Rettungswesen Sanitäter in Not

In Tirol könnte ein dänischer Großkonzern das Rettungswesen übernehmen. Sollte der Dienstleister den Zuschlag erhalten, steht das Freiwilligensystem in ganz Österreich vor dem Umbruch.

Bernhard Huber kennt keine Angst. Seit 30 Jahren ist der breitschultrige Mann mit den streng gescheitelten Haaren Rettungssanitäter. Er hat alles gesehen: schreckliche Unfälle, Schwerverletzte, den Tod. Oft hat er helfen können, hat sogar Sterbende zurück ins Leben geholt. Ein Held der Bürgergesellschaft, der seinen richtigen Namen dennoch nicht in der Zeitung sehen will. Wie überhaupt niemand wissen soll, dass ihm etwas auf der Seele lastet.

Mit einer verspiegelten Fliegerbrille auf der Nase sitzt der Frühpensionist in der Ecke eines Kaffeehauses im Innsbrucker Gewerbegebiet. Immer wieder taxiert er die Gäste. Dennoch will er reden. Trotz des Maulkorberlasses, den das Rote Kreuz seinen Mitarbeitern auferlegt hat. »In meinen besten Zeiten habe ich 20 bis 25 Stunden pro Woche ehrenamtlich gearbeitet«, erzählt Huber: »Ich habe mehr Zeit auf der Dienststelle als zu Hause bei der Familie verbracht.« Stolz berichtet er von seinen Einsätzen und von der Kameradschaft der freiwilligen Rettungssanitäter. Der Dienst fürs Gemeinwohl ist für den großgewachsenen Tiroler mehr als ein Hobby, er ist ein Teil seines Lebens. Wie für viele der 4500 ehrenamtlichen Helfer, die in Tirol für das Rote Kreuz ihre Freizeit opfern.

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Für diese Männer und Frauen droht nun eine Welt einzustürzen. Nach dem Willen der Tiroler Landesregierung soll schon bald alles anders werden. Schlanker, billiger, effizienter. Die Freiwilligenstruktur gilt als antiquiert, Leute wie Bernhard Huber als Auslaufmodell. Stattdessen sollen professionelle Helfer eines privaten Anbieters zu den Einsatzorten eilen. Setzt sich das Land mit seinem Vorhaben durch, wäre das nicht nur im Heiligen Land das Ende des seit Jahrzehnten bewährten Freiwilligensystems. In ganz Österreich stünde das Rettungswesen vor dem folgenschwersten Umbruch in seiner Geschichte.

Von 45 Ortsstellen könnte nur noch eine Einsatzzentrale übrig bleiben

Begonnen hat alles im Juni des vergangenen Jahres, als der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) mit seinen Plänen aufhorchen ließ. Angesichts schrumpfender Budgets sollten die Kosten für das landesweite Rettungswesen von jährlich 34 Millionen Euro auf 27 Millionen gesenkt werden. Doch entgegen der Tradition setzten sich die Tiroler nicht mit den Funktionären des De-facto-Monopolisten Rotes Kreuz an den Verhandlungstisch, sondern schrieben den Auftrag für das »bodengebundene Rettungswesen« europaweit aus. Sogar ein neues Rettungsgesetz brachte man auf den Weg, um nicht nur in Österreich Kandidaten ködern zu können. Gleichzeitig erhöhte man die Anforderungen an potenzielle Bieter. Modernere Technik, mehr Ausbildung, bessere Versorgungsqualität, lauteten die Vorgaben.

Prompt legte Europas größter Rettungsanbieter, die dänische Falck-Gruppe, ein Angebot. Für den privaten Dienstleister, der bereits in sieben europäischen Ländern (darunter in Skandinavien, Polen und Belgien) aktiv ist, bot sich die Chance, erstmals in Österreich Fuß zu fassen. Angesichts des übermächtigen Multis mit seinen über 17000 Mitarbeitern scharte das Rote Kreuz den Samariterbund und andere Rettungsorganisationen in einem Konsortium um sich. Noch läuft hinter verschlossenen Türen des Innsbrucker Landhauses das Bieterverfahren – unter strenger Geheimhaltung. Doch die bereits durchgesickerten Zahlen aus den beiden Angeboten deuten auf ein finanzielles Debakel hin: Statt der angepeilten 27 Millionen Euro pro Jahr liegt das Offert des Roten Kreuzes bei 90 Millionen. Falck ist mit kolportierten 55 Millionen zwar billiger, aber immer noch doppelt so teuer wie das veranschlagte Limit.

