Tennessee Großes Theater!Seite 3/3
Zum Einkaufen, wurden wir nach dieser Expedition (Gelächter: zu Fuß!) belehrt, fahre man in die Shoppingmall. Also wurden wir gefahren. Zu einer einem Hollywood-Ufo nicht unähnlichen Anlage in der Weite eines steppenähnlichen Nichts. Die Bäume waren innen. Künstliche Vegetation, das Geplätscher von Springbrunnen, hier und da Sitzgelegenheiten. Dazwischen kaufte man ein. Ein einziger bestaunenswerter Locus amoenus. Wir blickten schon ein bisschen in die Zukunft Europas hinein auf dieser Reise in die USA. Alles, was dort noch Wunderding war, bekamen wir Jahre später auch auf dem Alten Kontinent zu sehen.
Ganz sicher ist es dieses kinderaugenweite, frohe Herumblicken, das zur Reise des Lebens gehört. Die Gewissheit, dass es sie gibt, eine ganz andere Welt, etwas, das sich wahrhaftig unterscheidet von allem, was man bisher gekannt hat. Das Eintreten in eine andere Zone.
Und mit jedem Tag wurde es angenehmer, an einem Ort zu sein, wo man keine Ahnung von Deutschland hatte. So einfach war es, seine Identität abzuschütteln. Wir fühlten uns federleicht. Unsere amerikanischen Partnerteams wussten kaum etwas von unserem Land – wall? What wall? – und wir beinahe ebenso wenig von ihrem. Wenn wir auf unseren Stuben in den schmuddeligen, rostroten Klinkerbauten glücklich redend zusammenhockten, begann die wahre odyssey of the mind. In Knoxville klang alles, was uns zu Hause beschäftigt hatte, wie ein Filmstoff. Oh yes, Stasi!, sagte irgendwann doch ein Kundiger, fügte aber sogleich mit gespielter Verräterstimme hinzu: I know nothing! Das wurde zum geflügelten Wort, zum Running Gag, es war die Quintessenz dessen, was uns Provinzler verband. Wir verstanden uns, kurz gesagt, prächtig.
Überhaupt war die Reise ein einziges befreites Gelächter. Darüber, dass uns das beinahe schon südstaatenhafte Tennesseeianisch statt »warm up« bis zuletzt »Rollmops« verstehen ließ, dass Hehnlein, der eine dunkel- und keine hellblaue Jeans wollte, zur Verkäuferin in der Shoppingmall gesagt hatte: »This hose is too hell for me!«, und selbst darüber, dass sich der Vulkanausbruch bei der Aufführung nicht wie geplant wirkungsvoll entrollte, sondern als klägliche Lakenwurst auf halber Höhe hängen blieb.
Ach ja, der Wettbewerb: Fünf Minuten vor Beginn kam noch eilig ein Sicherheitsmensch zu uns hinter die Bühne: Auf keinen Fall offenes Feuer! Die Silvesterfontäne durfte nicht regnen, der Vesuv brach nicht aus. Dennoch starben wir fröhlich, mit einem letzten Spruch in Schulenglisch auf unseren Lippen, den pompejischen Tod. Es wurde stürmisch applaudiert. Allerdings war nach einer Woche Knoxville klar: Der Applaus galt weniger unseren schauspielerischen Fähigkeiten oder den dilettantisch zusammengeschusterten Requisiten als vielmehr der Tatsache, dass wir endlich die Freiheit genießen konnten. Die Amis feierten es, die Abgesandten eines Völkchens vor sich zu haben, das es irgendwo auf der Welt geschafft hatte, sich aus den Klauen einer Zwangsherrschaft und so weiter und so fort. Ganz unrecht hatten sie nicht. Diese Reise hatte die Heimat so schrumpfen lassen, wie wir es uns für die Zukunft vorgestellt hatten.
Übrigens, Graf hat heute eine gut gehende Reiseagentur, Hehnlein sammelt als Weltenbummler noch immer Geschichten ein, die er uns erzählt. So wie wir uns die unserer ersten großen Reise noch immer lachend erzählen. Wir Davongekommenen.
- Datum 17.03.2010 - 18:50 Uhr
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- Serie Reise meines Lebens
- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Danke für diese herrliche Anekdote!
Wunderbar, danke!
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