Inszenierungskunst "Der Kinderschänder verkörpert ein Tabu"

Am Wiener Burgtheater führt der Filmregisseur Thomas Vinterberg die Personen seines Welterfolges "Das Fest", die Geschichte von den Abgründen einer dänischen Bürgerfamilie, wieder zusammen. Ein Gespräch über Verdrängung

Der Filmregisseur Thomas Vinterberg war 28, als er mit »Das Fest« zu Weltruhm kam. Dieser Film gilt als das gelungenste Beispiel der dänischen Dogma-Filmschule, welche mit strengen Regeln gegen Beliebigkeit und Bombast des Mainstream-Kinos angehen wollte. »Das Fest« handelt von den Abgründen einer dänischen Bürgerfamilie: Vater Helge feiert seinen 60. Geburtstag, da erhebt sich Sohn Christian und enthüllt in seiner Tischrede, dass der Vater seine Kinder sexuell missbraucht hat. Die Festgemeinde ignoriert die Vorwürfe und tanzt weiter – und erst am Ende der Nacht wird der Vater dann doch aus der Familie verstoßen. Für das Wiener Burgtheater hat Vinterberg, heute 40, die Familiengeschichte fortgeschrieben – und zwar als Theaterstück. Es heißt »Das Begräbnis« und dreht die Zeit um zehn Jahre weiter: Vater Helge ist soeben gestorben, und die Hinterbliebenen treffen sich an seinem Grab. Wie lässt es sich leben im Schatten eines solchen Mannes? »Das Begräbnis« ist Vinterbergs erster Text fürs Theater; er inszeniert das Stück auch selbst: Die Uraufführung war am 6. März im Wiener Burgtheater.

DIE ZEIT: Herr Vinterberg, als Mitglied der Dogma-Bewegung gelten Sie als Mann der Regeln und Formen. Besteht Ihr größtes Glück als Künstler in der Erfüllung künstlerischer Regeln?

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Thomas Vinterberg: Absolut nicht. Ich habe festgestellt, dass es mir gar nicht um Formen geht. Mir geht es um Menschen. Für mich ist es der wertvollste Teil meiner Arbeit, Kunstwesen in die Welt zu setzen, die zu einem Teil des wirklichen Lebens werden. So wie der furzende Onkel aus Bergmans Fanny und Alexander: An den denken viele Leute, als wäre er ihr eigener Onkel. In meinem Stück Das Begräbnis begegne ich nun lauter Figuren wieder, die ich seit zwölf Jahren vermisse. Da ich die Geschichte im Theater weitererzähle, bin ich sogar im selben Raum mit ihnen.

ZEIT: Helge, der Vater, ist in der Nacht seines 60. Geburtstags von seiner Familie als Schänder der eigenen Kinder aus dem Haus geworfen worden. So endet Ihr Film. Was hat Helge dann gemacht – bis zu seinem Tod? Blieb er allein?

Vinterberg: O nein, er lebte weiter mit seiner Frau, Else.

ZEIT: Hat sie ihn denn nicht verlassen?

Vinterberg: Ach, ich denke, der Vater ging draußen im Garten spazieren, bis die Kinder abgefahren waren – und dann ging er wieder ins Haus, zurück zu ihr. Diese katastrophale Geburtstagsparty war eine Befreiung für die Eltern. Sie lebten plötzlich nicht mehr in der Lüge. Diese Nacht war der Auftakt für ihre besten zehn Jahre.

Auf der Berlinale im Februar 2010 stellte der dänische Dogma-Regisseur Thomas Vinterberg seinen Film "Submarino" vor

Auf der Berlinale im Februar 2010 stellte der dänische Dogma-Regisseur Thomas Vinterberg seinen Film "Submarino" vor

ZEIT: Else, die Mutter, wusste immer Bescheid: Eine Szene im Fest erzählt davon, dass sie ihren Mann bei einer sexuellen Handlung mit seinem Sohn ertappt. Sie hat das Bild ausradiert aus ihrem Gedächtnis, bis ihr Sohn sie dazu zwingt, sich wieder zu erinnern.

Vinterberg: Sie hat verdrängt – wie wir alle das andauernd tun. Alle Erinnerung ist fiktional, ist Neuerzählung und Übermalung. Wir wissen viele Dinge, die wir gar nicht wissen wollen – und wir vergessen, dass wir sie wissen. Schauen Sie sich die Geschichtsbücher an, und zwar die Geschichtsbücher aller Länder. Wir Dänen reden immer über die Geschehnisse in den deutschen Konzentrationslagern; wovon ich aber nie gehört habe, ist, wie in Dänemark viele deutsche Kriegsgefangene behandelt wurden, auch Frauen und Kinder, die nicht versorgt wurden und die man einfach umkommen ließ. Was das angeht, können die Dänen sehr hart sein. Sie sehen aus wie kleine Hobbits, aber sie können zubeißen.

ZEIT: In Ihrem Film tanzt die Festgemeinschaft noch lange weiter, als der missbrauchte Sohn längst seine Anklage gegen den Vater geführt hat.

Vinterberg: Ja, sie machen es alle wie die Mutter. Ganz Dänemark ist wie diese Mutter: Wir haben beschlossen, über gewisse Dinge nicht zu sprechen.

ZEIT: Aber Verdrängung ist nicht so leicht zu haben. Sie braucht eine große innere Kraft.

