Forschungsprojekt in Wittenberge "Sie wollen die brutale Wahrheit"
Die Wittenberger versetzten den Soziologen Heinz Bude oft in Erstaunen. Ein Gespräch über Forschergeist und eine wichtige Erkenntnis für Angela Merkel.
ZEITmagazin: Herr Bude, zweieinhalb Jahre lang haben Sie und Ihre Leute das Städtchen Wittenberge durchforscht. Wie geht es denn den Wissenschaftlern nach dieser langen Zeit?
Heinz Bude: Wir selbst haben in diesem Projekt eine große Entwicklung durchgemacht. Am Anfang stand die Erwartung eines sozialen Dramas von Arbeitslosigkeit und Sinnlosigkeit, von verlassenen Straßen und leer stehenden Häuserzügen. Einer geografischen Insel des Niedergangs.
ZEITmagazin: All das gibt es reichlich in Wittenberge.
Bude: Ja, natürlich, das gibt es. Aber wir haben nach und nach festgestellt, dass es viel mehr gibt. Wir haben die stillen Erfinder eigener Wege entdeckt sowie eine ganze Sammlung von Alltagspraktiken zusammengestellt. Da wird etwas produziert, ohne dass etwas angehäuft wird. Wir wollen als Sozialforscher keinen Zoo aufmachen, nach dem Motto: Seht mal her, wie die armen Ossis hier leben. Man muss das Leben der Menschen in Wittenberge auch als Frage nach der Erträglichkeit des eigenen Lebens akzeptieren. Es geht um die Einübung einer bestimmten Art von Aufmerksamkeit für das Handwerk des Lebens – und zwar im Osten wie im Westen. Wir haben uns oft überlegt, wie viel Wahrheit, wie viel brutale Wahrheit werden die Menschen hier wohl vertragen? Die Antwort ist: Sie vertragen diese Wahrheit nicht nur, sie wollen sie haben. Und: Sie gehen mit Wahrheit um, ohne sie auszusprechen.
ZEITmagazin: Sie veröffentlichen Ihre Studie genau 20 Jahre nach der ersten und letzten freien Wahl in der DDR.
Bude: Ich denke, man muss im Blick auf dieses Jubiläum von drei Phasen sprechen. Erstens: das langsame, quälende Ende der DDR. Zweitens: die Jahre nach der Wende, die von einem Gesetz der Unwahrscheinlichkeit geprägt waren. Was wird passieren, was wird mit mir passieren? Kommt noch ein rettender Investor? Stürze ich ab? Oder schaffe ich es nach oben? Dabei haben sich die großen Erwartungen in ein ewiges Warten verwandelt. Und jetzt kommt die dritte Phase: das harte Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Wer’s bisher nicht geschafft hat, wird es auch in Zukunft nicht mehr schaffen. Das Warten ist vorbei. Jetzt wird Inventur gemacht.
ZEITmagazin: Und wie fällt die Inventur aus?
Bude: Es gehen immer noch viele junge Leute weg, obwohl sich die Chancen auch in Wittenberge gar nicht so schlecht entwickelt haben. Die ersten Unternehmen fürchten, nicht mehr genügend Auszubildende zu finden. Das hat in Wittenberge zu der Erkenntnis geführt, dass sich die Stadt nur dann für die Jungen attraktiv macht, wenn sie sich auf sich selbst besinnt. Also nicht immer woandershin schielen, nicht so tun, als ob die Industrie zurückkommen werde, sondern Wittenberge zu dem zu machen, was es ist.
ZEITmagazin: Klingt nach dem Ergebnis einer Psychotherapie: Nimm das Leben, wie es ist, und träum von keinem anderen.
Bude: Ich würde so sagen: Führe das Leben, das du lebst!
- Datum 05.03.2010 - 15:47 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 04.03.2010 Nr. 10
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