So schön können Quader sein. Zur Fotostrecke der Architektur der 60er Jahre © Felix Borkenau/JOVIS Verlag

Es gibt kein Geld mehr, und das ist natürlich der beste Grund, möglichst viel davon auszugeben. Alle Haushaltslöcher und Sparzwänge sind vergessen, wenn sie in Berlin ein Schloss (600 Millionen Euro) oder in Hamburg eine Philharmonie (500 Millionen) errichten. Und muss für den Neubau ein altes, denkmalgeschütztes Gebäude abgerissen werden, dann spielen die Kosten erst recht keine Rolle. Köln will 300 Millionen für ein neues Schauspielhaus ausgeben, Hannover hat 45 Millionen für einen Plenarsaal des Landtags übrig, Bonn schließlich wünscht sich ein 100-Millionen-Euro-Konzerthaus. Und in allen drei Fällen sollen dafür prominente Baudenkmale geopfert werden, Häuser, die kaum älter sind als 50 Jahre.

In Köln ist der Zuschauerraum zu groß, in Hannover der Saal zu dunkel, in Bonn könnte die Akustik besser sein. Doch so unpraktisch oder abgenutzt die drei Gebäude auch sein mögen, nichts spricht dafür, sie deswegen gleich abzureißen. Wer es dennoch tut, handelt wider alle ökonomische und ökologische Vernunft und untergräbt zudem die eigene Glaubwürdigkeit. Denn eine Stadt, die ihre eigenen Denkmale niedermacht, kann künftig von den Bürgern kaum mehr erwarten, dass sich diese auch weiterhin mit Hingabe und Geduld ums kulturelle Erbe kümmern. Der Preis für die drei geplanten Abrisse ist also hoch, in jeder Hinsicht.

Doch bislang sind viele Politiker wild entschlossen, ihn zu zahlen. Die alten Klötze sollen endlich weg, sagen sie hinter vorgehaltener Hand und wissen sich mit dieser Meinung nicht allein. Überall wird die Architektur der Nachkriegszeit entstellt oder gleich ganz zerstört. Und vor allem die Bauten der sechziger Jahre dürfen kaum mit Milde rechnen.

Kein anderes Jahrzehnt wurde und wird von Stadt- und Architekturkritikern so innig geschmäht, kein anderes zieht so viel Hass auf sich. Selbst die Bauforscher und Denkmalpfleger sind oft unsicher, was von dieser Zeit eigentlich bewahrenswert ist. Und so wähnen sich die Abrissfreunde vollauf im Recht: Nieder mit den Sechzigern, Schluss mit der Scheußlichkeit!

Allerdings, dies sei kurz angemerkt, galt auch der Barock einst als scheußlich und wurde vielerorts abgeräumt, später fand man Fachwerkhäuser furchtbar hässlich und riss sie weg, schließlich musste der Jugendstilstuck dran glauben und wurde von den Wänden geklopft, weil er das Geschmacksempfinden der Nachkriegszeit störte. Wollte man eine Lehre aus diesen Erfahrungen ziehen, dann wohl die: auch den Sechzigern eine Chance zu geben.

Viele Bauten jener Jahre sind ja keinesfalls so beliebig und austauschbar, wie gerne kolportiert wird. Vielmehr sind die Sechziger leicht als Sechziger zu erkennen, die Architektur fand damals zu unverwechselbaren Ausdrucksformen. Sie war auch nicht überhistorisch, auch wenn das manche behaupten, sondern verkörperte ihre Zeit, erzählte in oft ausgreifender, über sich selbst hinauswachsender, nicht selten auch übergewichtiger Art von dem satten Wohlstand dieses Jahrzehnts, von der prallen Zuversicht, mit der man plante. Viele Gebäude jener Jahre sehen aus, als wären sie auf Zuwachs geplant, ein paar Nummern zu groß, damit sie auch morgen noch passen.

Dieser Glaube an den unerschütterlichen Fortschritt mag einem heute fremd vorkommen, geradezu anmaßend. Und doch kann man die Sechziger auch beneiden: um die Selbstverständlichkeit, mit der die Planer das Morgen ergreifen zu können meinten, und um die Zuversicht, mit der sie noch die komplexesten Aufgaben, die Erfindung ganzer Stadtkörper, in Angriff nahmen. Damals war die Zukunft heute. Heute, in einer Zeit der Schloss-, Kirchen- und Innenstadt-Rekonstruktionen, suchen wir sie im Gestern. Und anders als in unserer Gegenwart, da die öffentliche Hand alle größeren Bauvorhaben gern privaten Investoren überlässt, glaubten die sechziger Jahre noch an ein Wir oder strebten zumindest danach.

Rathäuser, Kirchen, Bürger- und Kulturhäuser sonder Zahl entstanden und zeugen bis heute von der Entschlossenheit, mit der man den neuen Reichtum jener Jahre in Orte investierte, die dem Miteinander dienen. Auch davon künden die bedrohten Bauten in Köln, Hannover und Bonn: Architektur sollte eine Sache aller sein und nicht nur das Geltungsbedürfnis einiger weniger Bauherren befriedigen. Das Bauen verfolgte einen sozialen Auftrag.