Vinterberg: Verdrängung ist so schöpferisch wie Erfindung. Um die Verwirrung auf die Spitze zu treiben: Ich weiß von Familien, die auseinanderbrachen, weil einer aus der Familie des sexuellen Missbrauchs bezichtigt wurde, der gar nicht stattgefunden hatte. Da sitzt dann der Psychologe vor dem Kind und stellt Suggestivfragen: Hat der Onkel dir seinen Penis gezeigt? Und das Kind sagt Nein. Aber es will ein gutes Kind sein, und der Psychologe ist enttäuscht, und beim nächsten Mal sagt das Kind vielleicht zum Psychologen: Ja, doch, ich habe seinen Penis gesehen. Das ist nicht die Verdrängung, sondern die Erfindung einer Vergangenheit. Solche Kinder haben dann dieselben Probleme wie jene, die missbraucht worden sind.

ZEIT: Ehe Christian, der missbrauchte Sohn, im Fest seine Anklage gegen den Vater spricht, lässt er dem Vater die Wahl zwischen zwei Geburtstagsreden – eine ist in einem grünen Umschlag verschlossen, die andere in einem gelben. Der Vater wählte den grünen; Christian öffnet den Umschlag – und rechnet mit dem Vater ab. Wäre die Nacht anders verlaufen, wenn der Vater den gelben Umschlag gewählt hätte?

Vinterberg: Ich weiß es wirklich nicht. Es ist eines jener Dinge, die außerhalb des Rahmens liegen. Stanley Kubrick hat gesagt: Wir wissen nicht, was sich unterhalb des Gesichtes der Mona Lisa abspielt. Sitzt sie einfach nur auf einem Stuhl? Oder versucht ein lüsterner Mann, unter ihren Rock zu kriechen? Wir müssen uns die Frage selbst beantworten. Kunst dreht sich ums Verbergen und um das Verborgene, um das Unaussprechliche. Du machst einen Film, aber eigentlich inspirierst du damit einen viel größeren Film, der sich darum herum entwickelt.

ZEIT: Erstaunlich am Fest ist, wie »nett« der Vater bis zu Ende wirkt.

Vinterberg: Es wäre zu einfach, wenn wir ihn als Banditen zeigen würden. Er ist ein liebenswerter Kerl – der sehr krank ist. Wie behandelt die Gesellschaft einen Sexualstraftäter, der kleine Kinder missbraucht? Die allgemeine Stimmung ist: Bringt sie um, die Sau. Ich weiß, dass Sexualstraftäter, die sich an Minderjährigen vergehen, in Gefängnissen den Bodensatz darstellen: Nichts ist verwerflicher als diese Tat; jeder Mörder ist besser angesehen. Der Kinderschänder verkörpert ein absolutes Tabu – also ein Thema für die Kunst.

ZEIT: Sie selbst sind in einer Hippiekommune groß geworden. Mit sexuellen Übergriffen sind Sie nie konfrontiert worden?

Vinterberg: Nie. Mich interessiert das Tabu als ein Glutpunkt des Erzählens. Es ist sehr interessant für mich, ein fürsorgliches menschliches Wesen zu zeigen, dass dieses thing, diesen Defekt hat. Solche Widersprüche sind: die Wahrheit. Ich hasse die einfachen bad guy, good guy- Dramen. Die haben mit der Wahrheit nichts zu tun.

ZEIT: Wird Helge, der entlarvte Kinderschänder, in Ihrem Stück seinen Frieden finden?

Vinterberg: Es geht nicht um ihn; es geht darum, dass die anderen Frieden finden. Helge hat ihn schon: Er ist in der Ewigkeit, er hatte noch sehr gute zehn Jahre – seine Frau und er hatten sogar wieder Liebesnächte. Der Vater wurde nicht bestraft in jener Nacht; er wurde befreit. Sein Leben hat nicht geendet – es begann von Neuem. Das Begräbnis handelt nun davon, wie es für die Kinder weitergeht.

ZEIT: Sie haben keinerlei Erfahrung mit dem Theater. Nach mehreren Wochen an der Wiener Burg: Welches ist der große Unterschied zwischen Film und Theater?

Vinterberg: Im Film folgst du Figuren, die sich durch Räume bewegen. Im Theater ist der Raum selbst die Hauptfigur. Und in einem Stück kannst du dich der Konversation überlassen, wie es im Film nicht möglich ist. Der Theaterdialog bringt dich an Orte, die du nie zu erreichen gehofft hattest. Im Theater bringen die Umwege den ganzen Gewinn, das ganze Leben.

ZEIT: Was bedeutet der Wechsel vom Film zur Bühne für Sie?

Vinterberg: Ich bin jetzt 40; das ist das Alter, da die Dinge beginnen, sich zu wiederholen. In der Kunst ist Wiederholung wie der Tod. Ich bin deshalb sehr aufgeregt, in Wien zu sein: Hier ist alles neu für mich; das Land; die Kunstform; die Schauspieler. Ich bin sehr glücklich, diesen Neubeginn außerhalb meines Landes zu erleben. Denn in Dänemark würden sie mir mit Stöcken auflauern.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Vinterberg: In Dänemark kann man nicht als Künstler leben. Es gibt zu viel Mittelmaß. Man hat sein Leben lang das gleiche Haus, die gleiche Automarke, den gleichen Job, jeden Morgen wirfst du eine Münze in den Schlitz, dann hast du ein würdevolles Leben. Ein Künstlerleben ist aber nicht vorgesehen. Wenn du zu groß und zu bekannt wirst, schmeißen sie dich raus. Vielleicht ist das sogar nötig in meinem Land; es hat nicht genug Raum für etwas Großes.

Das Gespräch führte Peter Kümmel

 
Leser-Kommentare
  1. (winnermobil) - Schwer was zu sagen drüber, ohne es zu sehen. Aber die Thematisierung ist jedenfalls für die Bühne immer noch eine Seltenheit. Toll, dass der junge Regisseur sich dranwagt.

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