Contra höhere Studentenquote : Brauchen wir mehr Studenten?

Nein, sagt Felix Rauner, weil bei einem Studium für alle die Qualität der Berufsbildung verloren geht

Deutschland braucht qualifizierte Fachkräfte – und die werden eben häufig nicht an Hochschulen ausgebildet. Hierzulande können Jugendliche eine Lehre machen und anschließend einen Meister, dann gehören sie im internationalen Vergleich zu den Besten. Doch statt etwa eine Lehre als Industriekauffrau oder Mediengestalter zu absolvieren, entscheiden sich Jugendliche heute für ein Bachelorstudium in Betriebswirtschaft oder Medieninformatik. Dass sie danach für den Arbeitsmarkt schlechter qualifiziert sind als Lehrlinge nach der Berufsausbildung, wurde vielfach nachgewiesen.

Das dreijährige Bachelorstudium »berufsqualifizierend« zu nennen ist grotesk. Es stammt aus Ländern wie den USA und Großbritannien , die über kein entwickeltes Berufsbildungssystem verfügen. Die Nachteile, die sich für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ergeben, sind unter Wissenschaftlern unumstritten. Dass Deutschland diese Bildungstradition kopiert hat, war einer der größten bildungspolitischen Fehler der vergangenen Jahrzehnte. Unter Bachelorabsolventen aus dem angelsächsischen Raum ist der Spruch verbreitet: »Now I have a bachelor degree, but I don’t have any skills « – (»Jetzt habe ich einen Bachelorabschluss, aber keine beruflichen Fertigkeiten«).

Felix Rauner leitet die Forschungsgruppe Berufliche Bildung an der Uni Bremen

Academic drift heißt der weltweite Trend zur Akademisierung der Bildung. Er wird angetrieben durch das Interesse ehrgeiziger Eltern, ihren Kindern – zunehmend ihrem einzigen Kind – eine akademische Bildung zu ermöglichen. In vielen Ländern reagieren Politiker darauf mit einer College for all- Politik – Uni für alle. Mit bizarren Folgen: In den USA und den Ballungszentren Chinas führt die Akademisierung der Bildung, verstärkt durch die Stigmatisierung beruflicher Bildung, zur Einrichtung von ein- und zweijährigen Alibi-Studiengängen auf dem Niveau von Berufsfach- und Fachschulen. In den USA kann man sogar im Studienmodell Some College Zertifikate wie Wedding Planning oder Home and Gardening erwerben, damit man als College-Absolvent und nicht als Versager gilt. Steigen dadurch die Bildungschancen der Jugendlichen? Steigt die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen im Land? Antwort: Nein.

Wie viele Studienanfänger also braucht das Land? Die Beschäftigungssysteme hoch entwickelter Länder haben derzeit etwa einen Bedarf an 20 Prozent Hochqualifizierten. Diese Quote wird in Zukunft kaum steigen, weil Betriebe zunehmend Hierarchien abbauen und Kompetenzen und Verantwortung »nach unten« in die direkt wertschöpfenden Prozesse verlagern. Zugleich ist mit steigendem Bedarf an Hochqualifizierten in der Forschung und Entwicklung zu rechnen. Die aktuelle Studentenanfängerquote in Deutschland reicht aus, diesen Bedarf zu decken, vor allem dann, wenn die sehr hohe Abbrecherquote gesenkt wird.

Mit einer Erhöhung der Studentenquote handeln wir uns dagegen allerlei Probleme ein: Die Studenten sind frustriert, wenn sie nach einem überlangen Bildungs(um)weg schließlich eine Beschäftigung aufnehmen, die aus ihrer Sicht unter ihrem Niveau liegt. Die Hochschulen betreuen eine unverhältnismäßig große Zahl von Studenten, die schon bald ihr Interesse an einer wissenschaftlichen Ausbildung verlieren und nur noch eins wollen: die Universität schnell verlassen. Und die Gesellschaft kommt dieses Umwegsystem teuer zu stehen.