Eine Kostenexplosion, die vor allem auf das Konto der vom Land verordneten, dramatisch gestiegenen Anforderungen geht. Das geht aus den der ZEIT vorliegenden Details der Ausschreibung hervor. So muss künftig jeder Wagen mit einem Notfallsanitäter ausrücken. Das bedeutet zwar eine Professionalisierung der Helfer, schließt aber das Rote Kreuz, dessen Rückgrat aus Freiwilligen besteht, de facto aus. 1400 Stunden umfasst die Ausbildung zum Notfallsanitäter – für die meisten Ehrenamtlichen ein zu großer Zeitaufwand. Aufgerüstet wird auch die Notfalltechnik. Jeder Wagen muss den Vorgaben zufolge mit Beatmungsgeräten und speziellen Defibrillatoren ausgestattet werden. Günstiger wird hingegen die Infrastruktur. Derzeit verfügt das Rote Kreuz in Tirol über 45 Ortsstellen. Davon könnte theoretisch nur eine Zentrale in Innsbruck übrig bleiben. Denn im Anhang der Ausschreibung sind lediglich sogenannte Bereitstellungsräume vorgesehen, für die eine unbestimmte Zahl von Rettungsfahrzeugen zuständig sein soll. Von wo aus der Wagen in Richtung Einsatzort ausrückt, ist nicht festgelegt. Der Standort kann eine Autobahntankstelle oder ein Parkplatz im Nirgendwo sein. Eine Infrastruktur mit Dienststellen fällt folglich weg. Auch Notarztstützpunkte sind von den Rationalisierungsmaßnahmen betroffen.

Mit der EU-weiten Ausschreibung, die Rettungs- und Krankentransporte als auch Notarzteinsätze umfasst, nimmt Tirol eine Vorreiterrolle ein. Andere Bundesländer haben diesen Schritt nicht einmal in Erwägung gezogen. Doch das könnte sich bald ändern, wie die seit Juni 2008 am Europäischen Gerichtshof (EuGH) laufende Klage der EU-Kommission gegen die Bundesrepublik Deutschland zeigt. Dort weigerten sich Länder und Kommunen bislang, ihre Rettungsaufträge wie eine herkömmliche Dienstleistung auszuschreiben. Proteste privater Anbieter blieben nicht aus. Mit Erfolg: Mitte Februar stellte der Europäische Gerichtshof klar, dass das Nachbarland gegen die Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit sowie gegen das EU-Vergaberecht verstößt. Ein Urteil steht aus.

Tirol könnte der Liberalisierung dank der Öffnung gegenüber privaten Anbietern gelassen entgegenblicken. Doch mittlerweile wäre es wohl vielen Verantwortlichen lieber, sie hätten die Büchse der Pandora nie geöffnet. In Innsbruck schießen die Gerüchte ins Kraut, hinter vorgehaltener Hand ist vom Ende der Freiwilligen im Rettungsdienst die Rede. Ganze Rettungsstellen würden wegrationalisiert werden. Doch gerade am Land gehören die freiwilligen Helfer in ihren fluoreszierenden Uniformen zum Vereinsleben, wie die Schützen, die Musikkapelle oder die Ortsfeuerwehr. Der Rotkreuz-Ball in der Faschingszeit, die Jungretter, die vor der Haustür mit ihren Spendenbüchsen scheppern, das beruhigende Gefühl, einen ausgebildeten Sanitäter in der Nachbarschaft zu wissen – all das gehört zum sozialen Kitt einer Dorfgemeinschaft. In vielen Familien gehört es zur Tradition, bei den Rotkreuzlern zu dienen. Jung und Alt finden in den Bereitschaftsräumen zusammen. Idealisten sind sie alle, die mit Blaulicht und gellendem Martinshorn ausrücken. Dass bei jedem Einsatz auch ein Hauch Abenteuer mitfährt, lässt sich am Wirtshausstammtisch erleben, wenn die Retter bei einem Bier zusammensitzen, um mit ihren Heldentaten zu prahlen. Das alles könnte bald Vergangenheit sein.

Auf die Verunsicherung, den die drohende Auflösung des Freiwilligenheers auslöst, reagieren die Verantwortlichen im Landhaus mit eisernem Schweigen. Angesichts der bevorstehenden Gemeinderatswahlen am Sonntag versucht die Volkspartei das heikle Thema auszusitzen, schließlich will man auf die Stimmen Tausender Ehrenamtlicher nicht verzichten. Die bittere Nachricht, mit einer teils lückenhaften, teils überehrgeizigen Ausschreibung einen gut funktionierenden Rettungsverbund zu gefährden, ist dem Wahlvolk offenbar nicht zumutbar.

Doch nicht nur finanziell scheint man sich in Innsbruck verkalkuliert zu haben. Hinter den Kulissen ist der schwelende Konflikt zwischen der Landespolitik und dem Roten Kreuz mittlerweile voll entbrannt. Zu groß, zu gierig sei die Organisation im Heiligen Land geworden, wird im Umfeld von Landesrat Tilg geargwöhnt. Die mächtigen Funktionäre gelten als Einflüsterer der Landespolitik. Als »Tiroler Sozialpartnerschaft« werden die engen Verflechtungen spöttisch bezeichnet. Mit dem neuen Rettungsdienstgesetz und der europaweiten Ausschreibung wollte das Land den Einfluss des Platzhirschen zurückdrängen, wissen Eingeweihte. Vom Roten Kreuz wird das als Dolchstoß gewertet.

