Der Königsbau, ein Passagengebäude im spätklassizistischen Stil, wurde 1860 von König Wilhelm in Auftrag gegeben

So hat das Netz sich verdichtet und vieles eingefangen, aber auch schon wieder neue Löcher bekommen, denn das große Bauprojekt Stuttgart 21 steht vor der Tür und will die Stadt völlig neu erfinden. Der gerade erst vertraut gewordene Ort wird abermals zum Fremden. Ich muss meine mühsam zusammen gesuchten Puzzlesteine wieder umsortieren.

Der Eingang zum Höhenpark Killesberg ist seit dem Sommer durch einen riesigen Bretterzaun verstellt. Das Messegelände und der beliebte Park mit seinem spiralförmigen Aussichtsturm werden umgebaut. Am ehemaligen Haupteingang schaut man durch die milchigen Rechtecke von Plastikplanen im Bauzaun auf eine gewaltige Grube. Der erste Zettel hängt bereits, ein regengewellter Computerausdruck, das Zeugnis eines Nachbarschaftskrieges: "Am Kochenhof verfüttert eine Familie pro Woche 150 kg Weizen an Stadttauben, wer hat etwas gesehen?"

Ich erinnere mich an alles, was einmal hinter diesen Brettern war: die Wasserspiele am Haupteingang, von Süßwasser umspülte Wogen aus rötlichem Stein, auf denen immer Kinder hüpften, wippten, an Eltern, deren Gesichter beim Anblick dieses Hindernisses erstarrten, an die unvermeidlichen Stürze, die durchnässten Heimfahrten mit der U7. Fort ist auch das Restaurant, dessen außen angeschlagene Speisekarte mein Sohn mir so oft vorgelesen hat, mit mittäglich knurrendem Magen. Wir haben dort nie gegessen, vorbei.

Auf der Brachfläche am Hauptbahnhof ragen schon mehrere Stockwerke des neuen Bibliotheksturms in die Höhe. Ich wünsche den papiernen Bewohnern der jetzigen Stadtbücherei im Wilhelmspalais nichts mehr als ein hohes und teures Haus. Trotzdem besuche ich wehmütig den ehemaligen Wohnsitz Wilhelms II. von Württemberg, außen königliche Säulen, innen Sechziger-Jahre-Bücherschatulle mit großäugigen Lampen, strenger Steintreppe, klapprigem Aufzug. Kaum ein Tag, an dem nicht ein frisches Blumengebinde zu Füßen des bronzenen Herrschers und seiner beiden Spitze liegt. Es wird Verzicht bedeuten, niemals mehr im Sonnenschein auf dem Altan über der Urbanstraße zu sitzen, nie mehr mit schweren Büchertaschen zwischen den Sandsteinpfeilern hervorzutreten.

Ich habe keine Scheu vor dem Wandel, sondern denke eher daran, dass auf Pump Gekauftes immer am teuersten ist und Erneuerungswut nicht davor zurückschreckt, die wenigen Zeugnisse der Geschichte zu opfern, die Stuttgart noch sein Eigen nennt.

Das Wagnis, genau dort hinzusehen, wo ich eigentlich wegsehen wollte, hat sich gelohnt. Es gab Stoff zu entdecken, bunten Stoff unter dem grauen Mantel der aufdringlichen Person, die nicht losließ, furchtlos und treu. Sie zeigte mir jeden Tag etwas Neues, das machte mich nicht zu ihrer Liebhaberin, selten zur Freundin, aber häufig zur dankbaren Zuhörerin. Irgendwann kam der Wunsch auf, eine Handlung dort anzusiedeln, als letzten Schritt eines langen, tastenden Weges.