Ernst Tugendhat wird 80 Ein SolitärSeite 2/2
Damit lag der Übergang zur Moralphilosophie nahe, den Tugendhat in den nachfolgenden Jahren vollzogen hat. Vor den Augen der interessierten Öffentlichkeit freilich entfaltete sich hier ein besonderes Drama. Immer neue Anläufe hat Tugendhat unternommen, um eine von den gängigen Vorurteilen und Verkürzungen freie Konzeption moralischer Rechte und Pflichten zu entwickeln. Eine »Retraktation« folgte auf die andere. Den eigenen Selbstzweifeln zum Trotz aber stellen seine Vorlesungen über Ethik aus dem Jahr 1993 einen Meilenstein innerhalb der praktischen Philosophie der vergangenen Jahrzehnte dar. Die üblichen Fronten zwischen Aristoteles, Kant, Hume und ihren Parteigängern werden aufgehoben, um eine im Kern zweistufige Moraltheorie zu entwickeln. Im Interesse des eigenen Wohlergehens und der eigenen Selbstachtung, sagt Tugendhat, habe jeder ein Motiv, sich auf soziale Rücksichten gegenüber anderen einzulassen. Diese Rücksicht auf einige andere aber öffnet das Tor für die wechselseitige Forderung nach einer Einstellung der Rücksicht auf beliebige Menschen – und damit in der Konsequenz auf alle anderen. Moral erwächst aus unserem Eigeninteresse und wächst doch weit über dieses hinaus.
Einer analogen Transzendierung hat sich Tugendhat auch in seinem 2003 erschienenen Buch Egozentrizität und Mystik gewidmet. Seine ersten Kapitel bieten eine vorzügliche Einführung in die Grundlinien von Tugendhats Denken. Im Herzen aber geht es um die Polarität zwischen der unausweichlichen Ichbezogenheit des Menschen und der ihm gleichzeitig gegebenen Fähigkeit der »Selbstrelativierung«. In einer intensiven Auslegung christlicher, vor allem aber fernöstlicher Religionen wird eine »diesseitige Mystik« freigelegt. Ihre Grunderfahrung bestehe darin, sich im Vergleich mit den anderen nicht gar so wichtig und am Ende gar nicht mehr wichtig zu nehmen. So erstaunlich nahe dies Heideggers Meditationen über die »Gelassenheit« kommt, entscheidend ist für Tugendhat wiederum eine soziale Pointe. Die mystische Kontemplation mündet bei ihm nicht in der Schau eines anonymen Seins, sondern in einer gesteigerten Aufmerksamkeit für das Dasein der anderen.
Anthropologie statt Metaphysik
ist auch deshalb das bisher letzte Buch von Tugendhat überschrieben. Im Vorwort stellt er mit wenigen Strichen die Themen der dort gesammelten Vorträge vor. Am Schluss heißt es lapidar: »Damit ist wohl schon alles gesagt, was in ein Vorwort gehört.« Bei aller Nüchternheit aber darf bei Tugendhat eine Prise existenzielles Pathos nicht fehlen. Zwei Sätze fügt der Autor deshalb noch an: »Die übrigen Fäden findet der Leser selbst, und ich habe weder einer Lebensgefährtin für ihre Opferbereitschaft zu danken noch zu versichern, dass alle verbleibenden Fehler nur mir allein zuzuschreiben sind. Es sind nicht die Fehler, die einen erschrecken, sondern Blindheit, die blinden Flecken.« In einem
taz-Interview hat Tugendhat im Jahr 2007 geäußert, er habe das Gefühl, für ihn sei »die Zeit des Philosophierens vorbei«. Solange er aber solche Sätze schreibt, scheint die Hoffnung berechtigt, dass sein letztes Wort noch nicht gesprochen ist.
- Datum 08.03.2010 - 11:50 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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man kann hier das menschliche Blatt wenden und drehen und kommt doch zu dem Schluß oder auch nicht, dass alles menschliche denken Windhauch (Buch Kohelet)ist.
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