Inszenierungskunst "Der Kinderschänder verkörpert ein Tabu"Seite 3/3
ZEIT: Sie selbst sind in einer Hippiekommune groß geworden. Mit sexuellen Übergriffen sind Sie nie konfrontiert worden?
Vinterberg: Nie. Mich interessiert das Tabu als ein Glutpunkt des Erzählens. Es ist sehr interessant für mich, ein fürsorgliches menschliches Wesen zu zeigen, dass dieses thing, diesen Defekt hat. Solche Widersprüche sind: die Wahrheit. Ich hasse die einfachen bad guy, good guy- Dramen. Die haben mit der Wahrheit nichts zu tun.
ZEIT: Wird Helge, der entlarvte Kinderschänder, in Ihrem Stück seinen Frieden finden?
Vinterberg: Es geht nicht um ihn; es geht darum, dass die anderen Frieden finden. Helge hat ihn schon: Er ist in der Ewigkeit, er hatte noch sehr gute zehn Jahre – seine Frau und er hatten sogar wieder Liebesnächte. Der Vater wurde nicht bestraft in jener Nacht; er wurde befreit. Sein Leben hat nicht geendet – es begann von Neuem. Das Begräbnis handelt nun davon, wie es für die Kinder weitergeht.
ZEIT: Sie haben keinerlei Erfahrung mit dem Theater. Nach mehreren Wochen an der Wiener Burg: Welches ist der große Unterschied zwischen Film und Theater?
Vinterberg: Im Film folgst du Figuren, die sich durch Räume bewegen. Im Theater ist der Raum selbst die Hauptfigur. Und in einem Stück kannst du dich der Konversation überlassen, wie es im Film nicht möglich ist. Der Theaterdialog bringt dich an Orte, die du nie zu erreichen gehofft hattest. Im Theater bringen die Umwege den ganzen Gewinn, das ganze Leben.
ZEIT: Was bedeutet der Wechsel vom Film zur Bühne für Sie?
Vinterberg: Ich bin jetzt 40; das ist das Alter, da die Dinge beginnen, sich zu wiederholen. In der Kunst ist Wiederholung wie der Tod. Ich bin deshalb sehr aufgeregt, in Wien zu sein: Hier ist alles neu für mich; das Land; die Kunstform; die Schauspieler. Ich bin sehr glücklich, diesen Neubeginn außerhalb meines Landes zu erleben. Denn in Dänemark würden sie mir mit Stöcken auflauern.
ZEIT: Wie meinen Sie das?
Vinterberg: In Dänemark kann man nicht als Künstler leben. Es gibt zu viel Mittelmaß. Man hat sein Leben lang das gleiche Haus, die gleiche Automarke, den gleichen Job, jeden Morgen wirfst du eine Münze in den Schlitz, dann hast du ein würdevolles Leben. Ein Künstlerleben ist aber nicht vorgesehen. Wenn du zu groß und zu bekannt wirst, schmeißen sie dich raus. Vielleicht ist das sogar nötig in meinem Land; es hat nicht genug Raum für etwas Großes.
Das Gespräch führte Peter Kümmel
- Datum 12.03.2010 - 11:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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(winnermobil) - Schwer was zu sagen drüber, ohne es zu sehen. Aber die Thematisierung ist jedenfalls für die Bühne immer noch eine Seltenheit. Toll, dass der junge Regisseur sich dranwagt.
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