Tennessee Großes Theater!
Ein Schülerwettbewerb in Amerika. Und Julia Schoch aus Potsdam soll mit Freunden den untergegangenen Ostblock vertreten. Die Amis empfangen sie mit der Deutschlandhymne. Die fünf fühlen sich wie Außerirdische. Und federleicht.
© Tennessee Tourism

Zum ersten Mal in Amerika - und dann ausgerechnet in Knoxville
Die Revolution lag gerade ein Jahr zurück, und ein Jahr würde es noch dauern bis zum Abitur. Der tägliche Schulbesuch war alles andere als Trott. Grabenkämpfe unter den Schülern, Lehrer verschwanden, der neue Direktor wurde gemobbt, und an der noch immer ungewohnten Litfaßsäule der Demokratie hingen allerlei Pamphlete und Meinungsbekundungen. In dieser Zeit der kleinen Kriege empfingen mich meine Freunde Hehnlein und Graf wie jeden Morgen im Vestibül, diesmal aber mit der Nachricht, es gebe einen Wettbewerb in AMERIKA. Einen Wettbewerb für Jugendliche, »Odyssey of the Mind«. Die Amis hätten ausgerechnet bei unserer Schule angefragt, ob sie nicht ein Team stellen wolle, das erste aus dem Ostblock. USA, sagte Graf und schaute mich nachdrücklich an. USA. Für ein paar Tage den kleinen Krieg hinter uns lassen. Wir witterten was.
Keiner von uns wusste Genaues. Die Lehrer nur wenig mehr. Das Ganze hatte offenbar mit kreativem Basteln und in unserer Altersstufe auch mit Schauspiel zu tun, wobei vorher festgelegte Aufgaben möglichst unkonventionell gelöst werden mussten. Das Motto für die gewünschte Art von Einfallsreichtum schien zu sein: Denke krumm, und mach aus wenig viel. Das kannten wir, von der Olsenbande und MacGyver.
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Nach einer Reihe von albernen Mal- und Schauspieltests, die unsere Lehrer für uns ersonnen hatten, wurden Hehnlein, Graf, ich und zwei andere tatsächlich offiziell mit dem Auftrag betraut, Schule und Ostblock würdig zu vertreten. Da wir noch keinerlei Erfahrung hatten mit dem Wettbewerb, den es in den USA und einigen anderen Ländern bereits seit Jahren gab, luden uns die Amis großzügig als special guests ein. Und zwar direkt zum Endausscheid nach Knoxville, Tennessee.
Tennessee. Das klang wirklich nach einer Reise.
Erst jetzt machten wir uns genauer mit den Anforderungen vertraut und merkten: Es war einiger Aufwand zu betreiben. Gefordert war ein Theaterstück zum Thema »Die letzten Tage von Pompeji«. Rasch schrieb ich ein Stück für fünf Personen: ein wohlhabender Patrizier, der Besuch bekommt von einem Ehepaar, das ihn nach einem Streit ersticht, wobei der Mann dabei selbst von dem im Todeskampf befindlichen Patrizier erschlagen wird, woraufhin eine Art römischer Sheriff erscheint, der versehentlich aus einem dem Mann zugedachten Giftbecher trinkt, während die raffgierige Ehefrau des Erschlagenen beim Heben einer goldenen Vase an Herzversagen stirbt, wobei das Geschehen von einer dabeistehenden Statue kommentiert wird. Am Ende sollte sich der Vesuv über dieses Natterngezücht menschlicher Gier und Streitsucht ergießen.
Die Länge des Stücks: eine Viertelstunde.
Wir kauften einen Theaterdolch, eine Feuerwerksfontäne für den Vulkanausbruch, töpferten was, legten ein Mosaik, schneiderten uns antike Gewänder, die wir uns von einem Kostümbildner fachmännisch um den Körper wickeln ließen, und bemalten nach dem Prinzip vorher/nachher zwei Laken als Kulissen: Das eine zeigte das reich geschmückte, das zweite das zerstörte Heim des Patriziers.
Unsere Vorbereitungstreffen glichen Subbotniks, diesen gelegentlichen Pflicht-Arbeitseinsätzen, die wir allesamt noch aus unseren Schuljahren im Sozialismus kannten. Wir lümmelten spätnachmittags in leeren Klassenzimmern, probten ein wenig und berieten die Lage. Uns beflügelte weniger die kreative Herausforderung als vielmehr die Information, dass die Amis sämtliche Kosten übernehmen würden. Für die Amis kamen wir aus einer frisch befreiten Zone, waren wir der Geschichte sozusagen von der Schippe gesprungen. Wir hatten es verdient.
- Datum 17.03.2010 - 18:50 Uhr
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- Serie Reise meines Lebens
- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Danke für diese herrliche Anekdote!
Wunderbar, danke!
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