Welch Paradox: Die Schweiz hat in ihrer Geschichte noch nie einen so guten Nachbarn gehabt wie die Europäische Union – aber viele Schweizer stellen sie als Bürokratie des Bösen hin. Vielleicht schwingt darin Wehmut mit, Wehmut nach der Zeit, da die Eidgenossenschaft von Feinden umzingelt war: Der Zusammenhalt unserer heterogenen Nation war nie so fest wie in der Epoche des Nationalsozialismus. Wer wie die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) die Europäische Union sogar zum "Vierten Reich" stempelt, will jenes alte Gefühl der Bedrohung wachrufen – als verdankten wir unseren Zusammenhalt mehr äußerem Druck als inneren Werten. Ist es das Verhängnis der heutigen Schweiz, dass sie von Freunden umzingelt ist?

In sieben Jahrhunderten Schweizer Geschichte hatten wir noch nie ein so friedliches Umfeld wie dasjenige, das die EU zu schaffen wusste. Der europäischen Einigung verdanken wir Ordnung und Stabilität auf unserem Kontinent, doch die Europafeinde im Lande schmähen die Europäische Union als "intellektuelle Fehlkonstruktion".

Ohne die EU freilich wäre geschehen, was der Zusammenbruch eines Imperiums unweigerlich nach sich zieht: Krieg, endlose Wirren. Friedlich verlief jedoch der Zusammenbruch des sowjetischen Reichs in Ost- und Mitteleuropa. Im Einzugsgebiet der EU – überall dort, wo sie den Ländern eine Beitrittsperspektive eröffnen konnte – herrscht Frieden. Überall dort hingegen, wo sich ein EU-Beitritt von vornherein verbot (wie im Falle Serbiens und seines Diktators Milošević), kam es wieder zum Aufprall der Nationalismen und zum Blutbad auf unserem Kontinent.

Wie hat aber die Europäische Union diesen Frieden – man darf ihn den EU-Frieden nennen – in ihrem Einflussbereich gesichert? Die Beitrittskandidaten mussten ihre Ultranationalisten à la Milošević im Zaum halten, die mit aller Macht ins ideologische Vakuum drängten, welches der Kommunismus hinterlassen hatte. Und um beitrittsfähig zu werden, packten die Regierungen jene Reformen an, die in der Slowakei wie in Slowenien Wachstum und Wohlstand brachten, die Gesellschaft stabilisierten.

Nur dank der EU ist die Transformation von Mittel- und Osteuropa erfolgreich verlaufen. Der Europäischen Union verdankt unser Kontinent einen Rahmen, die EU sorgt für Disziplin. Welch eine Hybris, sie als "intellektuelle Fehlkonstruktion" zu schelten: jene EU, die dafür sorgt, dass wir erstmals seit Jahrhunderten auf einem friedlichen und freiheitlichen Erdteil leben. Der Friede währt seit gut sechzig Jahren, anfangs dank der Nato, seit dem Mauerfall dank der Europäischen Union.

Und noch ein Schweizer Widerspruch: Unser Land ist eine Schweizerische Eidgenossenschaft inmitten einer Europäischen Eidgenossenschaft, die vor unseren Augen entsteht. Doch ausgerechnet Schweizer verteufeln diese EU, die auf gut eidgenössische Art und Weise arbeitet, nämlich auf der Grundlage der mühseligen Suche nach Kompromissen und des Ausgleichs der Interessen. "Brüssel" ist wie Bundesbern eine hochkomplexe, aber höchst erfolgreiche Kompromissmaschine.

Europäische Einigung (Rücksicht auf die Nachbarn) und soziale Marktwirtschaft (Rücksicht auf die Schwächeren) sind untrennbar: Auf unserem Kontinent haben sich 27 Nationen zusammengerauft, ein weltweit einzigartiger Erfolg. Und dafür gab es in der Geschichte einen Vorläufer, das Zusammenraufen von 26 Kantonen zur Eidgenossenschaft – ein Prozess, der gewaltsam verlief und Jahrhunderte währte, bis der moderne Bundesstaat 1848 entstand.

Hier zeigt sich ein dritter Schweizer Widerspruch. Die europäische Einigung und der EU-Binnenmarkt tragen wesentlich zu unserem Wohlstand bei, zur Entfaltung unserer Wirtschaft, zum Gedeihen unserer Konzerne. Doch tun wir dauernd so, als wolle uns dieselbe EU übervorteilen. Welches Vokabular ist seit Jahren zu hören im Steuerstreit! Da wütet der Steuerchauvinismus. Ist es denn so, dass wir bei der zunehmenden Internationalität der Wirtschaft zur Kompensation eines mächtigen politischen Nationalismus bedürfen? Die nationalen Aufwallungen, die unser Land übermannen, deuten darauf, dass wir unseren Platz in Europa noch immer nicht gefunden haben.

Wir haben es jedenfalls mit einer EU zu tun, die marktwirtschaftlicher ist als die Eidgenossenschaft – und wir stellen sie hin als Ausbund an Dirigismus. Der europäische Binnenmarkt ist freier und viel älter als der Schweizer Binnenmarkt. Doch viele haben das Gefühl, Brüsseler Planwirtschaftlern ausgeliefert zu sein.

Und ein vierter Widerspruch: Was wirft ein Großteil der Schweizer Meinungsmacher der Europäischen Union vor? Dass sie undemokratisch sei. In der Tat haben europäische Pioniere wie Jean Monnet und Robert Schuman nach dem Zweiten Weltkrieg zuerst das europäische Haus des Friedens errichtet, denn das war vordringlich: Sie setzten alles daran, eine Wiederholung der Katastrophe zu vermeiden. Danach begann man, das Haus des Friedens zum Haus der Demokratie auszubauen.

Und selbstverständlich ist ein Staatenbund weniger demokratisch, weil Regierungen miteinander verhandeln, bevor sie den Parlamenten und Völkern Kompromisspakete vorlegen, zu denen man nur noch Ja oder Nein sagen kann (wobei unter den Tisch fällt, dass diese Regierungen demokratisch gewählt sind, dass das EU-Parlament immer mächtiger wird und dass der neue EU-Vertrag auch die nationalen Parlamente stärkt). Was wäre freilich die Alternative, damit sich eine europäische Demokratie vollends entfalten kann? Ein europäischer Bundesstaat! Jedoch ist gerade ein solcher "Superstaat" die Horrorvision derer, die der EU ihren Mangel an Demokratie vorhalten. Das Ergebnis ihrer Kritik würden sie noch viel härter kritisieren. Was immer die EU also tut, sie wird attackiert. Wird sie demokratischer, gilt sie als Superstaat. Bleibt sie ein Staatenbund, gilt sie als undemokratisch.