Ab auf die Analytiker-Couch? Für manche MBA-Studenten auf dem Weg zum Managerjob gehört das dazu © photocase/Chandler

Wenn es nach Thomas Sattelberger geht, ist der Niedergang des MBA bereits eingeläutet. Es sei höchste Zeit, über die fundamentale Reform der Management-Ausbildung nachzudenken, fordert der Personalvorstand der Deutschen Telekom. »Um Probleme in Unternehmen nachhaltig zu lösen, ist nicht nur Ökonomie wichtig, sondern auch Geschichte, Soziologie, Psychologie, Philosophie. Und die Reflexion der eigenen Person«, sagt der streitbare Personalexperte. Business Schools hätten einen ganzheitlichen Bildungsauftrag.

Seit dem Beginn der Finanzkrise steht die MBA-Ausbildung am Pranger. Für MBA-Kritiker Sattelberger ist die fehlgeleitete Ausbildung sogar »ein ganz wichtiger geistiger Katalysator« der Krise. Schließlich haben etliche der verantwortlichen Finanzmanager einen MBA-Abschluss. Doch schaut an den Business Schools wirklich niemand über den Tellerrand?

»Natürlich müssen wir uns immer wieder fragen, was wir noch anders und besser machen müssen«, sagt David Bach, Dean of Programs an der IE Business School in Madrid. »Aber dass wir unsere MBA-Studenten nicht breit genug ausbilden, kann man uns nicht vorwerfen.« Bereits vor der Krise habe man den Geisteswissenschaften einen größeren Raum gegeben. So bekommen die Studenten eine verpflichtende Einführung in die großen alten Kulturen, einen Einblick in den zeitgenössischen Kunstmarkt oder in aktuelle Einwicklungen in Umweltfragen. »Ziel ist es, unterschiedliche Denkweisen kennenzulernen«, sagt der Politikwissenschaftler. Auch in den drei Modulen zum Thema »Veränderung« geht es um einen breiteren Blickwinkel. Hier bauen die Studenten in einem Design-Workshop Modelle für ein neues Bürokonzept, sie müssen Produkte für die Märkte der Ärmsten entwickeln und analysieren, wie sich verschiedene Zukunftsszenarien im Energiemarkt auf unterschiedliche Branchen auswirken.

Auch an der Judge Business School an der University of Cambridge gehört der Blick in andere Disziplinen längst zum Standard. »Ein Unternehmen muss stets auch auf das System achten, in dem es agiert«, unterstreicht der Dean Arnoud de Meyer. »Es geht nicht nur darum, wie man einen Markt erschließt, sondern wie man in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext passt.« Das betreffe Mathematik und Medizin ebenso wie Philosophie und Psychologie.

Ähnlich sieht es sein Kollege Colin Mayer von der University of Oxford. »Aufgabe einer Business School ist es, herauszufinden, was wirklich relevant ist für künftige Topmanager«, betont Mayer. Wer Geschäfte in Schwellenländern machen möchte, müsse auch die ökonomischen, historischen, gesetzlichen und sozialen Bedingungen und Wahrnehmungen kennen, mit denen sich andere Fakultäten einer Universität schon seit Jahrzehnten beschäftigt hätten. Zudem habe es für MBA-Studenten eine Vorlesungsreihe zum Thema Ageing gegeben. Die Alterung der Gesellschaft habe Folgen, sei es im Arbeitsmarkt oder bei der Struktur von Pensionsfonds. Für den Dean geht es beim MBA-Unterricht weniger um das Lehren von Fakten, als darum, Probleme in Begriffe zu fassen, Informationen zu analysieren und alternative Lösungen zu bewerten. »Man muss lernen, wie man denkt«, fordert Mayer. »Das entspricht eher einem sokratischen Dialog.« Dabei beobachtet er auch einen Bewusstseinswandel bei den Studenten. »Die legen heute viel mehr Wert darauf, einen Job zu haben, der sie langfristig erfüllt und nicht nur viel Geld bringt«, so Mayer.

Corinna Thomassik kann das bestätigen. »Viele machen sich Gedanken, welchen sozialen Wert ihr künftiger Job haben soll«, beobachtet die 28-Jährige, die im September ihr MBA-Studium an der Said Business School begonnen hat. So habe sie sich auch für Oxford entschieden, weil sie sich dort intensiv mit Social Entrepreneurship beschäftigen könne. Bereits während ihres Jobs als Steuerberaterin bei einer Wirtschaftsprüfung hat sie nebenbei ehrenamtlich in einem Kinderhospiz gearbeitet. Natürlich gebe es auch Kommilitonen, die vor allem Karriere und viel Geld machen wollten. »Aber die kommen bei den anderen gar nicht gut an«, sagt die MBA-Studentin.