Was jetzt zu tun ist Die Oscar-Verleihung ignorieren

Wer will schon Sonntagnacht vor dem Fernseher hocken, um das Absehbare zu sehen? Katja Nicodemus schlägt vor, stattdessen jetzt gleich die großen Verliererfilme zu feiern.

Wer in diesem Jahr einen Oscar bekommt, ist keine Überraschung mehr. Oder doch?

Wer in diesem Jahr einen Oscar bekommt, ist keine Überraschung mehr. Oder doch?

Schluss jetzt! Zu lange haben wir die Entscheidung über den wichtigsten Filmpreis der Welt ein paar konservativen ältlichen Herrschaften in Hollywood überlassen. Diesmal werden wir in der Oscar-Nacht vom 7. auf den 8. März den Fernseher nicht einschalten. Das erspart uns endlose Werbepausen, Tanzeinlagen der Moderatoren sowie Dankesreden an den Herrgott und etwa zwanzig Mütter. Stattdessen ziehen wir die Oscar-Verleihung einfach vor, hier und jetzt, souverän und selbstbestimmt.

»And the winner is…«: James Camerons Science-Fiction Avatar, der inzwischen erfolgreichste Film aller Zeiten. Aber nur für bestes Szenenbild, bestes Kostümdesign, bestes Make-up, besten Ton, beste visuelle Effekte. Dazu verleihen wir zusätzlich einen kleinen Spezial-Oscar für Esoterik und Floraphilie. Der Oscar für den besten Film geht hingegen an Camerons Ex-Frau Kathryn Bigelow für ihren nervenzehrenden und illusionslosen Kriegsfilm The Hurt Locker über eine Bombenentschärfungseinheit im Irak. Erstmals in diesem Jahr gibt es auch einen Ehe-Oscar, der ebenfalls an Bigelow verliehen wird. Dafür, dass sie mehrere Jahre lang das Hobby ihres Ex-Mannes auf dem Motorradrücksitz ertragen musste: Gemeinsam mit Kumpeln auf Offroadmaschinen durch die Wüste brettern und mit großkalibrigen Waffen in der Gegend herumschießen. Alsdann ein kurzer Schlenker zu den Preisen, an denen auch die gerontokratische Academy of Motion Picture Arts and Sciences zum Glück nicht vorbeikommen wird: Christoph Waltz erhält den Oscar als bester Nebendarsteller für seine Rolle eines widerwärtig eleganten SS-Mannes in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds. Michael Hanekes Das weiße Band wird zu besten nicht englischsprachigen Film gekürt. Haneke ist auch der einzige Preisträger, der bei dieser vorgezogenen Oscar-Verleihung Redezeit bekommt: für einen Vortrag über das Verhältnis von Angst, Schuld, Verdrängung und Gewalt. Bei den Darstellerpreisen liegen die Dinge komplizierter. Gewinnt George Clooney endlich seinen Oscar für die Rolle eines Entlassungsspezialisten in Up in the Air? Wird Sandra Bullock für ihr sympathisches, aber auch ziemlich rührseliges Comeback in dem Familienfilm Blind Side geehrt?

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Nein, wir entscheiden uns vollen Herzens für die großen Verlierer dieses Jahrgangs. Für Gabourey Sidibe, die in Lee Daniels’ Sozialdrama Precious ein fettleibiges schwarzes Mädchen in Harlem spielt, vom Vater missbraucht, von der Mutter terrorisiert. Und der es dennoch gelingt, ihre Rolle mit Würde und Überlebenswillen dem bloßen Opferdasein zu entziehen. Bester Darsteller unserer alternativen Oscar-Party wird der unerreicht coole Jeff Bridges. In Crazy Heart tourt er als abgehalfterter Country-Sänger und speckiges Stehaufmännchen durch die amerikanische Provinz. Man muss sich einfach anschauen, wie er vor einem Auftritt mit offenem Gürtel und auf Socken über einen Parkplatz schlurft, das Whiskyglas in der Hand. Oder wie er nach einem Alkoholexzess hinter der Bühne in eine Mülltonne kotzt und danach seine Sonnenbrille herausfischt. Gäbe es einen Oscar für den besten Satz, müsste man einen seiner Einzeiler prämieren. Etwa: »Ich habe bekifft, besoffen, geschieden und krank gespielt, aber nie eine Show verpasst.«

Vielleicht schalten wir am 7. März ja doch mal kurz ein.

 
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