernen Bilderbüchern der Gründerzeitfassaden, den stolzen Bürgerhäusern, optimistisch aufgestellt in einer Zeit von Fortschritt und dauerhaft scheinendem Wachstum. Man baute sich Burgen und garnierte sie mit Königsköpfen, Nixen, flügelspannenden Fledermäusen und Granatäpfeln. Ich verschaffte mir unter Vorwänden Zutritt zu fremden Treppenhäusern (Stromablesung), weil im obersten Stockwerk das Blütengewirr hundertjähriger Buntglasscheiben leuchtete. Dass diese Entdeckerfreude einmal darin gipfeln sollte, Figuren meines ersten Romans in solchen Häusern wohnen zu lassen, ahnte ich damals noch nicht.