College for all, das zeigen die internationalen Erfahrungen, funktioniert nicht. Deutschland kann daraus lernen. Es spricht alles dafür, zwei Zugänge zur höheren Bildung, den akademischen und den beruflichen, beizubehalten und die Durchlässigkeit zwischen akademischen und beruflichen Bildungsgängen nach dem Vorbild der Schweiz auszubauen. Dazu gehört, Meister nicht einfach zu einem Bachelorstudium zu ermutigen und zuzulassen. Denn die theoretischen Grundlagenveranstaltungen des Studiums sind auf Abiturienten zugeschnitten, nicht jedoch auf die fortgeschrittenen beruflichen Kompetenzen und Erfahrungen eines Meisters. Ein Meister in einem Bachelorstudiengang verliert drei Jahre Arbeitserfahrung und wird eher dequalifiziert als weitergebildet. Sinnvoll ist es, dass Hochschulen berufsbegleitende Masterstudiengänge einrichten, die auf der Kompetenz von Meistern aufbauen.

Innovativ wäre außerdem die bundesweite Einführung des Berufsabiturs nach Schweizer Vorbild auch als Regelzugang für ein Fachhochschulstudium sowie eine Regelung zur Einstufung von Abiturienten mit abgeschlossener Berufsausbildung in verwandte hochschulische Studiengänge oder auch ihre Zulassung zum Bachelorexamen.

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Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

was soll das?

Wollen Sie aus Deutschland die Werkbank Europas machen? Sollen alle jetzt ihr Studium abbrechen und eine Lehre machen?
Außerdem ist es grotesk das Sie den Bachelorn die Berufsqualifizierung einfach absprechen wollen. Einfach mal schreiben: "wurde nachgewiesen" zeugt von keiner guten wissenschaftlichen Denkweise!
Now I have a bachelor degree, but I don’t have any skills : Dem setze ich mal DAS Abimotto entgegen: Nichts gerafft und doch geschafft. Wer mit solchen Sätzen seinen Standpunkt stärken will...

Was das Thema angeht: Soweit ich weiss werden Meister nicht so einfach zugelassen in Deutschland. Ich hatte in meinem Jahrgang (Maschinenbau, Bachelor) einen Meister der mit einer Sondergenehmigung studieren durfte. Studium für alle um jeden Preis ist natürlich Quatsch, aber wir sollten uns meiner Meinung wirklich bemühen die Schüler besser zu fördern um nach Möglichkeit viele Schüler an die Unis zu schaffen. (Allerdings in vernünftige Studiengänge, da hat der Autor recht). Aber wollen wir wirklich ein Land von Facharbeitern werden? Ist nicht negativ gemeint, hab selber ne Lehre gemacht. Die Qualität unsere Produkte schaffen die Facharbeiter, aber Innovationen? MP3 wurde bestimmt nicht von einem Radio- und Fernsehtechniker erfinden, sonder vonj Leuten die mal was von Fourier gehört haben.

Felix Rauner vs. Jutta Allmendinger

Also ich bin eher auf der Seite von Felix Rauner, als auf der von Jutta Allmendinger. Ich bin zwar der Meinung, dass Flexibilität eines Arbeitnehmers zunehmen sollte, aber die fachliche Kompetenz ist für mich deutlich wichtiger. Klar ist es wichtig sich an bestimmte Situationen anzupassen, aber es können eben viele Berufe nur von Spezialisten ausgeübt werden. Jeder der eine breite Bildung hat, muss sich danach erst einmal spezifizieren, um diesen ansprüchen zu genügen. Viele Studenten müssen sich ja erst einmal mit Praktika als "arbeitstauglich" erweisen, wenn ihr Studium nicht schon viele, der Berufswelt zugewante Praktika hatte (Chemie, Physik, Biologie). Da ist das duale System einfach schneller und besser an die Bedürfnisse eines normalen Arbeitnehmers angepasst. Außerdem gefällt mir der Gedanke, des spezifischen Masters.
Ich muss aber auch sagen, wenn man die Idee des Bachlor-Master-Systems besser umgesetzt hätte, wäre es eine ernstzunehmende Alternative für die Breite. Aber solange ein Absolvent nach seinem Abschluss nicht direkt arbeiten kann, ist dieser Bachlor sinnlos. Entweder man hätte ihn so konzipiert, dass nach dem Bachlor ein Master folgen "muss" (dann aber 2 Jahre Bachlor und 2 Jahre Master) oder spezieller und berufsnäher gestalten müssen.