Tibet per Bus Was willst du hier?Seite 4/4
© Margret Nielsen

Nachts erhellen Kerzen die Tempel und Häuser der Stadt
Dann geht es weiter. Eine endlose Ebene entlang, noch einmal bergauf. Seitenstechen und Kopfschmerzen sind schon so lange da, dass ich sie manchmal einfach vergesse. Den höchsten Punkt des Passes ziert eine Stele mit bunten Wimpeln, und mir fällt ein, dass die Tibeter ihre Toten auf Berggipfel legen, wo sie von Geiern gefressen werden.
Sky burial nennt mein Reiseführer das. Als es das nächste Mal dunkel wird, führt die Straße bergab, und es beginnt zu regnen. Bäume tauchen am Straßenrand auf, deren Äste sich im Näherkommen in verzerrte Gliedmaßen verwandeln und nach dem Bus greifen.
Erfolglos versuche ich auszurechnen, wie lange ich nicht geschlafen habe. Wenn der Bus in ein besonders tiefes Schlagloch rast – er rast jetzt wirklich –, geht ein Stöhnen durch die Sitzreihen. Könnte ich klar denken, müsste ich höllische Angst vor einem Absturz in die nächste Schlucht haben, aber mein Gehirn operiert in einer Art Stand-by-Modus, in dem einzig der Wunsch anzukommen ein vernehmliches Signal bildet.
© Margret Nielsen

Der Barkhor ist einer von drei tibetischen Pilgerwegen und führt durch die Altstadt
Als wir Lhasa erreichen, ist Mitternacht vorbei und die Stadt dunkel. Mit weichen Knien steige ich aus. Die Ankunft ist wie ein Aufwachen, ein Schritt zurück in die Wirklichkeit. Ich weiß nicht, ob ich am Ziel meiner Reise bin oder am Anfang – jedenfalls bin ich in Tibet, und mehr will ich im Moment nicht. Einfach hier sein. Schauen und wahrnehmen.
In den nächsten Tagen werde ich kurze Gänge im Umkreis meines Hotels unternehmen, jeden Tag ein paar Meter mehr. Werde nachts seltener mit Erstickungsgefühlen aufwachen. Vom Dach des Jokhang-Tempels beobachte ich die ankommenden Pilger, die sich vor dem Eingang auf den Boden werfen, wieder aufstehen und sich erneut auf dem Boden ausstrecken, so wie sie es entlang der gesamten Strecke nach Lhasa getan haben. Holzstücke schützen notdürftig die Haut ihrer Handflächen. In ihren Exerzitien versuche ich den Ausweis einer Spiritualität zu sehen, zu der mir der Zugang fehlt – und wider Willen bin ich froh, dass er mir fehlt. Unsere Fähigkeit zu verstehen unterliegt Grenzen, und wenn man das weiß, muss es kein Mangel sein. Auch die chinesischen Soldaten und Polizisten bemerke ich, die vielen Überwachungskameras an Laternenpfählen und auf Hausdächern. Einmal muss ich mich vor Horror übergeben, als ein Gefangenentransport durch die Straßen fährt, vier Laster mit gefesselten Tibetern und bewaffneten Soldaten auf offenen Ladeflächen. Manche Dinge sehen wir und verstehen sie nicht, und andere verstehen wir und zögen es vor, sie nicht sehen zu müssen. So oder so, die Dinge sind da, und jede Reise ist ein Schritt auf sie zu.
- Datum 09.03.2010 - 17:08 Uhr
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- Serie Reise meines Lebens
- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
- Kommentare 8
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Sehr gelungener Artikel! Beim Lesen habe ich das Gefühl, dass ich drinnen wäre.
Tibet interessiere mich sehr, aber nach Tibet zu reisen werde ich sicher nicht. Erst nicht nach dem Lesen des Beitrags – Ist das noch nötig, wenn man so etwas gelesen und mit gelebt hat?
Vielen Dank!
Angenehm zu lesen, informativ und mitreißend. Jedoch muss ich anmerken, dass der Inhalt doch deutlich überzogen wirkt. Ich befinde mich seit 2 Jahren in China und die Menschen hier begegnen mir fast ausschließlich freundlich und interessiert.
Eine ähnliche Busreise habe ich auch schon gemacht und auch von Anderen habe ich nie auch nur ansatzweise von ähnlichen Erfahrungen gehört.
Ebenfalls "Einmal muss ich mich vor Horror übergeben, als ein Gefangenentransport durch die Straßen fährt..."
