Man könnte sich den Lebensweg Ernst Tugendhats ohne Weiteres als Vorbild für eine Erzählung in dem Buch Die Ausgewanderten von W.G. Sebald vorstellen. Als Sohn wohlhabender Juden am 8. März 1930 in Brünn geboren, emigriert Tugendhat als Kind mit seinen Eltern 1938 zunächst in die Schweiz und 1941 nach Venezuela. Die Mutter gibt dem 15-Jährigen Sein und Zeit zu lesen, woraufhin dieser intellektuell in einem Heidegger-Zirkel unter jüdischen Emigranten aufwächst. Nach einer Studienzeit in Stanford geht Tugendhat nach Freiburg, um Philosophie und alte Sprachen zu studieren. Er nimmt dort auch an den Seminaren teil, die der rehabilitierte Heidegger zu Beginn der fünfziger Jahre hält. Erst sehr viel später macht Tugendhat die eigene "Versöhnungsgeste" zu schaffen, mit der er als junger Mann nach Deutschland ging. Trotzdem, so hat er berichtet, fühlte er sich in Deutschland lange Zeit über als ein Fremder – eine Grundstimmung, von der ihn die Turbulenzen der Studentenbewegung vorübergehend heilten, was in den achtziger Jahren auch in einem politischen Engagement in der Friedensbewegung und dem Kampf um ein liberales Asylrecht mündete. Ein Versuch, seine ihm fragwürdig gewordene frühe Lebensentscheidung rückgängig zu machen, führte ihn 1992 für sieben Jahre nach Chile. Seit 1999 lebt er in Tübingen, vor allem der Bibliotheken wegen, wie er betont hat – und doch bewegt von Plänen, wieder nach Südamerika zurückzukehren.

Wenig geradlinig waren auch die akademischen Wege, auf die es ihn verschlagen hat. Von Freiburg ging er für einige Semester nach Münster, das unter Joachim Ritters Ägide in den fünfziger Jahren ein Mekka der deutschen Philosophie darstellte, wo unter anderen Odo Marquard, Hermann Lübbe, Robert Spaemann und Friedrich Kambartel studierten. Nach einer Assistentenzeit in Tübingen lehrte er zusammen mit Hans-Georg Gadamer, Dieter Henrich und Michael Theunissen in Heidelberg. Später gehörte er der Forschungsgruppe von Jürgen Habermas am Max-Planck-Institut in Starnberg an – womit er mit einer weiteren Kraftquelle der Nachkriegsphilosophie in Berührung kam, der Frankfurter Kritischen Theorie. 1980 ließ er sich zusammen mit Michael Theunissen und Karlfried Gründer an die Freie Universität Berlin berufen. Rückblickend gesehen, ist Tugendhat beinahe überall dabei gewesen, wo sich die prägenden Konstellationen der bundesrepublikanischen Philosophie formierten. Aber er gehörte nirgends dazu. Dies lag freilich weniger an seiner Biografie als an seiner Irritierbarkeit durch Erfahrungen und Argumente, die das übliche professionelle Maß weit übersteigt.

Die kaum zu unterschätzende Wirkung seines Werks verdankt sich vor allem diesem Effekt. Immerhin ist es Tugendhat in der Konsequenz seiner Habilitationsschrift Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger gelungen, Heidegger zu einer seiner seltenen selbstkritischen Anwandlungen zu bewegen, auch wenn sich der Guru aus Meßkirch zu fein war, seinen Kritiker beim Namen zu nennen. Tugendhat hatte Heidegger vorgeworfen, mit der Ersetzung des Wahrheitsbegriffs durch den der "Unverborgenheit" die Bedeutung einer auf Gründe gestützten Orientierung an der Wahrheit von Aussagen vernebelt zu haben. Ein Glanzstück der Überlegungskunst Tugendhats ist auch der 1980 zu Gadamers 80. Geburtstag gehaltene Vortrag "Antike und moderne Ethik", der eine kühne Synthese beider Traditionen entwirft. Man kann hier gleichsam zuschauen, wie sich in der Werkstatt des Philosophen jener Prozess ereignet, den Gadamer als "Horizontverschmelzung" beschrieben hat.

Tugendhats Hauptwerk besteht in einer Trilogie, deren Bände jeweils auf Vorlesungen zurückgehen, die der Verfasser in den Phasen ihrer Vorbereitung gehalten hat. Seine Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie dokumentieren die "Revolution der Denkungsart", die Tugendhat durch die Berührung mit der analytischen Philosophie ab 1965 erlebte. Dieses Buch hat damals die analytische Philosophie einer ganzen Studentengeneration schmackhaft gemacht – und zugleich verdeutlicht, wie sehr eine Aufklärung des menschlichen Weltverhältnisses von einer strengen Reflexion auf die Strukturen der sprachlichen Verständigung über die Welt profitieren kann. Das Buch Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung aus dem Jahr 1979 schließt an diese Grundlegung mit weitreichenden Interpretationen zu Wittgenstein, Heidegger, Mead und Hegel an. Nach einem steilen Abstieg vom erhabenen philosophischen Ich zum gewöhnlichen "ich" der alltäglichen Rede erfolgt ein steiniger Aufstieg zu den Risiken einer verantwortlichen Orientierung am individuellen und sozialen Guten.