Von der Wielandshöhe sieht man auf Weinberge und Reihenhäuser

Unübersichtlich Verstreutes ordnet sich am besten von oben. Eine wachsende Neugier auf die Unbekannte im Tal trieb mich die Hänge hinauf und über die Staffeln, jene steilen Treppen, die jeder emporkeuchen muss, der diese Stadt nicht gewohnt ist. Der Marsch über die Stäffele hatte nichts Behäbig-Putziges, vielmehr gab es Momente tiefer Stille und Verwunderung über die Ausblicke, grandios zum Beispiel von der Sünder-, Wächter-, Lorenzstaffel, Verwunderung über die böcklinsche Dunkelheit jenseits der Treppen herabstürzender Gartengrundstücke, über nahezu italienische Lichteinfälle und Düfte. Ich bestieg die Hügel und Hänge rundum, alle mit seltsamen Namen, ein Maul voll Aussprache: Hoher Bopser, Birkenkopf, Frauenkopf, Staibhöhe. Zwischen den häuserbestreuten Hängen lagen immer wieder Wengerte, Weinberge, die mit ihren Rebstecken wie kleine stachelige Decken aussahen. Die waldigen Rücken der Anhöhen fielen sanft ab und öffneten sich für das ins Tal hineinfließende Häusermeer, dessen Türme plötzlich Namen bekamen, ein weiteres Zeichen von Vertrautheit. Die geschwärzten Zwillingsspitzen der Marienkirche und der schlanke "Heslacher Dom", der freundliche Helm der Markuskirche und der weiß gestreifte Burgturm von St. Elisabeth im Westen, die vanillepuddingfarbene Hospitalkirche, das erdige Orange von St. Leonhard, Spitze und Vieleck nebeneinander die Stiftskirche.

Verwöhnt von den Flüssen der Hansestadt, den Ufern der Spree, plagte mich die Sehnsucht nach Wasser, aber es gibt kein traurigeres Rinnsal als den seiner Auen beraubten Neckar, der unbeachtet an Stuttgart vorbeischleicht. Vom unter die Erde verbannten Nesenbach mag ich gar nicht reden. Unverdrossen flutet und springt das Wasser hingegen aus künstlichen Anlagen. Die seltsamste Begegnung mit einem Brunnen hatte ich in Stuttgart-Untertürkheim, wo sich unterhalb der Oberstdorfer Straße eine Miniaturausgabe der Wiener Strudelhofstiege findet. Was Doderer wohl zu dem Brunnen gesagt hätte, der hier grau, schweigsam und kühl Trinkwasser spendet?

Ein Sehnsuchtsort ist der Galatea-Brunnen am Eugensplatz. Prächtig streckt die Bronzefigur ihren grübchenschweren Hintern der Stadt entgegen, und unter ihm stürzen die Fluten von Becken zu Becken, wieder mal flankiert von vielen, sich im Grün verlierenden Stufen. Der Eugensplatz ist nebenbei einer der wenigen Stuttgarter Plätze, die diesen Namen verdienen. Er wird von Menschen, nicht von Autos bevölkert. Die meisten Besucher gieren nach Köstlichkeiten aus dem seit Jahrzehnten legendären Eiscafé Pinguin. Das arktische Wappentier baumelt in einem goldgeschmückten Wirtshausschild und lockt schon von Weitem.

Der Galateabrunnen am Eugensplatz gilt als einer der prächtigsten der Stadt

Schauen wird stets von Hören begleitet. Im Norden hatte ich das schäbige Provinzmäntelchen des Dialekts in die Ecke gepfeffert. Er sorgte nur für peinliche Momente, kein Kellner konnte mir "sauren Sprudel" bringen (die schwäbische Bezeichnung für Mineralwasser, in feiner Unterscheidung zum "süßen Sprudel", mit Zitronengeschmack). Meine frühere Gleichgültigkeit, ja Taubheit für die Bezeichnung der Orte wich einer lauschenden Begeisterung – da gab es die leuchtende Kraft der Flurnamen: Allmendhäule, Doggenburg, Dürrbach, Steinklinge, Pfostenwäldle, Salzlöchle. Da waren die endlosen Reihen der Straßenbahn- und Bushaltestellen. Ich fuhr mit vielen Linien von Endstation bis Endstation und hörte aus den Litaneien der Platz- und Straßennamen die Stadt selbst leise flüsternd ihre Geschichte erzählen. So erinnert "Eszet" an eine der vielen Schokoladenfabriken, die es in Stuttgart noch bis in die sechziger Jahre gab.

Scham stand am Anfang, als ich begann, mich erneut auf das Schwäbische einzulassen. War man nicht ein maultaschenfressender, mülltonnenputzender Pietist, benutzte man diese Sprache wirklich, nahm sie wahrhaftig in den Mund, statt nur spitzlippig und genant Diminutivle auszuspucken? Doch nichts ist stärker als der von der ersten Stunde an eingedrungene Klang, nichts bleibt länger kleben als das Honigbad des Dialekts. Es war eine Wonne, die nie vergessenen Wörter einfach zu verwenden und dabei auch noch verstanden zu werden, sich dem Schwäbischen, diesem peinlichen, lange abgeschüttelten Liebhaber, und seinen manchmal so saugroben Pratzen zur Gänze überlassen zu können. "Ein Pärle Saiten" erbitten ohne preußisches Gekicher im Rücken! Und wie nah ist hierbei das andere, das über die Lippen kommt, das Essen. Sich mit der tröstlichen Wärme saurer Kutteln, der zarten Zottigkeit dieser in Lemberger weich gekochten Pansenstreifen vollschlagen zu können ist reines Antidepressivum, ein Gericht, das alle Widersprüche aufzulösen scheint und mir das Gefühl gibt, heil und ganz zu sein wie in der Kindheit. Das Gleiche gilt für den Gaisburger Marsch, diese eigenwillige Eintopfkomposition aus Spätzle, Rindfleisch und Kartoffeln, die geschmälzten Maultaschen, eine echte Brezel.