Das klingt doch eher nach einem schlechten Film, als nach Realität!
@David 08
Tibet ist sehr interessant. Die Menschen dort sind meiner Meinung nach noch freundlicher als in anderen Teilen Chinas. Auch wenn die Kosten und Restriktionen momentan hoch sind, ist es ein einmaliges Erlebnis.
Man kann sich, natürlich, die Frage stellen "Warum bin ich hierher gekommen?". Die Handlungsweise des Autors hat - scheinbar - keinen anderen Grund als
selbstverständliche für einen jungen Menschen Neugierde. Die unabsehbare Zukunft gibt,jedoch, eine andere Antwort auf diese Frage, die klingt wichtig. In unübersehbarer Zukunft werden sich alle Länder der Welt zu einem "United States of Earth", einem "Bund der Länder der Erde" vereinen und die Leute, die das in Gang bringen werden sind eines Schlages mit dem Autor dieses Artikels. Jeder Vorhaben setzt das Verständnis voraus - was könnte wichtiger sein im Leben unter einem Dach?
Freundliche Grüße an Leser und Redaktion
@AllesQuark
Am Anfang des Artikels ist von 1996 die Rede. Er hat also auch gar nicht den Anspruch der aktuellen Lebensrealtität in China / Tibet zu entsprechen. In fast 15 Jahren hat man in China gelernt alles Abschreckende gut vorm gemeinen Westler zu verstecken ;)
1996 ist lange her.
Heute habe ich einen kleinen buddhistischen Tempel in Peking besucht. Am Eingang sprach mich ein junger Chinese in fließendem Englisch an, mit der Frage, ob ich Buddhist sei. Ich sagte nicht nein, ich sagte nicht ja. Daraufhin sah er es als seine Pflicht an, mich durch den Tempel zu begleiten. Als erstes eröffnete er mir, dass er selber seit 2 Jahren dem Buddhismus anhänge. Er wies mich auf in der Kulturrevolution zerstörte oder ganz herausgeschlagene Figuren hin; erläuterte mir die Bedeutung verschiedener architektonischer und religiöser Details. Vor einer Statue des Buddhas Amithaba gestand er, nach seinem Tod wolle er in dessen 'Reines Land' eingehen. Danach kam er auf die Gegenwart zu sprechen: heute sei die Polizei toleranter als während der Kulturrevolution, es sei kein Problem mehr, sich zum Buddhismus zu bekennen. Er selber sei auch Mitglied der kommunistischen Partei, dort wäre bekannt, dass er sich dem Buddhismus zugehörig fühlt. Es wird toleriert. Man hätte gesehen, wie er sich in diesen 2 Jahren verändert habe. Heute wolle er nicht mehr viel für sich selber, er wolle lieber mehr geben, als mehr bekommen. Außerdem sei der Unterschied zwischen dem Kommunismus und dem Buddhismus ja gar nicht so groß, der Buddhismus führe nur weiter. Die Menschen seien jetzt ja schon frei, es gäbe keine Sklaverei mehr. Aber die Tiere, die Geister, alle Wesen eben, die müssten auch noch gerettet werden. Das könne aber nicht der Kommunismus, das könne der Buddhismus.
die chinesen haben unter den katastrophen der mao ära gelitten. die tibeter haben ebenso darunter gelitten und dazu noch ihr heimatland verloren. sie sind nun zu einer perfekt unterdrückten minderheit in china geworden.
-tschuldigung aber das musste ich hier mal loswerden-
Liebe Leser,
die Texte der Serie "Die Reise meines Lebens" sind Reisegeschichten von Schriftstellern, die in erster Linie einem literarischen Anspruch gerecht werden wollen. Es ging den Verfassern, wie Sie bereits richtig bemerkt haben, nicht um Aktualität, sondern darum, über die Reise zu schreiben, die ihnen bis heute mehr bedeutet als alle anderen Reisen zuvor oder danach. Deswegen spielen einige in der Vergangenheit. Was dem Vergnügen beim Lesen aber hoffentlich keinen Abbruch tut.
Viele Grüße
Jessica Braun
Reiseredaktion Zeit Online
geschriebener reisebericht. tibet spukt schon viele jahre in meinem kopf. allein die landschaften sind es bestimmt wert einmal dort gewesen zu sein. das bestätigen vor allem die wunderschönen fotos. das es kein "urlaubsland" wie z.b. mallorca ist wird hoffentlich allen klar sein.
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