»Kein Freiwilliger macht nur Essen auf Rädern. Er will mit Blaulicht fahren«

»Da ist viel Porzellan zerbrochen worden«, meint ein Spitzenfunktionär des Roten Kreuzes, der nicht genannt werden will. »Ist die Freiwilligenstruktur einmal zerstört, kann sie nicht mehr aufgebaut werden – nie mehr.« Seine Warnung klingt wie eine Drohung. Trotz aller Horrorszenarien, die im Schwange sind, räumt der Funktionär ein, dass die Qualität der Versorgung bei einem privaten Anbieter nicht schlechter werde. Doch selbst wenn seine Organisation den Zuschlag erhalten sollte, blieben für die Ehrenamtlichen nur noch Unterstützungsaufgaben. Die Zeit ihrer Heldentaten sei dann vorbei. »Kein Freiwilliger macht nur Essen auf Rädern. Die wollen mit Blaulicht fahren. Wenn sie das nicht mehr können, dann werden sie gehen.« Doch zuvor gilt es, das Land vor den Eindringlingen zu bewahren. Denn die Dänen seien eiskalte Profis und nur auf Gewinn orientiert.

Die Falck-Gruppe lässt sich vom Säbelrasseln nicht beeindrucken. »Wir haben kein Problem mit Konkurrenz. Seit Anfang der 1990er Jahre nehmen wir an solchen Bieterverfahren teil«, berichtet Ole Qvist Pedersen, Senior Vice-President des Konzerns. Österreich sei für die Profisamariter ein lukrativer Zukunftsmarkt. »Ob wir in Tirol den Zuschlag erhalten oder nicht: Wir sind nach Österreich gekommen, um zu bleiben«, kündigt der Manager an. Schließlich hat man hier noch viel vor. Neben Ambulanzservice, Flugrettung und Pannendienst haben die Dänen auch Brandbekämpfung im Portfolio. Bei der Ausschreibung der Tiroler und Salzburger Flugrettung diesen Sommer wird sich ein Partner von Falck bewerben. »Sind wir erst vor Ort, erkennen die Leute schnell, dass wir gar nicht der große, böse Wolf sind, für den man uns hält«, gibt sich Pedersen locker.

In Tirol ist man indes weniger entspannt. Die Landesregierung steht mit dem Rücken zur Wand. Eilig versuchte man in den vergangenen Tagen zurückzurudern und verwies auf ein vorab festgelegtes Ausstiegsszenario: Übersteige das billigste Offert eine bestimmte, bei einem Notar hinterlegte Summe, könne das Land das Verfahren stoppen. Doch das würde die Wettbewerbshüter auf den Plan rufen, eine Klage von Falck wäre programmiert.

Ganz gleich, wie dieser juristische Konflikt ausgeht: Einer wie Bernhard Huber fühlt sich jetzt schon als Verlierer. Dennoch will der Sanitäter nicht tatenlos zusehen, wie sein geliebtes Rotes Kreuz zugrunde geht. »Die Stimmung unter den Freiwilligen ist schlecht«, berichtet er, »viele sind in Lethargie verfallen, wollen nicht wahrhaben, dass sich nun alles ändern könnte.« Über zwei Stunden erzählt Huber mittlerweile von sich, seinen Einsätzen, auch von der stillen Befriedigung, etwas Sinnvolles zu leisten. Es scheint, als würde der Sanitäter versuchen, seine Sorgen wegzureden. Schon bald könnte er die rote Jacke mit den leuchtenden Streifen zum letzten Mal an den Nagel hängen. So wie viele andere auch.

 
Leser-Kommentare
  1. Mein Partner und ich sind seit vielen Jahren Freiwillige beim Roten Kreuz im Land Salzburg. Den Artikel habe ich also mit großem Interesse gelesen. Nun muss erst mal klar gesagt werden, dass die Blaulichtfahrten einen doch recht kleinen Prozentsatz der Einsätze darstellen und dass auch jene, die beim Bier über ihre Heldentaten reden, keiner Mehrheit angehören. Diese nämlich hält sich durchaus an die Schweigepflicht.
    Viel wichtiger jedoch ist eine Überlegung, die im Artikel keine Erwähnung fand: was macht denn im Fall des Falles das Land Tirol, wenn der Anbieter in seiner ganzen preiswerten Effizienz vor dem Konkursrichter landet. Auf Knopfdruck dann die alten Zeiten wieder herbei zu zaubern wird dann wohl so realistisch sein, wie einen Regenwald wieder aufzuforsten.
    Dann wird's interessant, nicht wahr ?
    Mit dem Rücktritt von ein paar Politikern wird sich dieses Debakel dann nicht lösen lassen und vor allem haben die Betroffenen, die auf eine Ambulanz oder den Notarzt warten, dann andere Sorgen: die werdende Mutter, der akute Herzinfarkt oder der Tourist auf der Piste mit dem gebrochenen Bein.
    Bei einem Großunfall können wir außerdem in sehr kurzer Zeit auf eine enorme Anzahl von zusätzlichen Leuten zählen, die zum Nulltarif (und mit vielen Übungs- und Schulungsstunden) kompetente Unterstützung und große Flexibilität gewährleisten. Wie sehen wohl die Konzepte der Alternativanbieter dazu aus? Also: Wettbewerb ja, aber bitte mit Hausverstand !

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